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03. Juli 2013, 17:18 Uhr

Morales' Zwangslandung in Wien

Diplomaten-Drama im VIP-Terminal

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Der diplomatische Zwischenfall ist so spektakulär wie rätselhaft: Boliviens Präsident muss in Wien zwangslanden, europäische Länder sollen seinem Jet den Überflug verwehrt haben - weil Edward Snowden an Bord vermutet wurde. Rekonstruktion der Ereignisse.

Es war eine lange Nacht für Evo Morales. Eigentlich hätte Boliviens Präsident schon zurück in der Heimat sein sollen. Start in Moskau, ein Tankstopp in Südeuropa, dann über den Atlantik nach Hause: So sah die Reiseroute des Politikers aus. Es kam gründlich anders. Am Mittwochmittag europäischer Zeit lag Morales nicht im eigenen Bett - sondern hockte schlechtgelaunt auf einer Ledercouch des Wiener Flughafens. Es ist das neuste Kapitel der US-Jagd auf den Whistleblower Edward Snowden.

Rückblende: Am Dienstagabend sitzt Morales im Moskauer Studio des spanischsprachigen russischen Senders RT und gibt ein Interview. Darin zeigt er sich durchaus offen dafür, Snowden Unterschlupf in seinem Land zu gewähren. Man werde ein entsprechendes Gesuch "natürlich diskutieren und abwägen". Bolivien befindet sich auf einer Liste von Ländern, in denen Snowden um Asyl gebeten hat.

Stunden später verlässt der Präsidenten-Jet die russische Hauptstadt, in die der Politiker für einen Energiegipfel gereist war. Geplant war ursprünglich eine Tankpause in Portugal, doch schon am Montag hatte Lissabon dafür die Erlaubnis entzogen. Stattdessen sollte auf den Kanaren Treibstoff für die Atlantikpassage aufgenommen werden. Doch auch dazu soll es vorerst nicht kommen.

In den Abendstunden des Dienstags wird klar, dass es ein Problem gibt. Die bolivianische Regierung stellt die Lage in einer ersten Stellungnahme so dar: Frankreich und Portugal hätten dem Präsidenten-Jet den Überflug verweigert - kurz bevor die Maschine in französischen Luftraum eindrang. Unklar ist, woher diese Ansage gekommen sein soll. Beide Regierungen weisen die Verbotsbehauptung zurück.

Tatsache ist, dass Morales' Flugzeug eine Zwischenlandung in Österreich einlegt. FAB-001, so die Kennzeichnung des Flugzeugs, setzt laut Diplomatenkreisen um 21.44 Uhr in Wien auf. "Die Ansage kam mitten im Flug", sagt Boliviens Verteidigungsminister Rubén Saavedra, selbst an Bord der Maschine: "Der Präsident war sehr wütend." An Bord gab es zuvor eine kurze Diskussion, ob man nach Moskau zurückkehren solle.

Kurz vor der Landung in Wien verbreitet sich das Gerücht, dass Snowden möglicherweise an Bord der Maschine sein könnte. Eben hatte Morales noch Asyl für den Whistleblower angeregt, jetzt fliegt er ihn schon außer Landes - so die Rechnung. Aus Bolivien werden die Spekulationen umgehend als "Lüge" zurückgewiesen.

Die Kritik aus Südamerika lässt nicht lange auf sich warten. Venezuelas Außenminister Elías Jaua spricht - mit Blick auf die angeblich knappen Treibstoffreserven an Bord - von einem "Angriff auf Morales' Leben". Die Aktion über Österreich sei ein Beweis, wie das "Imperium und seine Lakaien vorgehen, um einen jungen Mann zu jagen, der nur die Wahrheit gesagt hat". Das "Imperium" in diesem Bild sind die USA, als "Lakaien" tituliert Jaua die europäischen Länder, seiner Meinung nach sind sie der US-Regierung hörig.

Ganz so weit will Boliviens Verteidigungsminister Saavedra nicht gehen. Doch auch er teilt deutlich aus in Richtung Washington. Saavedra spricht von einem "eindeutigen Beweis von Sabotage der USA, die Druck auf die europäischen Regierungen ausüben".

Es beginnt ein nächtliches diplomatisches Hickhack am Wiener Flughafen. Während hinter den Kulissen die Telefondrähte glühen, entsteht eine Bilderserie des gestrandeten Präsidenten: Morales im roten Ledersofa der Wartehalle. Morales tippt gelangweilt auf seinem Telefon herum. Morales bespricht sich mit seinem Piloten. Laut österreichischem Rundfunk verbringt der Politiker die Nacht komplett im VIP-Terminal des Flughafens.

Erst am Morgen kommt Bewegung in den Fall - und neue Verwirrung. Dafür sorgen die österreichischen Offiziellen, die inzwischen zum Flughafen geeilt sind. Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger verkündet gegen 10.45 Uhr, man habe bei einer Durchsuchung des Flugzeugs keinen blinden Passagier entdeckt. Angeblich hatte Spanien auf eine Durchsuchung gedrängt. Das Innenministerium erklärt dagegen, es habe keine rechtliche Grundlage für eine Durchsuchung gegeben. Man habe lediglich die Pässe der Reisenden überprüft. Kurz vor Abflug erklärt die bolivianische Delegation: Das Flugzeug wurde untersucht. Diese "Aggression" sei von den USA angeordnet worden, so Boliviens Uno-Gesandter Sacha Sergio Llorenty Soliz. Man werde bei den Vereinten Nationen um Aufklärung bitten. Aus Diplomatenkreisen in Wien heißt es dagegen, die Flughafenpolizei habe ohne Proteste der Bolivianer zu einer sogenannten Freiwilligen Nachsicht an Bord kommen dürfen.

Doch komplett freigegeben ist die Reiseroute am Mittwochvormittag immer noch nicht. Erst gegen 11 Uhr dann die entscheidende Nachricht: Spanien lenkt ein, die Maschine darf den Luftraum benutzen. Zuvor hatten dies bereits Italien, Frankreich und Portugal ausdrücklich erlaubt. Die Route steht damit - Morales kann starten. Kurz vor Abflug sagt er noch vor Journalisten, man habe ihn in "Geiselhaft genommen", in Österreich aber gut behandelt.

Um 11.30 Uhr hebt Morales' Jet ab. Kurs: die Kanaren. In Gran Canaria landet die Maschine am Nachmittag zum Auftanken zwischen. Die südamerikanischen Staatschefs, die sich zu einer Sondersitzung getroffen haben, äußern ihre Empörung über die Behandlung Morales'. In einem gemeinsamen Statement verlangen die Mitglieder des Staatenzusammenschlusses Unasur eine Erklärung für das "unfreundliche und nicht zu rechtfertigende" Vorgehen.

Was bleibt von dieser diplomatischen Episode, sind viele Fragen:

mit Material von dpa, Reuters, AFP, Mitarbeit: Claus Hecking

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