Boliviens Ex-Präsident Morales' Weg ins Asyl Odyssee über den Wolken

Mexiko ist seit Jahrzehnten Zufluchtsort für Politiker: Schon Leo Trotzki fand in dem Land Asyl. Nun ist auch Boliviens Ex-Präsident Evo Morales dort gelandet - nach einer abenteuerlichen Flugreise.

Evo Morales nach seiner Landung in Mexiko-Stadt
Eduardo Verdugo/ AP

Evo Morales nach seiner Landung in Mexiko-Stadt

Von , Mexiko-Stadt


Evo Morales wirkte sichtlich erleichtert, als er am Dienstag gegen 11 Uhr Ortszeit auf dem Internationalen Flughafen von Mexiko-Stadt landete. Er dankte Staatschef Andrés Manuel López Obrador, der eine Maschine der mexikanischen Luftwaffe zu seiner Rettung nach Bolivien geschickt hatte: "Er hat mir das Leben gerettet."

Einen Tag vor seinem Rücktritt hätten seine Feinde versucht, seine Leibwächter zu bestechen, erzählte Boliviens Ex-Präsident, der vom Militär zum Rücktritt gedrängt wurde: "Sie boten 50.000 Dollar, wenn sie mich denen ausgeliefert hätten." Gegner des Ex-Präsidenten, der vom Militär zum Rücktritt gedrängt wurde, verwüsteten sein Haus in Cochabamba, auch die Wohnung seiner Schwester sollen sie zerstört haben.

Dass Morales dennoch unversehrt das Land verlassen konnte, hat er der mexikanischen Regierung zu verdanken. Wenige Stunden vor der Ankunft des Bolivianers schilderte Außenminister Marcelo Ebrard in der morgendlichen Pressekonferenz des mexikanischen Präsidenten, welche politischen, diplomatischen und technischen Hürden die Mexikaner überwinden mussten, um Morales auszufliegen.

"Reise durch die lateinamerikanische Politik"

Die Operation zu seiner Rettung habe "einer Reise durch die lateinamerikanische Politik" geglichen, so Ebrard - und die ist so aufgewühlt und polarisiert wie seit Jahrzehnten nicht.

Bereits am Montag hatte die mexikanische Regierung das Flugzeug losgeschickt. Die Maschine wartete in der peruanischen Hauptstadt Lima auf die Einreisegenehmigung der bolivianischen Behörden.

Die kam auch, doch als der Jet in den bolivianischen Luftraum flog, wurde sie widerrufen - offenbar war nicht klar, wer am Boden das Sagen hatte. Daraufhin flog die Maschine nach Lima zurück.

Peru widerrief die Genehmigung zum Auftanken

Während das Flugzeug in Peru wartete, gab Ebrard öffentlich bekannt, dass Mexiko Morales Asyl gewähre und um dessen "physische Integrität" besorgt sei. So erhöhte er den diplomatischen Druck auf die Zuständigen in Bolivien. Schließlich gaben die Streitkräfte grünes Licht - damit sei "klar gewesen, wer in Bolivien jetzt die Macht hat", so Ebrard.

Um 19 Uhr landete der Jet auf einem ehemaligen Stützpunkt der US-amerikanischen Drogenbehörde DEA im Koka-Anbaugebiet Chapare. Morales hatte die Basis vor Jahren zu einem zivilen Flughafen umbauen lassen, nachdem er die DEA-Agenten des Landes verwiesen hatte.

Er war vom Regierungssitz La Paz nach Chapare geflüchtet, weil er sich dort sicher fühlte: In diesem Gebiet hatte er einst seine politische Karriere als Anführer der Koka-Bauern begonnen, hier halten die meisten Menschen immer noch treu zu ihm.

Auf dem Weg nach Mexiko sollte das Flugzeug erneut in Lima landen, um aufzutanken. Doch um 19.30 Uhr, kurz vor dem Abheben, habe ihn der Außenminister der konservativen peruanischen Regierung informiert, dass er aus "politischen Erwägungen" die Genehmigung zum Auftanken widerrufen habe, so Ebrard.

