Blutige Krawalle in Xinjiang Peking wirft Exil-Uiguren Verschwörung vor

Die Regierung in China bangt um die Stabilität im Land: Neue Unruhen mit mindestens 140 Toten zeigen, wie angespannt und gefährlich die Lage am muslimischen Rand des Riesenreichs ist. Peking hat schon einen Sündenbock gefunden - und beschuldigt Exil-Uiguren, die im Westen Asyl gefunden haben.


Peking - Bilder aus Ürümqi zeigen blutende Menschen, brennende Autos: Mindestens 140 Menschen starben offiziellen Angaben zufolge bei Unruhen am Sonntag in der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang, mehr als 800 wurden demnach verletzt.Warum so viele Menschen ums Leben gekommen sind, ist bislang unklar. Auch gibt es noch keine Angaben darüber, wie viele Uiguren und wieviele Han-Chinesen unter den Toten sind.

Die Berichte über die Ursache des Blutbads widersprechen sich: Staatlichen Medien zufolge haben uigurische Demonstranten Passanten angegriffen, Autos in Brand gesetzt, Barrikaden errichtet. Nach Angaben der chinesischen Behörden wurden 260 Autos zertrümmert oder in Brand gesetzt, 203 Häuser seien teils schwer beschädigt worden.

Die chinesische Führung beschuldigt Exil-Uiguren, die Unruhen angezettelt zu haben. Ein namentlich nicht genannter chinesischer Regierungsbeamter hat nach Berichten der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua die Uiguren-Organisation "World Uyghur Kongress" (WUC) verantwortlich gemacht. Die Proteste seien unter anderem von der Kongressvorsitzenden Rebiya Kadeer angezettelt worden, einer uigurischen Menschenrechtlerin, die in China in Haft saß, zitiert die "New York Times" einen anderen chinesischen Beamten. Derzeit hält sie sich in Washington auf.

Der Vizechef des Kongresses, Asgar Can, lebt in München, wo es eine große Gruppe von Exil-Uiguren gibt. Er weist die Vorwürfe, der WUC und Kadeer seien Schuld an den Unruhen, entschieden zurück. Can sagte SPIEGEL ONLINE: "Die Chinesen suchen die Schuld immer bei anderen, wenn sie Fehler gemacht haben. Es war eine friedliche Demonstration, die durch das Verhalten der Polizei eskaliert ist."

So hätten die Demonstranten chinesische Fahnen in der Hand gehalten, was zeige, dass sie keine Separatisten seien. Laut Can haben die Einsatzkräfte versucht, die Proteste gewaltsam zu beenden. So seien mindestens 17 Menschen von Polizeifahrzeugen überfahren worden. Inzwischen sei der Kontakt des WUC zu den Demonstranten abgebrochen, die Chinesen hätten die Telefonleitungen unterbrochen. Für Dienstagnachmittag plant der WUC Can zufolge eine Demonstration vor dem chinesischen Konsulat in München.

Ein chinesischer Polizeisprecher sagte der Agentur Xinhua, etwa 90 Unruhestifter würden gesucht. "Zehn Rädelsführer" seien festgenommen worden. Die Regierung folgt mit ihren Schuldzuweisungen einem bekannten Denkmuster - bei Unruhen in Tibet verweist sie gerne auf den Dalai Lama als angeblichen Aufrührer. Der geistliche Führer der Tibeter lebt ebenfalls im Exil.

Uigurische Quellen erklärten laut Nachrichtenagenturen, die chinesische Polizei habe eine friedliche Demonstration niedergeschlagen. Auch andere Exilgruppen der Uiguren äußerten scharfe Kritik an den Sicherheitsbehörden. "Wir sind zutiefst traurig angesichts der harten Hand und des Einsatzes von Gewalt durch die chinesischen Sicherheitskräfte gegen friedliche Demonstranten", sagte Alim Seytoff, Vizepräsident der in Washington ansässigen Gruppe amerikanischer Uiguren. "Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, die Tötung unschuldiger Uiguren zu verurteilen", sagte Seytoff.

Die Lage in Ürümqi ist Berichten zufolge weiter angespannt - fast alle Geschäfte in der Stadt sind geschlossen, Arbeiter ziehen zerstörte Fahrzeuge von den Straßen. Die chinesische Staatsmacht demonstriert ihre Stärke: "Überall sind Soldaten, Polizisten stehen an jeder Ecke", berichtet ein amerikanischer Stipendiat, der in Ürümqi lebt, der Nachrichtenagentur AP. Der Verkehr sei komplett zum Erliegen gekommen.

Ausgangspunkt der Unruhen war eine Demonstration von 1000 bis 3000 Uiguren am Sonntag. Sie forderten die Untersuchung einer tödlichen Auseinandersetzung zwischen Mitgliedern ihrer Volksgruppe mit Han-Chinesen in einer Spielzeugfabrik in Südchina.

Augenzeugen berichteten, dass sich die Sicherheitskräfte und die beteiligten Uiguren ein Katz-und-Maus-Spiel geliefert hätten. Ein chinesischer Mitarbeiter eines Hotels am Platz des Volkes im Zentrum von Ürümqi berichtete, er habe Schüsse gehört und gesehen, wie gepanzerte Fahrzeuge auffuhren. In Fernsehbildern war schwarzer Rauch über den Straßen zu sehen. Mehrere Fahrzeuge lagen brennend auf der Seite.

Die Uiguren sind eine muslimische Minderheit in Westchina. Mehr als acht Millionen von ihnen leben in der Region Xinjiang im Westen Chinas, einem ethnischen Konfliktherd. Seit sich Peking das Gebiet im Nordwesten 1955 als "Autonome Region" einverleibte und Han-Chinesen ansiedelte, kämpfen die Uiguren für die Unabhängigkeit des ehemaligen Ostturkestans.

China macht die Separatisten für rund 300 Anschläge mit mehr als 160 Tote seit 1990 verantwortlich. Vier Uiguren-Gruppen wurden zu terroristischen Vereinigungen erklärt. Menschenrechtsgruppen werfen der chinesischen Regierung vor, die Volksgruppe mit Folter, Massenverhaftungen und Todesurteilen zu unterdrücken. Seit Mitte der neunziger Jahre wurden laut Amnesty International über 3000 Uiguren verhaftet und mehr als 200 hingerichtet.

Für Peking ist die Provinz Xinjiang von großer strategischer Bedeutung. Xinjiang grenzt unter anderem an Pakistan und Afghanistan und ist reich an Bodenschätzen wie Kohle, Gold und Uran. Es werden große Vorkommen von Erdöl und Erdgas vermutet. In dem Gebiet, das fast fünfmal so groß ist wie Deutschland, leben nur etwa 19,6 Millionen Menschen. Fast die Hälfte sind muslimische Uiguren, mehr als 40 Prozent Han- Chinesen - mit zunehmender Tendenz.

anr/cte/AP/AFP/Reuters/dpa



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