Blutige Hinterlassenschaft Sadrs Religionsgericht soll Todesurteile vollstreckt haben

Nach dem Abzug der Aufständischen aus der Imam-Ali-Moschee werden die Spuren der Sadr-Herrschaft in Nadschaf sichtbar. In einem Gebäude in der Altstadt fanden irakische Polizisten Opfer eines Religionsgerichts, in dem Sadr offenbar eigenmächtig Todesurteile vollstrecken ließ.


Nadschaf - In dem Gebäude fanden Polizisten zehn teilweise verkohlte Leichen, darunter die einer älteren Frau. Das Gericht soll Verfahren gegen mehrere hundert Personen wegen des Verkaufs von Alkohol und ähnlicher Vergehen geführt haben. Ein Mitarbeiter des Gerichts sagte jedoch, bei den Toten handle es sich um Milizionäre, die bei den dreiwöchigen Kämpfen mit irakischen und amerikanischen Truppen ums Leben gekommen seien.

Vor der Moschee warfen Rebellen ihre Gewehre auf Holzkarren und legten ihre schwarzen Kampfanzüge ab. Mindestens vier verwesende Leichen wurden herausgetragen. Vertraute Sadrs übergaben den Schlüssel zum heiligen Schrein dem Großajatollah Ali al-Sistani. Jugendliche Kämpfer begrüßten die zehntausenden, an zerstörten Häusern vorbei strömenden Menschen. "Willkommen im Schrein, Pilger", riefen sie.

Schiiten im ganzen Land waren dem Ruf Al-Sistanis gefolgt und nach Nadschaf gekommen. Viele weinten beim Betreten der Moschee. Andere küssten den Boden und die reich verzierten Wände. Vor dem Eingang bildeten sich lange Schlangen. Nach dem Abzug der Kämpfer wurden die Tore der Moschee verschlossen. Die irakische Polizei übernahm die Kontrolle in der Umgebung.

Weiter bewaffnete Kämpfer in Nadschaf vermutet

Allerdings wurden noch tausende bewaffnete Rebellen in Nadschaf vermutet. Beobachter wiesen darauf hin, dass Sadr schon mehrfach Waffenstillstandsvereinbarungen gebrochen hat. Irakische Polizisten sperrten das Gelände später vorsorglich ab und durchsuchten die Pilger nach Waffen. Vier Männer mit Granaten wurden festgenommen. Den Aufständischen wird freies Geleit zugesagt, die Opfer der Kämpfe sollen von der Regierung entschädigt werden. Sadr werde vermutlich in seinem Haus in Nadschaf bleiben, sagte ein Vertreter der Übergangsregierung.

Am Vormittag kam es vereinzelt zu Gefechten zwischen der irakischen Polizei und Aufständischen, Heckenschützen feuerten auf US-Soldaten. Die drei Wochen andauernden Kämpfen haben hunderte Menschen das Leben gekostet. Viele Gebäude in der Pilgerstadt sind zerstört. Die irakische Übergangsregierung versprach den Bewohnern Hilfe beim Wiederaufbau.

US-Außenminister Colin Powell zog derweil eine positive Bilanz des US-Einsatzes in Nadschaf. In einem Radio-Interview lobte er das Friedensabkommen. Die Präsenz der US-Truppen in der Region hätte eine Einigung erst möglich gemacht, sagte Powell. Nur unter diesem Druck habe Sadr einem Friedensvertrag zugestimmt. Powell lobte die Zusammenarbeit von irakischen Truppen und US-Militärs. Durch den Einsatz seien Sadrs Truppen deutlich geschwächt worden.



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