Freundliche Geste von Jair Bolsonaro

"Es war der schlimmste Moment, weil sich vor dem bolivianischen Flugplatz Morales' Anhänger versammelt hatten und drinnen Militärs waren." Offenbar hätte es jeden Moment zu blutigen Zusammenstößen kommen können. Während die Maschine in Bolivien wartete, arbeiteten die Mexikaner an einem Plan B:

  • Argentiniens gewählter Präsident Alberto Fernández, ein gemäßigter Linker, der Mexikos Staatschef López Obrador nahesteht, hatte die rettende Idee.
  • Er rief Paraguays Präsident Mario Abdo an, der den Mexikanern erlaubte, in Asunción zwischenzulanden und aufzutanken.
  • Doch als sie von der paraguayischen Hauptstadt abheben wollten, verweigerten die bolivianischen Behörden die Überfluggenehmigung gen Norden.
  • Daraufhin bot der brasilianische Botschafter in La Paz seine Hilfe an.

Auf "nahezu wundersame Weise", so Ebrard, erteilte die Regierung des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro die Genehmigung, entlang der brasilianischen Grenze nach Norden zu fliegen, bis der peruanische Luftraum erreicht war.

Ebrard dankte den Brasilianern ausdrücklich für diese unerwartet freundliche Geste. Auf einen erneuten Zwischenstopp in Peru oder Ecuador konnte die vollbetankte Maschine verzichten; sieben Stunden später landete Morales zusammen mit seinem ebenfalls zurückgetretenen Vize Alvaro García Linera und seiner früheren Gesundheitsministerin wohlbehalten in Mexiko.

Asylrecht hat in Mexiko eine lange Tradition

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Mexiko den Bolivianer aufnimmt. Im Land hat es eine lange Tradition, verfolgten Politikern Asyl zu gewähren. Das Recht auf Asyl ist in der Verfassung verankert:

  • In Mexiko fand unter anderem Leo Trotzki Zuflucht; er wurde hier von einem Agenten Stalins ermordet.
  • Viele deutsche Intellektuelle flüchteten vor den Nazis nach Mexiko, unter ihnen der Journalist Egon Erwin Kisch und die Schriftstellerin Anna Seghers.
  • Auch Zehntausende Spanier, die in den Dreißigerjahren vor dem Bürgerkrieg flohen, fanden in Mexiko Aufnahme.
  • Zahlreichen lateinamerikanischen Politikern gewährte Mexiko ebenfalls Asyl. Die Familie des 1973 gestürzten chilenischen Präsidenten Salvador Allende wurde aufgenommen, ebenso die spätere Nobelpreisträgerin Rigoberta Menchú aus Guatemala und der gestürzte honduranische Präsident Manuel Zelaya.

Das Asylrecht sei die Grundlage seiner "neuen Außenpolitik" sagte der linke Präsident Obrador: "Wir knüpfen damit an die diplomatische Geschichte Mexikos an." Diese Großzügigkeit kommt allerdings nicht bei allen Mexikanern gut an. Evo Morales Asyl zu gewähren, bedeute "den Wahlbetrug zu negieren, den dieser an dem bolivianischen Volk begangen hat", kritisierte der Kolumnist Luis Cárdenas in der Zeitung "El Universal".

Mexiko meldet sich auf der internationalen Bühne zurück

Unklar ist auch, ob die neue Großzügigkeit auch für die Zehntausenden Mittelamerikaner gilt, die auf der Flucht vor der Gewalt in ihren Heimatländern in Mexiko gestrandet sind, weil sie an der US-Grenze zurückgewiesen wurden. Viele berichten von Übergriffen und Misshandlungen.

Eines ist allerdings unstrittig: Mexiko hat sich mit der Aufnahme Morales' erfolgreich auf der internationalen Bühne zurückgemeldet, nachdem Obrador die Außenpolitik bislang eher vernachlässigt hatte. Wenige Tage vor der Ankunft Morales' war der gewählte Präsident Argentiniens, Alberto Fernández, nach Mexiko gekommen. Es war seine erste Auslandsreise nach seinem Wahlsieg.

