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Bluttat in London Pakistan rätselt über Mord an Exil-Politiker

War es ein politisch motivierter Mord oder ein Raubüberfall? Der pakistanische Politiker Imran Farooq wurde vor seiner Londoner Wohnung getötet. Auch in Karatschi herrscht nun Alarmstimmung.

Er wollte kurz frische Luft schnappen und ging deshalb noch einmal in den nahe gelegenen Park. Gegen 19.30 Uhr Londoner Ortszeit kehrte Imran Farooq zu seiner Wohnung zwischen den Vororten Edgware und Mill Hill zurück, im Norden der britischen Hauptstadt. Zu dieser Zeit müssen ein oder mehrere Täter den pakistanischen Politiker, der seit 1992 im Exil lebte, überfallen und mit einem Messer angegriffen haben. Als wenig später Rettungskräfte eintrafen, fanden sie einen Mann mit Stichwunden und Kopfverletzungen. Er sei noch am Tatort gestorben, teilte die Polizei mit.

Pakistan

Imran Farooq, 50, ist Gründungsmitglied der drittgrößten pakistanischen Partei Muttahida Qaumi Movement (MQM), die in der südlichen Provinz Sindh sowie in der Hauptstadt Islamabad mit der Volkspartei PPP von Präsident Asif Ali Zardari an der Regierung beteiligt ist. Die MQM vertritt die Interessen der Pakistaner, die nach der Trennung von Indien 1947 ins heutige übersiedelten. Vor allem in der Hafenmetropole Karatschi ist die MQM stark vertreten.

Allerdings liefern sich die MQM und die Partei Awamy National Party (ANP) seit Jahren blutige Kämpfe. Die ANP ist die Partei der Paschtunen, die in Sindh zunehmend an Einfluss gewinnen. Beide Seiten geben bei bezahlten Killern Anschläge in Auftrag. Die Attentäter fahren dann in der Regel zu zweit per Motorrad zu ihrem Ziel; der Sozius feuert eine Salve auf das Opfer, während der Fahrer für eine rasche Flucht sorgt.

"Target Killing" nennen die Menschen dieses grausige Phänomen in Karatschi - gezieltes Töten.

Die Opfer sind mal prominente Politiker, mal einfache Parteihelfer. Allein im August hatte der Mord an einem MQM-Abgeordneten und seinem Leibwächter in Karatschi für schwere Unruhen gesorgt, bei denen 45 Menschen ums Leben kamen und mehrere hundert verletzt wurden.

Wütende Anhänger schießen Gewehrsalven in die Luft

Auch Farooq wurde vorgeworfen, in die Ermordung von politischen Gegnern verwickelt zu sein. Als das Militär und Angehörige der MQM sich Anfang der neunziger Jahre heftige Kämpfe lieferten, tauchte Farooq 1992 unter. Später gelang ihm mit falschem Pass die Flucht ins Ausland, 1999 beantragte er in Großbritannien politisches Asyl. Seit seiner Flucht wird er von der Polizei in Pakistan gesucht, er ist deshalb nicht wieder in sein Heimatland zurückgekehrt. Farooq betonte regelmäßig, mit der Gewalt gegen Militärs und politische Gegner nichts zu tun zu haben.

MQM-Politiker erklärten SPIEGEL ONLINE am Freitag, Farooq habe trotz seines Exils großen Einfluss auf die Partei gehabt. Bislang ist unklar, ob Farooq einem politisch motivierten Mord zum Opfer gefallen ist oder ob es sich um einen Raubüberfall handelte. Nach Angaben eines Angehörigen Farooqs habe ein Einzeltäter den Mann attackiert. Die Londoner Polizei teilte mit, es habe sich niemand zu der Tat bekannt und es habe auch noch keine Festnahme gegeben. Man ermittele "in alle Richtungen".

Die MQM versuchte am Donnerstagabend, den Tod von Farooq zunächst geheim zu halten, um Unruhen und mögliche Racheakte zu verhindern. Zuvor hatten sich Tausende von Parteimitgliedern in mehreren pakistanischen Großstädten versammelt, um den 57. Geburtstag des Gründungsvaters und Parteichefs Altaf Hussain an diesem Freitag zu feiern. Auch Hussain lebt in London. Am Abend schickten hochrangige Politiker Gäste der Feiern ohne Angabe von Gründen nach Hause und beriefen stattdessen in Karatschi und London Krisensitzungen ein.

Als sich die Nachricht von der Ermordung herumsprach, kam es in Karatschi in der Nacht zu vereinzelten gewalttätigen Demonstrationen. Wütende MQM-Anhänger schossen Gewehrsalven in die Luft, die Polizei meldete, dass in einigen Stadtteilen Autos angezündet worden seien. Am Freitag blieben viele Schulen und Geschäfte aus Angst vor Gewalt geschlossen.