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Boko Haram in Nigeria Das Leid der entführten Mädchen

Hunderte Mädchen befinden sich in der Gewalt von Boko Haram, nur wenige konnten bislang fliehen. Sie erzählten Menschenrechtlern von ihrem Schicksal: von Folter, Missbrauch und Zwangsverheiratungen.

Seit 2009 entführen die Radikalislamisten der Boko Haram immer wieder Frauen. Mehr als 500 Mädchen hat die Gruppe derzeit in ihrer Gewalt. Allein im April dieses Jahres kidnappten sie 276 Schülerinnen im Norden Nigerias - und sorgten für weltweite Empörung. Die meisten der Mädchen gelten weiterhin als vermisst. Doch einige wenige konnten fliehen.

Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" (HRW) hat jetzt mit 30 früheren Entführten gesprochen. Ihr Bericht  gibt erschütternde Einblicke in das Schicksal der Frauen und Mädchen.

"Sie haben mir eine Schlinge um den Hals gezogen und mir gedroht, mich umzubringen, wenn ich nicht zum Islam übertrete", erzählte eine nigerianische Christin, die ihren Entführern entkommen konnte. Andere Geflohene erzählten, dass sie für die radikalen Kämpfer kochen und putzen mussten; bei Feldzügen gegen nigerianische Dörfer schleppten sie für Boko Haram Munition und Beute.

Die Interviewten erzählten HRW, dass einige Anführer der Radikalen sie vor sexueller Gewalt schützen wollten. Dennoch dokumentierten die Menschenrechtler acht Fälle von Vergewaltigung. In der Regel kam es zum Missbrauch, nachdem die Frauen gezwungen worden waren, einen der Kämpfer zu heiraten. Selbst Minderjährige wurden unter Druck gesetzt, zu konvertieren und zu heiraten.

HRW geht davon aus, dass die meisten Mädchen und Frauen entführt wurden, weil sie eine Schule besuchten oder Christen waren. "Boko Haram" bedeutet in etwa "Westliche Bildung ist Sünde". Ginge es nach den Radikalen, würden Mädchen nicht zur Schule gehen.

Manche der Entführten werden vergewaltigt

Die Extremisten kontrollieren weite Teile im Nordosten Nigerias. Die Miliz hat dort einen islamischen Gottesstaat ausgerufen. Auch die noch vermissten Mädchen und Frauen werden in dieser Region, einem riesigen Wald- und Sumpfgebiet, vermutet.

Noch nie zuvor war es den Radikalislamisten gelungen, so viele Frauen und Mädchen auf einmal zu entführen wie beim Überfall auf die Schule im April 2014. Boko Haram scheint inzwischen seine Strategie geändert zu haben, schreibt HRW. Während sie früher einzelne Nigerianer auf der Straße verschleppten, fühlen sich die Radikalen im Norden des Landes nun stark genug für Massenentführungen.

In manchen Dörfern im Nordosten des Landes gibt es kaum Regierungstruppen. Und wenn es sie gibt, sind sie oft unzureichend ausgerüstet. Der Augenzeuge einer Entführung beschrieb HRW, dass den nigerianischen Sicherheitskräften während des Angriffs der Radikalen die Munition ausging.

Zudem ist der Rückhalt für die nigerianischen Sicherheitskräfte im Nordosten des Landes oft gering. Denn auch sie agieren dort mit äußerster Brutalität. Menschenrechtler haben mehrfach Fälle dokumentiert, in denen Verdächtige ohne Prozess exekutiert wurden, weil man sie für Islamisten hielt. Immer wieder werden Häuser von mutmaßlichen Sympathisanten der Radikalen niedergebrannt.

Steinmeier fordert die Freilassung der Mädchen

Internationale Politiker appellieren seit Monaten auf Twitter mit dem Hashtag #BringBackOurGirls  an Boko Haram, die Mädchen freizulassen - so nun auch der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Er reiste am Montag gemeinsam mit dem französischen Außenminister Laurent Fabius in die nigerianische Hauptstadt Abudscha. Zusammen mit der Nigerianerin Florence Ozor, die sich für die Freilassung der Mädchen stark macht, posierten sie für ein Twitter-Foto.

Vor einer Woche war der nigerianische Außenminister Aminu Wali in Berlin zu Besuch. Er zeigte sich hoffnungsvoll, dass Boko Haram die Entführten bald freilassen werde. Mitte Oktober hatte Nigerias Regierung eine Waffenruhe mit Boko Haram verkündet. Allerdings wüten die Radikalen trotzdem weiter. Vor wenigen Tagen verschleppten sie erneut Dutzende Frauen und Mädchen. In diesem Jahr starben bereits mehr als 3000 Menschen durch die Angriffe der Islamisten.

ras/dpa