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13. Juni 2010, 23:23 Uhr

Blutige Unruhen

Russland schickt Truppen nach Kirgisien

Tausende Flüchtlinge und über hundert Tote: Aufgrund der andauernden Kämpfe hat Russland jetzt Soldaten nach Kirgisien entsandt. Die kirgisische Regierung will ihre Bürger per SMS über die blutigen Unruhen auf dem Laufenden halten - Medien und Internet sind vielerorts ausgefallen.

Moskau - In Kirgisien eskaliert die Gewalt zwischen den rivalisierenden Volksgruppen zunehmend. Angesichts der seit drei Tagen andauernden Unruhen hat Russland jetzt zusätzliche Soldaten in die zentralasiatische Republik entsandt. Über hundert Fallschirmjäger sollen die Sicherheit des dortigen russischen Luftwaffenstützpunkts in Kant verbessern. Interimspräsidentin Rosa Otunbajewa hatte Russland am Samstag um militärische Unterstützung gebeten.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich in einer Erklärung "alarmiert" über die Gewalt zwischen den beiden größten Bevölkerungsgruppen Kirgisen und Usbeken und die Zahl der Opfer und Flüchtlinge. Wegen der blutigen Unruhen in Kirgisien haben bereits viele Angehörige der usbekischen Minderheit das Land verlassen. Nach Angaben des stellvertretenden Kommandeurs der kirgisischen Grenzposten haben die usbekischen Behörden die Grenze mittlerweile jedoch geschlossen. Die russische Nachrichtenagentur RIA zitierte einen Vertreter des usbekischen Katastrophenministeriums mit der Aussage, 75.000 Flüchtlinge könnten die Grenze überschritten haben.

Ein Vertreter des Roten Kreuzes in Usbekistan sagte, die Zahl sei zwar deutlich niedriger, es seien jedoch wohl mehrere tausend. Auch eine Human-Rights-Watch-Mitarbeiterin sprach von mehreren Tausend Flüchtlingen. Einige hätten die Grenze überschritten, andere hätten sich auf der kirgisischen Seite versammelt, vor allem Frauen und Kinder. "Die Männer sind geblieben. Sie sind entweder tot oder in Osch und versuchen, die Häuser zu schützen, die noch nicht in Brand gesteckt wurden."

Viele der Flüchtlinge hätten bei den Ausschreitungen im Süden Kirgisiens Schussverletzungen erlitten. Die Zahl der Todesopfer stieg am Sonntag auf weit über hundert. Rund 1250 Menschen wurden bei den am Donnerstagabend ausgebrochenen Unruhen verletzt, teilte das kirgisische Gesundheitsministerium mit.

Die kirgisische Regierung will derweil die Menschen in dem von blutigen Unruhen erschütterten zentralasiatischen Land per SMS auf dem Laufenden halten. Von diesem Montag an würden die verunsicherten Kirgisen mit Textnachrichten über Handy informiert, weil Internet und Medien vielerorts nicht funktionierten. Das teilte die Regierung nach Angaben der Agentur Interfax mit. Damit solle auch Gerüchten vorgebeugt werden, die zu immer neuen Spannungen in der Krisenregion führten. Es handele sich um "lebenswichtige Informationen", hieß es.

Uno lässt Bedarf an humanitärer Hilfe ermitteln

Triumphierende Kirgisen übernahmen am Sonntag die Kontrolle über die Stadt Osch, die wenigen verbliebenen Usbeken verbarrikadierten sich in ihren Vierteln. Auch in der weiter nördlich gelegenen Großstadt Dschalal-Abad und den umliegenden Dörfern zündeten marodierende Gruppen gezielt Häuser und Geschäfte von Usbeken an. In dem Gebiet um Osch und Dschalal-Abad gehört etwa die Hälfte der Bevölkerung der usbekischen Volksgruppe an, im ganzen Land sind es knapp 15 Prozent der Bevölkerung.

Ban lasse derzeit den Bedarf an humanitärer Hilfe ermitteln. Der Uno-Generalsekretär habe am Sonntag mit dem kasachischen Außenminister Kanat Saudabajew telefoniert, der derzeit den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) innehat. Drei OSZE-Gesandte seien vor Ort beziehungsweise auf dem Weg nach Kirgisien, die EU werde ihre Mission koordinieren, teilte Ban mit.

Spannungen zwischen Kirgisen und Usbeken gibt es in Kirgisien schon seit Jahrzehnten. 1990 kamen bei Auseinandersetzungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen in der Region Osch mehrere hundert Menschen ums Leben. Nur durch den Einsatz der Roten Armee konnten die Kämpfe beendet werden.

Präsidentin Otunbajewa machte für die Exzesse Anhänger des vor zwei Monaten gestürzten autoritären Präsidenten Kurmanbek Bakijew verantwortlich, der in Weißrussland im Exil lebt. Diese wollten "mit aller Macht" die für den 27. Juni geplante Volksabstimmung über eine neue Verfassung zum Scheitern bringen. Das Referendum soll helfen, demokratische Strukturen in dem Land aufzubauen. Der Süden gilt als Hochburg des Bakijew-Clans. Außer den Anhängern des Ex-Präsidenten hatten sich auch Angehörige der usbekischen Minderheit an den Straßenschlachten beteiligt. Andere protestierten gegen zu hohe Lebensmittelpreise.

lgr/AFP/apn/dpa/Reuters

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