Terrorgruppe Boko Haram im Tschad Die Selbstmordattentäterin, die überlebte

Halima hätte sterben sollen und mit ihr viele unschuldige Besucher eines Markts im Tschad. So plante es Boko Haram. Doch die 20-Jährige überlebte schwer verletzt. Jetzt kämpft sie sich zurück ins Leben.

Till Mayer

Aus Bol berichtet


Die letzten Meter vor ihrem Heimatdorf hält es Halima kaum noch aus. Als die ersten Hütten auftauchen, beschleunigt die 20-Jährige ihren Schritt. Endlich mal wieder daheim, wenn auch nur zu Besuch. Ihr Gang ist etwas wackelig. Auf Prothesen über feinen Sand zu laufen, ist nicht einfach.

Halima kommt nicht mehr oft auf die Insel Gomerom Doumou im Tschadsee. Der See liegt am südlichen Rand der Sahara, zwischen Kamerun, Tschad, Niger und Nigeria. Um vom Städtchen Bol im Tschad auf Halimas Heimatinsel zu kommen, muss man anderthalb Stunden über den See fahren, durch ein Meer aus kleinen Inseln und schwimmenden Grasteppichen hindurch.

Halima erzählt, dass sie auf Gomerom Doumou eine schöne Kindheit hatte. Sie liebt das Stück Land, das aus der Zeit gefallen scheint. Den feinen Sand, die Bäume, die in der Hitze Schatten spenden. Die Hütten aus Lehm, Holz und Schilf. Die Kühe mit ihren gewaltigen Hörnern.

Freundinnen haben Halima (M.) am Ufer abgeholt. Gemeinsam geht es zum Dorf.
Till Mayer

Freundinnen haben Halima (M.) am Ufer abgeholt. Gemeinsam geht es zum Dorf.

Dieses Leben endete an dem Tag, an dem sie ihrem Mann zu den Camps der Terrorgruppe Boko Haram folgen musste. Ihr eigenes Leben hätte kurze Zeit später als Selbstmordattentäterin enden sollen. Sie überlebte, doch die Explosion riss ihr beide Beine weg. Halima könnte wütend auf diesen Ort und ihre Familie sein. Sie ist es nicht mehr.

Halima streicht mit der Hand über den Holzzaun ihres Elternhauses. Dahinter herrscht Stille. Von ihrer Familie scheint heute niemand im Dorf zu sein. Die meisten Bewohner sind oft tage- oder gar wochenlang weg: Sie gehen fischen auf dem See oder ziehen mit dem Vieh zu Plätzen auf der Insel, wo mehr Grün zu finden ist.

In der Dorfmitte sitzen Halimas ehemalige Nachbarn im Schatten. Sie empfangen die kleine Delegation mit einem Nicken: Mahamat Boka, den Gemeindechef und Lehrer aus Bol, der Halima Lesen und Schreiben beibringt, und Eli Sabuwanka, einen Mitarbeiter von "Humanity & Inclusion" (HI), in Deutschland heißt die NGO "Handicap International". Die Hilfsorganisation hat Halimas Prothesen organisiert.

Die junge Frau setzt sich ebenfalls in den Schatten, zieht ihre Prothesen aus und legt sie neben sich. Die Beinstümpfe schmerzen. Sie war heute den ganzen Tag unterwegs.

Halima, 20, muss lernen, ihren versehrten Körper zu akzeptieren und das Erlebte zu ordnen.
Till Mayer

Halima, 20, muss lernen, ihren versehrten Körper zu akzeptieren und das Erlebte zu ordnen.

Mit 14 wurde Halima verheiratet. Niemand fragte das Mädchen, ob sie das wollte. Ihr Mann war nur wenige Jahre älter als sie. Er schloss sich der Terrormiliz Boko Haram an, so wie andere von den Inseln auf dem Tschadsee. Die Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat macht sie anfällig für Boko Haram und deren Versprechungen von dem harten Gesetz der Scharia statt der wuchernden Korruption.

Boko Haram kämpft seit Jahren gewaltsam für die Errichtung eines islamischen Gottesstaats im mehrheitlich muslimischen Nordosten Nigerias, nicht weit von Halimas Heimatinsel entfernt. Durch die Angriffe der Terrororganisation wurden in den vergangenen neun Jahren mehr als 27.000 Menschen getötet. 1,8 Millionen Menschen sind immer noch auf der Flucht.

Kurz nach ihrer Hochzeit muss Halima ihren Mann zu den Camps von Boko Haram begleiten. Zuerst geht es in eine kleine Siedlung in Kamerun. "Es war schlimm dort. Es gab fast nichts zu essen", erzählt sie. Ihr Mann ist die meiste Zeit mit anderen Kämpfern unterwegs. Dann kommt der Befehl zum Aufbruch nach Nigeria.

Halima erzählt von einem tagelangen Marsch durch den Busch, von Durst und Hunger und davon, dass die Neugeborenen nicht überlebten. "Die Mütter mussten ihre toten Kinder einfach am Weg zurücklassen", sagt sie und blickt auf den Betonboden. Bis zum 22. Dezember 2015 dauert ihre Zeit bei Boko Haram. Bis zum Tag, an dem die Sprengsätze explodieren.

