Bolivien nach der Flucht von Ex-Präsident Morales Ein Land liegt brach

Evo Morales ist im mexikanischen Exil, aber Boliviens zurückgetretener Präsident hat in dem südamerikanischen Land noch immer viele Anhänger. Mit Straßenblockaden üben sie politischen Druck aus.

Nichts geht mehr: Die Verbindung ins bolivianische Hochland ist bei Yacapani blockiert
Tobias Käufer

Nichts geht mehr: Die Verbindung ins bolivianische Hochland ist bei Yacapani blockiert

Aus Yapacani (Bolivien) berichtet Tobias Käufer


23 Stacheldrähte müssen die Einwohner von Yacapani überwinden, wenn sie über die Brücke in ihre Stadt hinein- oder aus ihr hinauswollen. Die Brücke über den gleichnamigen Rio Yacapani ist seit Tagen fest unter der Kontrolle von Anhängern von Evo Morales, des Ex-Präsidenten, der nach den mutmaßlich manipulierten Wahlen am 20. Oktober ins Exil nach Mexiko geflogen ist.

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Heft 47/2019
Von Watergate bis Trump - Macht und Tragik der Whistleblower

Für die Bewohner ist das eine kleine Qual, nicht wenige bleiben mit ihren Kleidern oder Hosen in dem Drahtgewirr hängen. Außerdem haben die Demonstranten feste Uhrzeiten festgelegt. Nur in diesen Zeitfenstern dürfen die Menschen in die Kleinstadt zurückkommen oder diese verlassen.

Als eine verängstigte Frau an der Sperre in Tränen ausbricht, sagt eine der jungen Aktivistinnen: "Bitte verstehe uns, wir machen das, weil wir seit Tagen darauf warten, dass sie uns die Leiche eines Kameraden aushändigen." Andere Bewohner, die zu spät kommen, werden weggeschickt: "Ihr müsst lernen die festen Uhrzeiten zu respektieren", ruft einer aus der Gruppe.

Die festen Zugangszeiten sollen den Übergang sicherer machen, so sehen es zumindest die Aktivisten. Viele Menschen, die zum ersten Mal vor der Sperre stehen, haben Angst. Es heißt, Morales-Anhänger nehmen den Menschen die Handys weg und rauben sie aus, wenn sie nicht zum Unterstützerlager gehören. Doch davon ist vor Ort nichts zu sehen.

Die Polizei hat auf der blockierten Straße einen Verbindungsposten errichtet
Tobias Käufer

Die Polizei hat auf der blockierten Straße einen Verbindungsposten errichtet

Yacapani, rund zwei Autostunden von der Tropenmetropole Santa Cruz entfernt, liegt auf der strategisch wichtigen Verbindungsstraße Nummer vier nach Cochabamba. Hier treffen zwei Welten aufeinander: Das Departamento Santa Cruz ist eine Hochburg der Opposition, aber schon ein paar Stunden weiter beginnt das Hochland, wo sich derzeit die Anhänger von Morales sammeln. Nun ist die Brücke dicht. Nichts geht mehr, politisch und im Verkehr.

Yacapani und auch ganz Bolivien droht der Stillstand. War es zuvor die Opposition, die mit einem Generalstreik weite Teile der Region lahmgelegt hat, ist es nun das Lager der ehemaligen Regierung, das auf Straßenblockaden setzt.

Die Gruppe, die die Brücke gekapert hat, besteht an diesem brütend heißen Nachmittag aus etwa 20, 30 überwiegend komplett vermummten jungen Bolivianerinnen und Bolivianern. Mit der Presse wollen sie erst einmal nicht reden, sagt die erste Emissärin, welche die Aktivisten zur Kontaktaufnahme über das Stacheldrahtgewirr entsenden. Der Grund: Zu schlechte Erfahrung mit den nationalen Medien, die falsch über die Krise in Bolivien informieren und Lügen verbreiten würden.

Brückenblockade mit Protesten gegen die neue Regierung in Yapacani
Tobias Käufer

Brückenblockade mit Protesten gegen die neue Regierung in Yapacani

Dann aber beginnt eine der Bewohnerinnen von Yapacani zu sprechen, die mit ihrer Tochter zurück in die Kleinstadt will. "Das bolivianische Volk fordert den Rücktritt der nationalen Präsidentin", sagt Nely Lima mit fester Stimme. "Jeanine Áñez trampelt auf den Symbolen der indigenen Bevölkerung herum und diskriminiert. Diese Präsidentin befiehlt zu töten, zu massakrieren. Das ist nicht das, was das bolivianische Volk will", sagt Lima mit Blick auf die jüngsten Toten von Cochabamba.

Viele der jungen Aktivisten haben Angst - vor allem vor der Polizei, seit am Wochenende mindestens neun Menschen in Cochabamba, der viertgrößten Stadt des Landes, bei Ausschreitungen ums Leben kamen. Dafür machen sie die neue Regierung verantwortlich und zeigen selbst aufgenommene Videos, auf denen Gewalt gegen die Demonstranten zu sehen ist.

Dass die Armee Tage zuvor in martialischer Stärke auf der anderen Seite der Brücke auftauchte, hat die Situation nicht gerade entspannt. Inzwischen haben die Sicherheitskräfte abgerüstet, nur noch eine Handvoll Polizisten sitzt unter dem schattenspendenden Dach einer Zeltplane und beobachtet die Szenerie von der anderen Seite der Brücke aus sicherer Entfernung. Die Blockierer haben vier zentrale Forderungen:

  • Rücktritt der selbsternannten Präsidentin,
  • Freilassung der Verhafteten und Aushändigung der Leichen,
  • Respekt vor der Wiphala, der indigenen Flagge
  • und die Rückkehr von Evo Morales, sodass der Ex-Präsident seine Amtszeit zu Ende bringen kann.