Fernández will eine neue politische Achse der gemäßigten Linken in Lateinamerika schmieden, die von Buenos Aires nach Mexiko-Stadt reicht. Obrador hatte auf diesen Vorstoß zurückhaltend reagiert, die Innenpolitik hat für ihn Priorität.

Doch das könnte sich rasch ändern, wenn sich die Unruhen in Lateinamerika zum Flächenbrand ausweiten: Dann reicht es nicht länger, Asyl zu offerieren und sich ansonsten unter Verweis auf das Prinzip der Nichteinmischung rauszuhalten. Dann wird Obrador als Außenpolitiker aktiv werden müssen.



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gunpot 13.11.2019
1. Ob sich Mexiko mit dieser Entscheidung
einen Gefallen tut ist zweifelhaft. Immerhin ist der zurückgetretene bolivianische Präsident ein unverfrorener Wahlbetrüger. Unverfroren, weil man allein schon mathematisch nachweisen kann, dass viele Ergebnisse nicht stimmen können. Alles mal wieder Wasser auf den Mühlen von Trump, der jetzt versuchen wird, an der US-mexikanischen Grenze noch erbarmungsloser gegen Immigranten vorzugehen.
syracusa 13.11.2019
2.
Zitat von gunpoteinen Gefallen tut ist zweifelhaft. Immerhin ist der zurückgetretene bolivianische Präsident ein unverfrorener Wahlbetrüger. Unverfroren, weil man allein schon mathematisch nachweisen kann, dass viele Ergebnisse nicht stimmen können. Alles mal wieder Wasser auf den Mühlen von Trump, der jetzt versuchen wird, an der US-mexikanischen Grenze noch erbarmungsloser gegen Immigranten vorzugehen.
Naja, wenn Leben und körperliche Unversehrtheit von Morales in Bolivien bedroht sind, dann ist es auf jeden Fall erst mal OK, ihm Asyl zu gewähren. Wenn Bolivien zur Ruhe gekommen ist und sich wieder ein rechtsstaatliches System etabliert hat, dann kann man Morales immer noch an die bolivianische Justiz ausliefern.
Proggy 13.11.2019
3.
Zitat von syracusaNaja, wenn Leben und körperliche Unversehrtheit von Morales in Bolivien bedroht sind, dann ist es auf jeden Fall erst mal OK, ihm Asyl zu gewähren. Wenn Bolivien zur Ruhe gekommen ist und sich wieder ein rechtsstaatliches System etabliert hat, dann kann man Morales immer noch an die bolivianische Justiz ausliefern.
Evo Morales, indigener Abstammung, Hoffnungsträger und linker Sozialist, ist ein Wahlbetrüger auf der Flucht vor Strafverfolgung. Politisches Asyl zu beantragen, um der Justizverfolgung zu entgehen, ist als Mittel nicht gerade neu. Das angeblich sein Leben bedroht sei, klingt nach überdrehter Schutzbehauptung und hat wahrscheinlich soviel Wahrheitsgehalt, wie seine Behauptungen von angeblichem Putsch und Verschwörung, am Vortag seiner Flucht. btw. Wenn er wirklich um sein Leben fürchtet, ist Mexico nicht gerade der beste Ort. Leo Trotzki, hatte mit der Wahl Mexikos auch nicht das große Glück.
Johannes Wilm 13.11.2019
4. Wahlbetrug?
Woher wollt ihr denn wissen dass er Wahlbetrug begangen hat? Selbst wenn es bei der Wahl Unregelmäßigkeiten gegeben hat - so hat ja Morales Neuwahlen angeboten gehabt und wurde vom Militär trotzdem rausgezungen. Bis auf weiteres ist Evo weiterhin der gewählte Präsident Boliviens. Sein Rücktritt ist nämlich nicht rechtsgültig wenn das Parlament diesen nicht annimmt. Bisher ist das nicht passiert. Man kann von Morales halten was man will, aber als DEmokrat kann man nunmal keinen Militärputsch unterstützen.
frmwltd 13.11.2019
5. Absurdität von SPON
man vergleicht Leo Trotzki's Exil mit dem von Morales. Man kann das tun aber ob sich SPON damit einen Gefallen tut.
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