Bombendossier des FSB Terrortipps vom russischen Geheimdienst

Wo trägt man am besten einen Bombengürtel? Welches Auto eignet sich am besten für einen Anschlag? Warum sind Selbstmordattentäter so effektiv? Darüber gibt ein Dossier des russischen Geheimdienstes FSB Auskunft, das eigentlich zu mehr Wachsamkeit mahnen soll.

"Tipps von den Profis" heißt die Rubrik auf der Homepage des russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Neben Hinweisen an Bürger ("Wie verhalten bei einer Entführung und Geiselnahme durch Terroristen") und der Verlinkung zum Portal antiterror.ru findet sich dort auch ein umfangreiches Dossier "Über die Durchführungstaktik von Sabotage- und Terrorakten". Ähnliche Listen führen auch westliche Sicherheitsbehörden wie die amerikanische Bundespolizei FBI. Sie sollen helfen, die Wachsamkeit der Bürger zu schärfen und Terrorattacken zu verhindern.

FSB-Dossier "Über die Durchführungstaktik von Sabotage- und Terrorakten": Tipps von den Profis

FSB-Dossier "Über die Durchführungstaktik von Sabotage- und Terrorakten": Tipps von den Profis

Das FSB-Dokument zeichnet sich aber durch besonders anschauliche Darstellung von Terrorvorbereitungen aus - und enthält ebenso putzige Banalitäten wie bedenkliche Passagen, die als Anleitung für Planung und Durchführung von Anschlägen gelten können.

So schreiben die Geheimen, Terrorzellen im Inland könnten aufmerksame russische Bürger daran erkennen, dass die mutmaßlichen Terroristen, sobald sie sich in Wohnhäusern eingenistet haben, ihren Müll - wenn überhaupt - nur nachts zum Abfallcontainer bringen. In der Regel beauftragen sie jedoch Vertrauenspersonen damit, ebenso beim Essenskauf.

Verdächtig sind dem FSB Wohnungen, aus denen keine Fernsehergeräusche ertönen und die "Abwesenheit von Musik". Ein weiteres klares Alarmsignal: "Das Fehlen von Kosmetik bei Frauen, außer Mitteln zum Färben der Haare."

Für Autobomben am besten geeignet sind demnach "die verbreiteten Modelle einheimischer Herstellung (WAS-2101, 2103, 2106) - das sind die unauffälligen Rostlauben der Marke "Zhiguli", die in Russland an jeder Ecke stehen.

Blaupause für Terroristen

Es ist ein etwas bizarr anmutendes Kompendium, das der FSB da veröffentlicht hat. Erst am Ende des Werks schreiben die Autoren, an wen sie sich wenden: an wachsame Bürger, die die Augen offen halten und bei Anzeichen von Terrorvorbereitungen die Sicherheitsbehörden einschalten sollen. "Nur mit gemeinsamen Anstrengungen der staatlichen Organe, gesellschaftlicher Organisationen und der gesamten Zivilgesellschaft können wir die verbrecherischen Bemühungen der Anführer von Terrororganisationen unterbinden."

Nur: Bis zum letzten Absatz liest sich das dreiseitige Dokument wie eine Blaupause für Terroristen. Darauf haben russische Internet-Medien aufmerksam gemacht. Am Freitagmorgen berichtete das Portal "Newsru.com" über das Auftauchen der eigenwilligen Zusammenstellung im Netz, die man "wie eine Anleitung lesen kann".

Tatsächlich listen die Geheimdienstler ausführlich Terrortaktiken auf. Nach der Ausspähung des Zielobjektes (per Video- und Fotokamera, Fernglas oder Teleskop) folgt die Aufzeichnung der Zugangswege. Sprengstoff oder die für die Herstellung nötigen Komponenten müssen gekauft werden, Zünder aus Uhren und "raumsparenden Funkempfängern" hergestellt werden.

Als höchst bedenklich stufen russische Medien vor allem die Tatsache ein, dass sich die Verfasser vom FSB in Elogen über die Effektivität von Selbstmordattentätern ergehen. Terroristen mit Sprengstoffgürteln (tragbar an der Brust, Hüfte oder Oberschenkel, im Falle einer weiblichen Angreiferin auch "eine Schwangerschaft imitierend") werden als "Waffen strategischer Bestimmung" gelobt.

Gewissenhaft erklärt die FSB-Seite, warum neben dem Attentäter meist eine zweite Person an den Anschlägen beteiligt ist - als "Kontrolleur", der den mit Sprengstoff gegürteten Selbstmordattentäter liquidieren kann, falls dieser "es sich anders überlegt". Eine solches Vorgehen sei "von großem Vorteil, da "erstens solche Aktionen fast immer zu zahlreichen Opfern führen" und "zweitens immer in den Fokus der Massenmedien gelangen". Außerdem rühmen die FSB-Autoren die Präzision solcher menschlichen Bomben, auch müsse keine Rückzugsstrategie ausgearbeitet werden. "Fünftens besteht keine Gefahr, dass der Ausführende in die Hände der Justiz fällt."

Angst vor tschetschenischen Selbstmordbombern

Tatsächlich ist es in Russland immer wieder zu verheerenden Selbstmordattentaten gekommen, beispielsweise von sogenannten "schwarzen Witwen" aus Tschetschenien. 2003 starben 13 Menschen bei einem Open-Air-Konzert, als eine Attentäterin sich in der Menge in die Luft sprengte. Eine schlimmere Katastrophe blieb nur aus, weil die Sprengsätze von weiteren Attentäterinnen nicht zündeten.

Russische Kommentatoren wie Sergej Kobjakin von der Zeitung "Moskowskij Komsomolez" vermuten daher auch, dass der FSB mit dem Dokument an die Öffentlichkeit gegangen ist, um Russlands Bürger vor dem nationalen Feiertag am 9. Mai, dem "Tag des Sieges", zu sensibilisieren. Gleichwohl geht aus Internet-Protokollen hervor, dass das Schreiben schon vor längerer Zeit veröffentlicht wurde. Zudem ist Russland seit längerem nicht mehr von schweren Terrorakten erschüttert worden - abgesehen von den Unruheprovinzen Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan. Bislang haben russische Behörden die Attacken in diesen Teilrepubliken allerdings eher heruntergespielt.

Das Motiv für die Veröffentlichung bleibt rätselhaft. Auch auf Anfrage war keine Stellungnahme des Geheimdienstes zu erhalten. Unklar ist auch, warum der FSB um die Bürger zu erhöhter Wachsamkeit aufzurufen, minutiös über Stadien der Anschlagsplanungen und Konstruktionsdetails von Bomben berichtet. So heißt es etwa, dass die zerstörerische Wirkung von Sprengsätzen mit "Schrauben", "Muttern" und anderen Metallteilen erhöht werden - und diese "gekauft" oder "gesammelt" werden könnten.

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