Blutige Unruhen Deutsche Botschaft evakuiert Ausländer aus Südkirgisien

Heftige Kämpfe haben Kirgisien erschüttert - und Hunderttausende flüchten. Sie brauchen dringend Hilfe. Auch Ausländer versuchen, sich aus dem umkämpften Süden des Landes zu retten. Doch wer steckt hinter den blutigen Unruhen? Die Übergangsregierung verdächtigt den gestürzten Präsidenten.

AP

Genf/Bischkek - Die Situation in Kirgisien ist dramatisch - viele fürchten einen Bürgerkrieg in dem zentralasiatischen Land. Bei den blutigen Unruhen sind nach Einschätzung des Roten Kreuzes deutlich mehr Menschen ums Leben gekommen, als von den Behörden bislang angegeben. Von "mehreren hundert Toten" sprach das Internationale Komitee vom Roten Kreuz am Dienstag. Die kirgisische Regierung sagte zuletzt, 170 Menschen seien gestorben und fast 1800 verletzt worden.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) warnte vor einer weiteren Eskalation in Kirgisien. Die Organisation sei "in tiefer Sorge" über die Entwicklungen in dem Konfliktgebiet, hieß es in einer Erklärung. Auch der Uno-Sicherheitsrat verurteilte die Gewalt und verlangte eine Beilegung des Konflikts zwischen Usbeken und Kirgisen.

Hunderttausende Menschen, die der usbekischen Minderheit angehören, fliehen vor der Gewalt. Neunzig Prozent der Flüchtlinge sind nach Angaben der Hilfsorganisation Unicef Frauen und Kinder. Sie versuchen, sich ins Nachbarland Usbekistan zu retten. Dort hat man bislang 45.000 Flüchtlinge registriert - aber am Dienstag die Grenze zu Kirgisien geschlossen. "Wir haben einfach keine Kapazitäten mehr", sagte der usbekische Vizeregierungschef. Doch nach Angaben der Hilfsorganisation Unicef brauchen die dort gestrandeten Menschen dringend Hilfe: "Zahlreiche Patienten mit Schusswunden müssen behandelt werden. Die hygienischen Verhältnisse sind schlecht."

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und das Rote Kreuz haben die Hilfslieferungen nach Kirgisien und in das benachbarte Usbekistan daher ausgeweitet. Das Uno-Welternährungsprogramm (WFP) begann mit einer Notmission, und die Welthungerhilfe stellte 100.000 Euro für die Opfer der Unruhen bereit. Die Europäische Union stellte fünf Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung, die Bundesregierung beteiligte sich mit 500.000 Euro.

Am Dienstag gingen die Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Angehörigen der usbekischen Minderheit im Süden des Landes weiter, bestätigte der regionale Polizeichef. In der Stadt Osch hatten bereits am Wochenende die heftigsten Kämpfe zwischen den Volksgruppen getobt. Teile der Stadt liegen in Trümmern.

Deutsche Botschaft evakuiert Europäer und Amerikaner

Wegen der blutigen Zusammenstöße brachte die Bundesregierung in der Nacht zum Dienstag 89 Ausländer aus Osch in Sicherheit. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte das Auswärtige Amt in Berlin bereits am Samstag entschieden, ausländische Bürger auszufliegen. Gleichwohl stieß die Operation auf Schwierigkeiten: Die Ausländer, darunter 40 EU-Bürger und 31 Amerikaner, harrten bereits seit Montag morgen in einem Gebäude in Osch aus, konnten jedoch nicht über die umkämpften Straßen bis zum Flughafen vordringen, da kirgisische Behörden die Sicherheit des Konvois nicht gewährleisten konnten.

Die regulären Truppen der Übergangsregierung in Bischkek operierten bereits am Rande ihrer Kapazitäten, teilte das kirgisische Verteidigungsministerium dem Auswärtigen Amt mit. Kirgisische Grenzschutztruppen eskortierten die Ausländer erst nach langem Warten am Dienstag erfolgreich zum Flugfeld.

Zunächst hatten die deutschen Behörden erwogen, Transall-Maschinen der Bundeswehr aus dem nahen Afghanistan nach Osch zu entsenden, charterten dann jedoch vor Ort zwei Antonow-Maschinen russischer Bauart. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes führten die Deutschen damit erstmals federführend eine Evakuierung von Ausländern aus einem Krisengebiet durch.

Auch China flog seine Staatsbürger aus dem zentralasiatischen Land aus. Am Dienstagmorgen trafen zwei Flugzeuge mit 195 Chinesen in Urumqi ein, wie das Außenministerium mitteilte. Dem Ministerium zufolge haben rund 600 der mehr als 1000 chinesischen Staatsbürger im Süden Kirgisiens darum gebeten, in Sicherheit gebracht zu werden.

"Die Gewaltakte scheinen fein abgestimmt"

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen wurden die Unruhen offenbar von langer Hand vorbereitet. "Die Gewaltakte scheinen fein abgestimmt, gezielt und gut geplant zu sein", sagte Uno-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay und forderte die Behörden zu raschem Handeln auf. Ihr Sprecher sagte, die ersten fünf Zusammenstöße in der zweitgrößten kirgisischen Stadt Osch hätten zeitgleich begonnen.

Die Hinweise verdichten sich, dass der vor zwei Monaten gestürzte Präsident Kurmanbek Bakijew hinter den Auseinandersetzungen steckt. "Niemand bezweifelt, dass er beteiligt ist", sagte Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa am Dienstag. Otunbajewa führt das Land seit dem blutigen Sturz des Bakijews im April. Bakijew selbst hält sich im weißrussischen Exil auf, ihm wird der Tod von 87 Demonstranten zur Last gelegt. Weißrussland teilte am Dienstag mit, ein kirgisisches Auslieferungsgesuch abgelehnt zu haben.

