Kinderrechte In Bolivien dürfen Kinder nicht mehr arbeiten - und das ist ein Problem

Experten lobten ein bolivianisches Gesetz, das Kindern das Arbeiten ab zehn Jahren ermöglichte - die Uno war entsetzt. Die Regulierung wurde zurückgenommen, die Situation der Kinder aber hat das nicht verbessert.

Ein Kind in Potosí verkauft Souvenirs an Touristen (Archivbild)
David Mercado/ REUTERS

Ein Kind in Potosí verkauft Souvenirs an Touristen (Archivbild)

Von , Potosí


Sie putzen Schuhe, verkaufen Zeitungen oder Süßigkeiten; sie werben auf Märkten Kunden für Restaurants, arbeiten als Hausmädchen oder schuften als Hauer in den Silberminen der Bergbaustadt Potosí. In Bolivien arbeiten Kinder in allen Teilen des Landes und in vielen Branchen. Mitunter malochen Mädchen und Jungen dort schon, sobald sie fünf Jahre alt sind.

Arbeitende Jungen und Mädchen gibt es in allen Ländern Lateinamerikas - vor allem auch in den beiden größten Volkswirtschaften Brasilien und Mexiko. Aber in Bolivien, dem ärmsten Land Südamerikas, ist die Kinderarbeit besonders tief verwurzelt. Mehr als 700.000 Kinder arbeiten in dem Land, sie müssen zum Überleben ihrer Familien beitragen.

Um sie dabei zu schützen, erließ die sozialistische bolivianische Regierung vor fünf Jahren ein Gesetz, das Kinderarbeit ab zehn Jahren unter bestimmten Bedingungen erlaubte. Kinderrechtler stuften es als fortschrittlich ein.

Doch die Regelung stand von Anfang an unter internationalem Druck, vor allem von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Sie hat sich den Kampf gegen Kinderarbeit seit Langem auf die Fahnen geschrieben.

Inzwischen hat die bolivianische Regierung das Gesetz in den umstrittenen Passagen weitgehend zurückgenommen, aber der Streit bleibt. In ihm konkurrieren zwei Sichtweisen: Die der EU und der Vereinten Nationen, ihnen gilt Kinderarbeit als Ausbeutung, die schnellstmöglich abgeschafft werden sollte; und die bolivianische, in der Kinderarbeit als gesellschaftliche Realität und kulturelle Besonderheit akzeptiert wird, die es zu regulieren gilt. Mittendrin: Hunderttausende Kinder, von denen so manches für ein Recht auf Arbeit kämpft.

Lesen Sie hier, wie eine Kinderarbeiterin über den Streit denkt.

In Potosí ist das Thema noch wichtiger als anderswo in Bolivien. 180.000 Menschen wohnen hier am Fuße des Berges Cerro Rico. In den Silberminen schufteten früher Sklaven und indigene Zwangsarbeiter - noch heute auch Kinder.

"Es sind keine armen Kinder"

Luz Rivera, 52, begleitet und betreut seit 18 Jahren Kinderarbeiter in Potosí. Sie arbeitet für die Caritas-Sozialpastorale der Stadt und sagt: "Es sind keine armen Kinder, die arbeiten müssen, sondern selbstbewusste Menschen, die stolz auf das sind, was sie tun."

Manche, so Rivera, würden schon mit fünf Jahren anfangen, Nylonbeutel zu verkaufen, andere würden ihren Müttern helfen. "Kinderarbeit ist in Bolivien eine gesellschaftliche Realität." Man solle sie nicht geißeln, sondern die Gründe für ihre Existenz ändern. "Und so lange das nicht geschieht, muss man den Kindern eine Arbeit in Würde und in Schutz vor Ausbeutung ermöglichen."

Kinderarbeit ist in Bolivien so alltäglich, dass es sogar eigene Gewerkschaften für die Jungen und Mädchen gibt, die einer Tätigkeit nachgehen. Auch zahlreiche Experten des Landes sind der Meinung, dass Kinderarbeit nicht per se etwas Schlechtes sei.

Dass Jungen und Mädchen schon in jungen Jahren im sozialen und familiären Gemeinwesen Verpflichtungen übernähmen, sei vor allem Teil der indigenen Kultur, sagt etwa der Psychologe Jorge Domic. Gerade bei den Ureinwohnern, die rund die Hälfte der 11,5 Millionen Einwohner ausmachen, sei es normal, dass Kinder zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. "Arbeit kann bei Kindern auch die Persönlichkeitsentwicklung fördern", betont Domic im Gespräch.

Ein Verbot der Kinderarbeit hält der Psychologe für falsch, solange weite Teile der Bevölkerung unter Armut leiden. Man sollte stattdessen die gesellschaftliche Realität anerkennen und ihr einen rechtlichen Rahmen geben.

