Bodenoffensive gestartet Pakistanische Armee greift Taliban-Hochburg an

Unter Feuerschutz der Luftwaffe marschiert die pakistanische Armee in die von Taliban beherrschte Bergregion Waziristan in Nordwestpakistan ein. Dort haben die lokalen Behörden eine Ausgangssperre verhängt. Bei Bombenanschlägen sind drei Soldaten ums Leben gekommen.

Pakistanische Truppen (am 15. Oktober 2009): "Wir sind noch nicht mit allen Kräften vorgerückt"
REUTERS

Pakistanische Truppen (am 15. Oktober 2009): "Wir sind noch nicht mit allen Kräften vorgerückt"

Von , Kabul


Kabul - Die Militäroperation hat begonnen: Einheimische Journalisten teilten SPIEGEL ONLINE mit, dass Soldaten in den südlichen Teil Waziristans einmarschierten. Vorausgegangen waren wochenlange Luft- und Artillerieangriffe in dem Gebiet. Seit Tagen hatte die pakistanische Regierung in Islamabad angekündigt, militärisch gegen die Taliban in der Region Waziristan vorgehen zu wollen. Am Freitag stimmten offiziell sowohl Regierungs- als auch Oppositionsparteien einem solchen Vorgehen zu, auch das Militär signalisierte Bereitschaft.

In den vergangenen Tagen waren nach Angaben von Militärsprecher Generalmajor Athar Abbas bereits zwei Divisionen mit insgesamt 28.000 Soldaten in den angrenzenden Regionen Tank und Dera Ismail Khan zusammengezogen worden. Die Taliban hatten die Regierung gewarnt, eine Bodenoffensive zu starten. Mit einer regelrechten Terrorkampagne in pakistanischen Städten hatten sie versucht, Regierung und Öffentlichkeit einzuschüchtern. Sie hatten gedroht, noch mehr Selbstmordattentäter in die Städte zu schicken, sollte Islamabad eine Bodenoffensive wagen.

Ein Armeeoffizier sagte am Samstag, die Truppenstärke solle noch vor Wintereinbruch auf 60.000 Soldaten anwachsen. Militärs kündigten an, dass die Soldaten vor allem in der Region Mehsud einmarschieren sollen, wo der mächtige Mehsud-Stamm seine Heimat hat. Diesem Stamm gehörte sowohl der im August durch eine US-Drohne getötete Chef der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), Baitullah Mehsud, als auch sein Nachfolger Hakimullah Mehsud an. "Wir sind noch nicht mit allen Kräften vorgerückt, sondern nur mit wenigen Soldaten, die dort erst einmal Fuß fassen sollen", sagte ein Offizier.

Ein weiterer Offizier in der Stadt Peshawar bestätigte mehreren pakistanischen Zeitungen gegenüber ebenfalls einen Vormarsch der Soldaten in "von Taliban beherrschte Gebiete". Es würden Panzer und Artilleriegeschütze dorthin verlegt. Die Luftwaffe flog punktuell Angriffe auf die Taliban und bot der Armee damit Deckung.

Mohammed Khalid Khan, Beamter der Regionalverwaltung von Süd-Waziristan, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, am Samstagvormittag sei eine Ausgangssperre verhängt worden, um den Soldaten ein sicheres Vorankommen zu den Hochburgen der Terroristen zu ermöglichen. Die Ausgangssperre betreffe nur die Straßen und angrenzende Flächen, die Märkte hingegen seien offen. Mitgeteilt wurde die Ausgangssperre nach Angaben der Tageszeitung "Dawn" per Lautsprecher der Moscheen. Die Telefonleitungen aus und nach Waziristan waren zwischenzeitlich unterbrochen, ebenso das Mobilfunknetz.

Tausende Menschen waren in den vergangenen Tagen bereits aus der Region geflohen und hatten Schutz außerhalb Waziristans gesucht, als die pakistanische Luftwaffe punktuell Stellungen der Taliban angriff und die Regierung mitteilte, dass sie eine Militäroperation plane. Allein am Freitag sollen noch einmal rund 10.000 Familien das Gebiet verlassen haben. Schätzungen zufolge leben in Süd-Waziristan etwa 500.000 Menschen.