Eine erneute Kandidatur von Morales fordern sie dagegen nicht. Es geht ihnen um einen respektvollen Abschied von Morales aus dem Amt. Er habe schließlich mit seinem Rücktritt die Hände zur Aufgabe erhoben, sei aber dann davon gejagt worden.

23 Tote, mehr als 700 Verletzte - und kein Ende in Sicht

Als einer dazwischenruft "Wir fordern den Kopf von Luis Camacho", dem Präsidenten des konservativen katholischen Bürgerkomitees "Pro Santa Cruz", wird er von den anderen zurechtgewiesen - das sei keine offizielle Forderung der Blockierer.

125 Kilometer weiter, in der Zentrale des oppositionsnahen Bürgerkomitees "Pro Santa Cruz", ist es Sprecher Mauricio Melgar wichtig, dass seine Organisation auch die fünf indigenen Völker der Region repräsentiert: "Sie sind Teil dieser Bewegung", sagt er.

Trotzdem musste Komitee-Präsident Luis Fernando Camacho vor wenigen Tagen eine Videobotschaft aufnehmen, in der er vorangegangene Attacken auf die Wiphala im Land verurteilt. Tatsächlich tauchten Videos im Netz auf, in denen Morales-Gegner die Fahne mit Füßen treten oder gar verbrennen. Es gibt allerdings auch Clips, auf denen Morales-Anhänger zu sehen sind, die das Gleiche mit der Fahne von Santa Cruz machen.

Gut einen Monat nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen stehen sich die beiden Lager unversöhnlich gegenüber. Wie es nun weitergeht in Yapacani und ganz Bolivien, ist völlig offen. Seit Ausbruch der Proteste gab es 23 Tote und mehr als 700 Verletzte.

insgesamt 11 Beiträge
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Emderfriese 19.11.2019
1. Wahlen
Das Volk auf den Barrikaden! Bisher war das Volk immer ein gegen Morales und seine Präsidentschaft Stehendes. So brachten das auch viele Zuschriften aus Bolivien selbst hier rüber. Dieser Artikel aber zeigt, dass es so einfach wohl nicht ist. Wer hat denn nun die Mehrheit im Land? Wer protestiert rechtmäßig für die Sache des Volkes? Das hängt wohl wie immer vom Standpunkt ab. Nur wirklich freie Wahlen können eine Entscheidung bringen!
hidat 19.11.2019
2. 500 Ärzte
ca 500 Ärzte aus Kuba wurden jetzt nach hause geschickt. Ein Abkommen hat die Übergangsregierung anscheinend außer Kraft gesetzt. Die Ärzte wurden in ihrer physischen Existenz beroht!! Tolle Neuigkeiten von der Demokratischen Allianz. Werte müssen vertreten werden.
marc.koch 19.11.2019
3. In Bolivien gibt es kein "das Volk"
Der offizielle Name des Landes lautet Plurinationaler Staat Bolivien. Er besteht aus mehr als 50% indigenen, 30% Mestizen und Weißen aus verschiedenen europäischen Ländern. Es ist eine ständige Herausforderung eine gemeinsame Basis zu finden. Eine einheitliche Bevölkerung ist das nicht. Die Tragik ist, das Morales es nicht vermochte sich von der Macht zu trennen. Hätte er das ohne Verfassungsänderungen gemacht und wäre nicht mehr angetreten, so wäre er als Held der Indigenen anerkannt gewesen. Leider sieht das alles so sattsam bekannt aus, wie es jetzt gelaufen ist. Die Opposition hat nichts besseres zu tun, als alles 180 Grad entgegengesetzt zu machen, nach 5 Minuten an der Macht aus Staatenbünden auszutreten und Kubaner nach hause zu schicken, die als Ärzte dort arbeiten. Man kann dem Land nur wünschen, das jetzt keine Trump- oder Bolsonaro-Sympathisanten übernehmen. Im Übrigen hat sich die deutsche ACISA auch nicht mit Ruhm bekleckert bei der Lithium-Gewinnung. Kein Mitleid mit Leuten, die ihre soziale Verantwortung als Investoren schlicht ignorieren.
RalfHenrichs 19.11.2019
4. Sie haben Recht
Fakt ist, dass das Parlament den Rücktritt von Morales nicht angenommen hat, so dass Morales immer noch der rechtmäßige Präsident Boliviens ist. Das Parlament konnte den Rücktritt auch gar nicht annehmen, weil es noch zu keiner ordentlichen Sitzung zusammen kommen konnte. Dies ist bislang nicht geschehen, weil die Armee die Parlamentarier von Morales' Partei nicht ins Parlament lässt. Dies geschieht deshalb, weil die Parlamentarier von Morales' Partei nicht Morales' Rücktritt annehmen würden sondern Anez' Selbstproklamation für ungültig erklären würde. Dass die Armee eine so wichtige Rolle spielt, zeigt am Ende, dass es sich tatsächlich um einen Putsch handelt und Anez eine Diktatorin ist.
florian29 19.11.2019
5.
Die, die jahrelang von Morales' sozialistischer Umverteilungsmaschinerie profitiert haben, gehen jetzt auf die Barrikaden. Da bei ihnen der Rubel rollte, ist ihnen egal dass Diktator Morales Recht und Gesetz gebrochen hat.
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