Genau das war die Idee hinter "Gesetz 548", dem Kinder- und Jugendgesetz, das Bolivien im Juli 2014 verabschiedete. Das Regelwerk sicherte den Kindern ab zehn Jahren ein Recht auf Arbeit zu. Allerdings waren daran enge Bedingungen geknüpft. Zunächst mussten die Eltern einwilligen, dann war die Zustimmung des staatlichen "Kinderrechtsbüros" nötig. Einige Tätigkeiten, zum Beispiel im Bergbau, waren ganz ausgeschlossen. Zudem waren medizinische Untersuchungen verpflichtend. Und vor allem musste gesichert sein, dass die Kinder in die Schule gingen.

Das Gesetz habe die Forderung arbeitender Kinder aufgegriffen, "endlich von der Politik wahr- und ernstgenommen und in ihrer täglichen Lebensleistung gewürdigt zu werden", sagt auch Jürgen Schübelin, Lateinamerika-Referent bei der Kindernothilfe in Duisburg. Erstmals habe eine lateinamerikanische Regierung anerkannt, dass "Hunderttausende Kinder täglich zum Lebensunterhalt der Familien beitragen müssen." Das Gesetz versprach arbeitenden Jungen und Mädchen einen besseren Schutz und garantierte ihre Rechte, wie Juristen lobten.

Warum die ILO Druck machte

Aber vor allem die ILO und Unicef waren entsetzt. Sie halten Kinderarbeit grundsätzlich für eine Form der Ausbeutung. Die Vereinten Nationen setzen sich dafür ein, dass alle Formen der Kinderarbeit bis 2025 abgeschafft werden. In den vergangenen Jahren ist die Kinderarbeit weltweit zurückgegangen, dennoch arbeiten laut dem Uno-Kinderhilfswerk Unicef noch immer 152 Millionen Mädchen und Jungen. Diese Kinder, glaubt Unicef, "arbeiten unter Bedingungen, die sie ihrer elementaren Rechte und Chancen berauben."

In einer Reaktion auf das Gesetz in Bolivien warnte die ILO daher davor, gefährliche Tätigkeiten für Kinder zu erlauben, nur weil sie zum Beispiel innerhalb der Familie stattfänden. Zudem sprach die Organisation von einem "intergenerationellen Teufelskreis aus Armut und Kinderarbeit".

Arbeitende Kinder müssen früh Verantwortung übernehmen, die Tätigkeit kann sie körperlich und emotional überfordern, mit möglichen langfristigen Schäden. Außerdem werden Kinder oft schlechter bezahlt als Erwachsene.

Von Beginn an war der Druck auf die bolivianische Regierung deshalb groß, die entsprechenden Regelungen des Gesetzes zurückzunehmen. Und als dann noch die Vereinigten Staaten damit drohten, Bolivien Zollvorteile abzuerkennen, knickten die Parlamentarier ein. Im Dezember kassierten sie die umstrittensten Passagen von "Ley 548". Formell dürfen Kinder jetzt erst wieder ab 14 Jahren eine bezahlte Tätigkeit aufnehmen.

Das Gesetz scheiterte auch an mangelhafter Umsetzung

Jürgen Schübelin nennt die Umstände der Abschaffung "peinlich". Schlimmer aber sei es, dass die Kinder ihre Schutzrechte und Garantien wie den Schulbesuch wieder verloren hätten und nun erneut einer "kollektiven Ächtung" ausgesetzt seien. Nicht ein einziges Kind, das bis jetzt mit seiner Arbeit einen Beitrag zum eigenen Lebenserhalt und dem seiner Familie beisteuern musste, sei nach der Abschaffung davon befreit, Geld nach Hause zu bringen, kritisiert Schübelin. "In keiner einzigen bolivianischen Familie verbessert sich durch diese Abschaffung irgendetwas."

Die Experten geben aber auch der bolivianischen Regierung eine Mitschuld am Scheitern des "Ley 548". Vor allem in kleineren Städten und ländlichen Gemeinden sei das Gesetz nie wirklich umgesetzt worden. Die Kinderrechtsbüros wurden mit zu wenig Geld ausgestattet und zugleich mit so vielen Aufgaben bedacht, dass für das eigentliche Mandat kaum Kapazitäten blieben.

Oft fehlten schlicht Mitarbeiter oder die notwendige Kenntnis der Vorschriften. "Jetzt ist es so wie vorher oder noch schlimmer", ärgert sich der Psychologe Domic. "Die Mädchen und Jungen sind wieder schutzlos und in einer verletzlichen Position!"

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