Der stellvertretende kirgisische Sicherheitschef Kubat Baibalow berichtete, dass eine ausgebildete Gruppe von bewaffneten Männern aus dem angrenzenden Tadschikistan vergangene Woche aus einem Auto mit getönten Fensterscheiben das Feuer auf Usbeken und Kirgisen eröffneten, um beide Gruppen gegeneinander aufzuwiegeln. "Ihre Auftraggeber stehen der Familie Bakijews nahe", sagte Baibalow. Zuvor hatte die kirgisische Regierung mitgeteilt, dass Verdächtige aus Tadschikistan, Afghanistan und Kirgisien bei ihrer Festnahme ausgesagt hätten, im Auftrag von Bakijew-Anhängern die Unruhen geschürt zu haben.

Volksabstimmung soll stattfinden

Bakijew, der nach seinem Sturz nach Weißrussland geflohen war, wies jegliche Verantwortung für die Ausschreitungen zurück. Während ein Großteil der usbekischen Minderheit die Übergangsregierung unterstützt, ist er unter den Kirgisen in seiner Heimat im Süden des Landes weiterhin beliebt. Etwa 15 Prozent der fünf Millionen Einwohner Kirgisiens haben usbekische Wurzeln. Im Süden des Landes ist ihr Anteil aber deutlich höher.

Otunbajewa nahm indes eine Bitte um internationale Friedenstruppen zurück. "Wir hoffen, mit der Situation mit unseren eigenen Kräften fertig zu werden", sagte sie. An der geplanten Volksabstimmung über eine neue Verfassung am 27. Juni will die Übergangsregierung demnach festhalten.

kgp/beb/apn/AFP/dpa

insgesamt 209 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
atipic, 14.06.2010
1. ?
Als in Jugoslawien die Serben angefangen haben die albanische Separatisten/ Terroristen aus Kosovo zu vertreiben, hat die NATO (und auch Deutschland) Belgrad angegriffen. Und jetzt? Warum gibt es keinen Krieg gegen die Regierung in Bischkek? Was tut die NATO?
Eppelein von Gailingen 14.06.2010
2. Wenn es in Kirgisien drunter und drüber geht,
Zitat von sysopDie Lage in der Ex-Sowjetrepublik Kirgisien ist angespannt. Bei den Unruhen sollen weitaus mehr Tote zu beklagen sein, als angenommen, Hunderttausende sind auf der Flucht. Jetzt droht auch die Verschiebung der für den 27. Juni geplanten Volksabstimmung über eine demokratische Verfassung. Wie kann das Land zu politischer Stabilität zurückfinden?
wird unser Gutmensch Talmi-Kanzlerin bald wieder auf sich aufmerksam machen, ein paar Millionen € dorthin zu verschenken.
S_L420 14.06.2010
3. .
Was denn nun? Kirgisien, Kirgistan oder Kirgisistan...man kennt sich ja gar nicht mehr aus!
Odde23 14.06.2010
4. Titel sind doof
Zitat von atipicAls in Jugoslawien die Serben angefangen haben die albanische Separatisten/ Terroristen aus Kosovo zu vertreiben, hat die NATO (und auch Deutschland) Belgrad angegriffen. Und jetzt? Warum gibt es keinen Krieg gegen die Regierung in Bischkek? Was tut die NATO?
Die NATO ist inzwischen in so vielen Krisengebieten aktiv, dass weitere Einsätze meiner Meinung nach gar nicht mehr möglich sind. Abgesehen davon gehört das Territorium zum ehemaligen Einflussbereich des Warschauer Pakts. Regulativ wäre hier Russland eher zuständig als die NATO. Doch auch Russland hat militärisch schon so viele Baustellen, dass man sich hier wahrscheinlich nicht auch noch die Finger verbrennen will. Also bleiben nur UNO-Schutztruppen.
friedrichii 14.06.2010
5. ja
Zitat von atipicAls in Jugoslawien die Serben angefangen haben die albanische Separatisten/ Terroristen aus Kosovo zu vertreiben, hat die NATO (und auch Deutschland) Belgrad angegriffen. Und jetzt? Warum gibt es keinen Krieg gegen die Regierung in Bischkek? Was tut die NATO?
Ich nehme mal an, daß Sie Ihren Beitrag sarkastische meinen. Möglicherweise wird ja derzeit an einem neuen "Hufeisenplan" gebastelt... Aber das Schröder, Fischer und Scharping ja nicht mehr im Amt sind und ihre mafiösen Albanerverbindungen verteidigen müssen, läuft das möglicherweise anders. http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/science/rez-hartmann.html Mal ernsthaft: Kirgisien ist eigentlich ein Vielvölkerstaat. Wenn es dort derzeit ausgerechnet in dieser Gegend zum Streit mit den Usbeken kommt, dürfte die Schuld zum großen Teil bei diesen liegen. Was immer auch der Grund dafür ist. Rußland wird sich da schon einmischen, es ist immerhin ein Teil der ehemaligen SU und in den letzten Jahren kam es zu immer mehr neuer Annäherung. Bishkek (Frunse) war in der SU ein bedeutendes Wissenschaftszentrum. Allerdings haben die Russen bei ihrem Abzug dort sehr viel demontiert. Auch die USA haben dort übrigens einen Stützpunkt, zur Versorgung Afghanistans.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.