Bluttat in Pakistan "Nach diesem Anschlag wird es keinen Wahlkampf mehr geben"

Radikale Islamisten oder der Geheimdienst - wer steckt hinter dem Attentat auf Pakistans Oppositionsführerin Bhutto? Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erhebt der Schriftsteller Ahmed Rashid Vorwürfe gegen die Sicherheitsbehörden und analysiert mögliche Auswirkungen auf den Wahlkampf.


SPIEGEL ONLINE: Herr Rashid, die Drohungen islamistischer Terroristen im Vorfeld der Rückkehr von Benazir Bhutto nach Pakistan, Anschläge zu verüben, sind blutige Realität geworden. Auch Präsident Musharraf hatte gefordert, Bhutto möge ihre Reise verschieben. Musste die Oppositionsführerin gerade jetzt ins Land kommen?

Rashid: Bhutto hielt es für nötig, mit ihrer Rückkehr ein politisches Signal zu setzen. Nach neun Jahren im Ausland konnte sie nicht klammheimlich zurückkehren, sondern musste dies mit einer großen Parade inszenieren.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch: Sie muss sich darüber im Klaren gewesen sein, dass ihr Triumphzug ein hohes Risiko birgt.

Rashid: Sie musste dem ganzen Land zeigen, dass sie viele Anhänger und Unterstützer hat. Sie musste zeigen, dass sie populärer ist als der kürzlich gelandete frühere Premierminister Nawaz Sharif, der gezwungen wurde, das Land umgehend wieder zu verlassen. Sie musste außerdem gegenüber Präsident Musharraf und der Armee Stärke demonstrieren. Und sie musste den USA signalisieren, dass sie es Ernst mit ihren politischen Ambitionen meint.

SPIEGEL ONLINE: Die Suche nach den Hintermännern hat begonnen. Musharraf beschuldigt radikale Islamisten der Tat. Bhuttos Ehemann den pakistanischen Geheimdienst. Wer steckt dahinter?

Rashid: Das ist noch unklar. Es gibt jedoch Spekulationen darüber, dass nicht Islamisten für die Tat verantwortlich sind, sondern gewisse Kreise innerhalb des Regimes, die Bhutto nicht im Land haben wollen. Die Führer von Bhuttos Pakistanischer Volkspartei haben die Regierung und die Sicherheitsdienste beschuldigt, nicht genug getan zu haben, um den Anschlag zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Stimmen Sie dem zu?

Rashid: Ich frage mich schon: Warum tat der Staat nicht mehr für die Sicherheit während der Heimkehr Bhuttos? Tatsache ist: Die Anzahl der Sicherheitskräfte war sehr gering.

SPIEGEL ONLINE: Es hieß, 20.000 Mann seien zum Schutz Bhuttos im Einsatz.

Rashid: Entscheidend ist, dass die Mehrzahl der Sicherheitskräfte aus den Provinzen kam und nicht von Bundeseinheiten gestellt wurden. Man muss wissen: Die Kräfte aus der Provinz werden von einem Gegner von Bhuttos Volkspartei geführt.

SPIEGEL ONLINE: Kann die für Januar geplante Parlamentswahl nach der Bluttat von gestern Nacht noch stattfinden?

ZUR PERSON
Ahmed Rashid

ist pakistanischer Journalist und Wissenschaftler mit Wohnsitz in Lahore. Er ist Autor des Bestsellers "Taliban: Militant Islam, Oil and Fundamentalism in Central Asia”, einem wegweisenden Buch über das Afghanistan vor der amerikanischen Invasion. Darüber hinaus schrieb Rashid 2003 das Buch "Jihad, The Rise of Militant Islam in Central Asia“. Rashid ist der Asian-Korrespondent des "Daily Telegraph" und der "Far Eastern Economic Review".
Rashid: Das ist die große Frage jetzt: Wird die Armee bereit sein, an den Wahlen festzuhalten? Sicherlich wird es nach diesem Anschlag keinen Wahlkampf mehr geben. Denn die Öffentlichkeit wird politische Veranstaltungen meiden. Und so werden wichtige Themen nur unzureichend diskutiert. Selbst wenn die Wahl stattfindet, wird sie nur noch die Hälfte wert sein.

SPIEGEL ONLINE: Sollten die Wahlen verschoben werden?

Rashid: Die Wahlen sollten auf jeden Fall abgehalten werden. Sollten sie ausfallen, würde sich die Krise nur verschärfen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss Musharraf jetzt tun, damit die Lage im Land nicht eskaliert?

Rashid: Er muss das Vertrauen der Opposition gewinnen - was er bisher nicht erreicht hat. Er agiert nach wie vor wie ein Militärdiktator. Er tut so, als ob er alle Trümpfe in der Hand habe, auch wenn das nicht der Fall ist. Er ist äußerst unpopulär. Er sollte der Opposition die Hand reichen und eine nationale Versöhnung einleiten. Politiker im Exil wie Sharif und andere sollten ins Land gelassen werden.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Anschlag für die weitere Entwicklung Pakistans? Werden demokratische Ansätze aus dem Land gebombt?

Rashid: Das glaube ich nicht. Natürlich sind die Menschen jetzt geschockt. Doch sie werden weiterhin Wahlen wollen, weil sie Demokratie wollen. Sie wollen ein Ende der Militärherrschaft.

Das Interview führte Alexander Schwabe



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