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Nigeria: Boko Haram demonstriert seine Macht

Foto: JOE PENNEY/ REUTERS

Massen-Entführung in Nigeria Boko Harams sadistische Strategie

Machtdemonstration kurz vor der Präsidentenwahl: Die Terrormiliz Boko Haram hat im Norden Nigerias bis zu 500 weitere Frauen und Kinder entführt. Was bezwecken die Extremisten, was passiert mit den Opfern? Der Überblick.

Ein Beamter spricht von 350 Geiseln, ein führender Armeevertreter sogar von bis zu 500 entführten Kindern und Frauen: Nur wenige Tage vor der Präsidentenwahl in Nigeria hat die radikalislamische Miliz Boko Haram im Norden des Landes erneut Hunderte Frauen und Kinder verschleppt. Weder die Regierung noch das nigerianische Militär nahmen bisher Stellung zum Vorfall in Damasak nahe der Grenze zum Niger.

Was passiert mit den entführten Frauen und Kindern?

Boko Haram zwingt in der Regel nichtmuslimische Geiseln, zum Islam zu konvertieren. Frauen und Mädchen wurden in der Vergangenheit entweder als Sklaven gehalten oder gezwungen, Kämpfer der sunnitischen Fundamentalisten zu heiraten. Damit brüstete sich Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau im vergangenen Jahr in einer Video-Botschaft. Entführte Jungen wurden einigen Experten zufolge unter Todesdrohungen gezwungen, für die Gruppe zu kämpfen. Wer versucht zu fliehen, wird umgebracht. Was mit den Entführten aus Damasak passiert, ist noch unklar.

Seit 2009 entführen die Terroristen immer wieder Frauen. Geflohene berichteten der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, dass sie für die radikalen Kämpfer kochen und putzen mussten. Bei Feldzügen gegen nigerianische Dörfer schleppten sie für Boko Haram Munition und Beute.

Warum hat Boko Haram erneut so viele Menschen entführt?

"Die Entführung war ein gezielter Angriff auf die Armee und die Regierung", sagte der Nigeria-Experte des GIGA Instituts für Afrika-Studien, Robert Kappel. Für solch eine Attacke brauche Boko Haram eine geeignete Logistik, große Kampftruppen, eine detaillierte Planung - und Kenntnisse, was die Armee macht. "Mit dem Angriff haben sie gezeigt, dass sie noch da sind und gezielt zuschlagen können", so Kappel.

Die Aktion wird auch als Racheakt gewertet, da Damasak erst vergangene Woche von den Armeen des Nigers und des Tschads zurückerobert worden war.

In welcher Verbindung stehen die Entführungen zu den Wahlen?

Am Samstag wählt das bevölkerungsreichste Land Afrikas einen neuen Präsidenten. Die Wahlen in Nigeria waren ursprünglich für den 14. Februar geplant, wegen des Vormarschs der Boko Haram im Norden des Landes hatte die Wahlkommission diese um sechs Wochen verschoben.

Um das Amt des Präsidenten bewerben sich insgesamt 14 Kandidaten, darunter erstmals auch eine Frau. Ernsthafte Chancen haben aber nur der 57-jährige Amtsinhaber Goodluck Jonathan und der 72-jährige Oppositionsführer Muhammadu Buhari. Der ehemalige General stand nach einem Putsch von 1983 bis 1985 schon einmal an der Spitze Nigerias, bevor er seinerseits gestürzt wurde. Der Christ Jonathan und der Muslim Buhari stehen für die Spaltung des Landes in den christlich geprägten, ölreichen Süden und den muslimischen Norden. Ihnen wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhergesagt.

Boko Haram hatte zu einem Boykott der Wahlen aufgerufen. Seit 2009 kämpfen die Terroristen für einen islamischen Staat im mehrheitlich muslimischen Norden Nigerias.

Was ist mit den Schülerinnen passiert, die vor einem Jahr entführt worden waren?

Mitte April 2014 verschleppte Boko Haram im Ort Chibok mehr als 200 überwiegend christliche Schülerinnen. Von ihnen fehlt weiter jede Spur. Nur einzelne Mädchen seien wieder aufgetaucht, andere sollen bereits Kinder bekommen haben, sagte Kappel.

Auf Twitter hatten weltweit Tausende die Kampagne "#BringBackOurGirls" (Bringt unsere Mädchen zurück) unterstützt, unter anderem die amerikanische First Lady Michelle Obama und Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Nigerianische Behörden haben zwischenzeitlich verlauten lassen, der Aufenthaltsort der Entführten sei bekannt. Bislang wurde jedoch offenbar keines der Mädchen befreit. Verhandlungen, die Schülerinnen freizulassen, waren immer wieder gescheitert.

Wie ist aktuell die Lage der Terrorgruppe Boko Haram?

Mithilfe von Truppen aus den Nachbarstaaten wurde Boko Haram seit Anfang des Jahres immer weiter zurückgedrängt. Präsident Jonathan sprach vor wenigen Tagen bereits davon, dass die Islamisten innerhalb eines Monats besiegt sein werden. Nigeria-Experte Kappel sieht diese Ankündigungen skeptisch: "Das ist reiner Wahlkampf." Die Terrormiliz sei in den letzten Wochen zwar in die Defensive geraten und habe teilweise das Terrain verlassen, sie verfüge aber weiterhin über 8000 bis 10.000 Kämpfer. "Die Armee und die Regierung haben die Lage nicht im Griff", so Kappel. In den nächsten Tagen müsse verstärkt mit Angriffen gerechnet werden. "Boko Haram kann jederzeit Anschläge auf die 3000 Wahllokale im Norden Nigerias durchführen. Das lässt sich nicht kontrollieren."

Die Bevölkerung wirft Jonathan vor, im Kampf gegen die Terroristen hilflos zu agieren. Der Staatschef hatte Anfang Februar schon einmal angekündigt, Boko Haram binnen weniger Wochen zu besiegen.

Anfang März hatte Boko Haram dem Anführer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) Abu Bakr al-Baghdadi seine Loyalität versprochen. Seit dem Jahr 2009 tötete die Gruppe bei Angriffen und Anschlägen mehr als 13.000 Menschen. Rund 1,5 Millionen Menschen sind vor der Gewalt geflohen.

Mit Informationen von Reuters und dpa
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