"Gehst du nicht, töten wir dich"

Halima hatte ihre Geschichte schon in Bol erzählt, in dem Gemeindezentrum, in dem sie jetzt lebt. Vieles dort berichtet ihr Lehrer Mahamat Boka. Sie nickt zustimmend, um das Gesagte zu bestätigen, manchmal erklärt sie etwas detaillierter. Als es dann darum geht, wie sie als "Kamikaze" ausgewählt wurde, übernimmt sie das Wort. "Eigentlich hätte mein Mann gehen sollen, doch der wollte nicht", sagt sie. Halimas Blick ist kurz wütend, dann wirkt sie für einen Moment abwesend.

Sie ist ein ausgesprochen gläubiger Mensch. Zu den Koranstunden in Nigeria kommt sie, damals noch ein Teenager, stets als Erste. Dann spricht sie der Marabout, ein islamischer Heiliger, an. Sie würde geradewegs ins Paradies kommen, wenn sie ein "Kamikaze" werde. Halima glaubt aber nicht, dass ein Selbstmordattentat der Wille Gottes sein kann. Und sie liebt ihr Leben, lacht gern.

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Halima, 20, musste zu Boko Haram: "Fliehst du noch einmal, schächten wir dich wie ein Tier"

"Gehst du nicht, töten wir dich", machen ihr die Männer von Boko Haram klar. Sieben Mal versucht Halima zu fliehen. Immer wieder fangen sie sie ein, berichtet sie. Beim letzten gescheiterten Versuch sagt einer der Kämpfer zu ihr: "Fliehst du noch einmal, schächten wir dich wie ein Tier."

Dann kommt der Tag, an dem sie, fünf Männer und zwei weitere Frauen, losgeschickt werden. Halima hofft, dass sie dabei fliehen kann. Doch sie wird wie die anderen unter Drogen gesetzt. "Es war, als wäre ich nur halb bei mir gewesen", erzählt sie. Die Sprengsätze sind in Taschen oder Säcken verpackt. Halima trägt ihren in einer Plastiktüte. Andere haben sich den Sprengstoffgürtel direkt um den Leib geschnürt.

Boot auf dem Tschadsee
Till Mayer

Boot auf dem Tschadsee

So geht es im Boot über den See in Richtung Tschad. Es ist eine mühsame, dreitägige Fahrt. Dann knirscht Sand unter dem Rumpf, sie haben das Festland erreicht. In Iga, nahe des Städtchens Bol, sollen sie am Markttag die Bomben hochgehen lassen. So lautet der Befehl. "Es war nachts, als wir im Tschad an Land gingen", sagt Halima. Doch Dorfwächter entdecken die siebenköpfige Gruppe, die durch die Dunkelheit schleicht.

"Dann haben sie uns umstellt", sagt Halima. Sie ist da gerade etwas abseits von der Gruppe und betet. Die Plastiktüte mit ihrem Sprengsatz steht bei den anderen. Als diese merken, dass sie umzingelt sind, zünden sie die Sprengsätze. Nur Halima überlebt. Durch die Explosion verliert sie beide Beine. Einem anderen der Gruppe reißt es den Kopf ab. Von den Dorfbewohnern stirbt niemand, aber einige werden durch Splitter verletzt.

Gerettet von den Leuten, die sie töten sollte

Die Dorfbewohner retten Halima, obwohl sie zu den "Kamikaze" gehört hat. Sie verliert viel Blut. Dass sie die ersten Stunden nach der Explosion überlebt, ist ein weiteres kleines Wunder.

"Viele in Bol kennen heute meine Geschichte und sind gut zu mir", sagt Halima. Die Uno und Hilfsorganisationen unterstützen sie. Langsam, in kleinen Schritten, muss sie lernen, ihren versehrten Körper zu akzeptieren, das Erlebte zu ordnen, ihre Gefühle zu beherrschen.

Doch die junge Frau hat ein Ziel. "Ich will unbedingt gut lesen und schreiben lernen", sagt sie. "Ich habe sie damals kennengelernt, als sie sich auf ihren Stümpfen zum Unterricht in eine Grundschule geschleppt hat", sagt HI-Mitarbeiterin Fanjanirina Ratsiferana. Jetzt hat Halima Prothesen und bekommt mit Unterstützung des United Nations Population Fund (UNPF) Unterricht an einer kleinen, bescheidenen Privatschule. Auf ihre Heimatinsel kehrt sie vorerst nicht zurück.

Halima lernt jetzt Lesen und Schreiben. Bildung ist die beste Waffe im Kampf gegen Boko Haram.
Till Mayer

Halima lernt jetzt Lesen und Schreiben. Bildung ist die beste Waffe im Kampf gegen Boko Haram.

Lesen und schreiben können nur wenige auf Gomerom Doumou. "Unser Dorf muss sich entwickeln, Handel treiben. Es braucht eine ordentliche Schule mit ausreichend Lehrern", sagt Halima während ihres Besuchs auf der Insel. Sie weiß: Nur, wenn sich ihr Dorf entwickelt, werden von dort keine Männer mehr zu Boko Haram gehen, keine Frauen mehr verschleppt und Mädchen verheiratet.

Dann geht es zurück zum Boot. Ihre alten Nachbarinnen haben einen Eselskarren besorgt, um Halima den Rückweg zu erleichtern. Die 20-Jährige genießt noch jeden Augenblick in der Heimat. Als der Motor der Piroge aufheult, verschwindet ihr Gesicht kurz hinter ihren Händen.

Das Boot nimmt Fahrt auf. Irgendwann versperren andere Inseln die Sicht auf Gomeron Doudou. Halima legt sich auf den Bootsboden, der aus groben Brettern besteht, und schläft völlig erschöpft ein.

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