Bomben-Terror im Irak Uno zieht 90 Prozent des Personals ab

Der blutige Bomben-Anschlag im Irak entsetzt die Welt. Noch immer sterben in den Krankenhäusern von Nadschaf Menschen, die Zahl der Toten nach der Terror-Attacke ist auf bis zu 125 gestiegen. Nun zieht die Uno erste Konsequenzen: Ein Großteil der Mitarbeiter soll den Irak umgehend verlassen.


Bagdad: Explosion vor dem Uno-Hauptquartier am 19. August
AFP

Bagdad: Explosion vor dem Uno-Hauptquartier am 19. August

Bagdad - US-Präsident George W. Bush hat den Anschlag in der irakischen Pilgerstadt Nadschaf als "Akt des Terrorismus" scharf verurteilt. Das Attentat, bei dem nach neuesten Angaben laut CNN mindestens 125 Menschen getötet worden sein sollen, sei gegen die Hoffnungen der Iraker nach Freiheit, Frieden und Aussöhnung gerichtet, hieß es in einer Erklärung des Weißen Hauses.

Aus Sicherheitsgründen wollen unterdessen die Vereinten Nationen die Zahl ihr Mitarbeiter in Irak deutlich reduzieren. Aus Uno-Kreisen verlautete in New York, von den derzeit 400 internationalen Mitarbeitern der Vereinten Nationen, davon 110 in Bagdad, sollten künftig nur noch 40 bis 50 im Land bleiben. Das entspricht einem Rückgang von fast 90 Prozent.

"Die wichtigsten humanitären Aufgaben werden weitergehen, darunter die Verteilung von Lebensmitteln und die Arbeit in den Krankenhäusern", sagte Uno-Sprecher Stephane Dujarric. Uno-Generalsekretär Kofi Annan hatte eine Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen angeordnet, nachdem bei dem Bombenanschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad am 19. August 22 Menschen ums Leben gekommen waren. Unter den Toten war auch der Uno-Sondergesandte für Irak, Sergio Vieira de Mello.

Zum Zeitpunkt des Anschlags hielten sich nach Angaben von Uno-Sprecher Fred Eckhard etwa 300 Mitarbeiter in Bagdad und mehr als 300 weitere im Rest des Landes auf. Die Vereinten Nationen brachten nach dem Anschlag die verletzten Mitarbeiter außer Landes und forderte andere auf, ihre Arbeit ins benachbarte Jordanien zu verlegen.

Der Anschlag in Nadschaf, nahe der Imam-Ali-Moschee, einer der heiligsten Stätten der Schiiten. hingegen galt am Freitag offensichtlich dem einflussreichen Schiitenführer Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim.

Als al-Hakim die Moschee in Begleitung seiner Leibwächter nach dem Freitagsgebet verlassen habe, seien zwei Autos mit gewaltigen Detonationen explodiert, berichtet sein Neffe Mohsen Hakim gegenüber CNN. Nach Krankenhausangaben wurden mindestens 85 Menschen bei dem Anschlag getötet und weitere 140 verletzt. Fahrzeuge und Geschäfte in der Umgebung der Imam-Ali-Moschee wurden von der Detonation völlig zerstört.

Al-Hakim war der Vorsitzende des Obersten Rates für die Islamische Revolution im Irak (Sciri). Dies ist eine der wichtigsten und einflussreichsten Schiitengruppen des Landes. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag 150 Kilometer südlich von Bagdad. Verwaltungsratsmitglied Achmed Tschalabi beschuldigte Anhänger des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein. Fünf Brüder von al-Hakim waren vom Saddam-Regime ermordet worden. Al-Hakim selbst floh 1980 nach Teheran, wo ihm seine iranischen Glaubensbrüder Asyl gewährten, und kehrte nach dem Sturz des Saddam-Regimes in seine Heimat zurück.

Erst vor knapp einer Woche war ein Onkel des Geistlichen bei einem Attentat in Nadschaf verletzt worden. Der US-Zivilverwalter im Irak, Paul Bremer, verurteilte das Attentat auf al-Hakim scharf und versprach die Hilfe der alliierten Truppen bei der Aufklärung des Verbrechens. Die Feinde eines neuen Iraks schreckten vor nichts mehr zurück, heißt es in einer in Bagdad verbreiteten Erklärung Bremers. Erneut seien unschuldige Iraker getötet und einer der heiligsten Plätze im Islam geschändet worden.

Das Attentat ist bereits der dritte schwere Autobombenanschlag im Irak in diesem Monat. Am 19. August starben bei einem Anschlag auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad 23 Menschen, darunter der Uno-Menschenrechtskommissar und Sonderbeauftragte für den Irak, Sergio Vieira de Mello. Am 7. August wurden vor der jordanischen Botschaft in Bagdad elf Menschen durch eine Autobombe getötet.

Tot: Schiitenführer Mohammed Bakir al-Hakim
AFP

Tot: Schiitenführer Mohammed Bakir al-Hakim

Die Folgen der neuerlichen Explosion sind noch unabsehbar. Im schlimmsten Fall droht dem Irak jetzt ein Bürgerkrieg innerhalb der schiitischen Bevölkerungsmehrheit. Rund zwei Drittel der Iraker sind Schiiten. Seit dem Sturz von Saddam Hussein hatte es in Nadschaf immer wieder Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der wichtigsten schiitischen Führer gegeben.

Der Oberste Rat hat mit Abdelasis al-Hakim einen Bruder des Sciri-Chefs als Vertreter in den 25 Mitglieder umfassenden Provisorischen Regierungsrat im Irak entsandt. Für die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Besatzungsmacht ist Sciri von anderen schiitischen Gruppen wiederholt kritisiert worden.

Erst am vergangenen Sonntag war Saijid Mohammed Said Hakim, ein Onkel des Sciri-Vorsitzenden, bei einem Bombenanschlag gegen die Schiitengruppe in Nadschaf leicht verletzt worden. Drei seiner Leibwächter wurden dabei getötet. Auch dieser Anschlag hatte sich in der Nähe der Imam-Ali-Moschee ereignet.

Am 10. April war der moderate Schiitenführer Abdel Madschid al-Choei nach Angaben seiner Anhänger in der Moschee ermordet worden. Ein Sprecher der in London ansässigen al-Choei-Stiftung hatte damals erklärt, der Geistliche sei von mehreren Männern mit Messern angegriffen und getötet worden. Al Choei war erst zwei Wochen zuvor aus zwölfjährigem Londoner Exil in seine Heimat zurückgekehrt.

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