In Nord-Waziristan explodierte am Straßenrand derweil eine offensichtlich ferngezündete Bombe, als ein Militärkonvoi den Ort passierte. Bei dem Anschlag, der den Taliban zugeschrieben wird, kamen zwei Soldaten ums Leben. Bei einer weiteren Bombenexplosion wurde ein Soldat in Süd-Waziristan getötet.

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Seite 1
eigentlicher_Schwan 04.05.2009
1.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Wenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
mauskeu 04.05.2009
2.
Zitat von sysopImmer näher rücken die Taliban an die Pakistanische Hauptstadt heran und werden zu einer ernsteren Bedrohung für die Regierung. Wie soll sich der Westen verhalten? Was ist generell die richtige Strategie?
Ich könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Justus F. 04.05.2009
3.
Zitat von eigentlicher_SchwanWenn sie das immer tun, muss man damit leben, nicht? Vielleicht sollte die pakistanische Regierung ihre Hauptstadt verlegen?
Genau, nach Berlin. Dann ist unser Kampf sogar gerechtfertigt!
X-Man 04.05.2009
4.
Zitat von mauskeuIch könnte mir vorstellen, dass die pakistanische Führung das SWAT "freiwillig" aufgegeben hat um jetzt eine bessere Front vor sich zu haben. Jetzt haben die Islamisten eine Heimat in Pakistan anstatt überall verstreut als Guerrillas zu fungieren. Jetzt weiss man besser wo die Feinde sind und die Herrschaft der Taliban wird den Rest besorgen. Wäre vielleicht keine schlechte Strategie.
Nettes Gedankenspiel, aber leider Unsinn. Seit dem Rückzug der afghanischen Taliban über die Grenze stand fest dass die FATA die neue Basis der Gotteskrieger sind. Von 2002-2005 entstanden weit über 190 Ausbildungslager in den Stammesgebieten, lokale Milizen verschmolzen durch Allianzen mit Taliban-Elementen, ausländische Gruppen allen voran Al Qaida nisteten sich ein, es entstand eine nicht homogene aber ideologisch eng verstrickte Bewegung deren mächtigster Flügel heute die Tehrik e-Taliban ist. Für die pakistanische Führung war also längst klar welche Gebiete die neue Heimat der Taliban sind, man musste ihnen keinen Spielplatz zur Verfügung stellen. Der Einzug in Swat hat vielmehr damit zutun dass es Kreise des ISI und des Militärs gibt die sich nicht von amerikanischer Seite in die Terror-Bekämpfung hineinquatschen lassen wollen. Sie hegen zum Teil große Sympathie für die Taliban, bieten ihnen mit dem Swat ein Gebiet was sich weit weg von den üblichen Terrornestern Waziristans befindet und somit den Radius der Drohnenangriffe erweitert. Zudem erhofft man sich natürlich dort eine kashmir-nahe islamistische Bastion gegen den allgegenwärtigen Erzfeind Indien.
lupenrein 04.05.2009
5.
Man darf sich über die Ziele der Taliban in Pakistan (und im Dominoeffekt anschliessend Afghanistan) keine Illusionen machen. Die Regierung Pakistans - und indirekt auch Afghanistans - ist in ernster Gefahr. Und auch über einen 'Sieg' über die Taliban , dies besonders als Ausländer (USA usw) darf man sich keine Illusionen machen. Der asymmetrische Kriegsführung der Taliban ist mit normalen militärischen Mitteln (Terrorismus) nur sehr schwer wirksam zu begegnen. Am Beispiel der somalischen Piraten sieht man , wie schwierig es ist, mit militärischen Mitteln in diesem Versteckspiel mitzuhalten. Auch die Taliban führen einen (allerdings ideologischen) 'Versteck-spiel-Krieg' a la David gegen Goliath. Und noch eine Übereinstimmung: beide lassen mit sich nicht über eine Einstellung ihrer terroristischen Kampf nicht verhandeln. Alles in allem eine fatale Situation.
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