Bombenserie Indien feiert den Helden von Delhi

Kuldeep Singh ahnte gleich, was für ein Paket er beförderte. Rasch evakuierte der Busfahrer aus Neu-Delhi seine Passagiere. Die Bombe explodierte, Singh kämpft um sein Leben. Inzwischen bekannte sich eine bislang unbekannte Gruppe zu den drei verheerenden Anschlägen vom Samstag.

Neu Delhi - Indien feiert einen tragischen Helden: Dank seiner Geistesgegenwart hat der Busfahrer Kuldeep Singh seinen mehr als 30 Fahrgästen das Leben gerettet. Singh fuhr den Bus, in dem eine der drei Bomben explodierte, die am Samstag die indische Hauptstadt Neu Delhi erschütterten. Ein Fahrgast machte ihn auf ein zugeschnürtes Paket aufmerksam. Als sich niemand als Besitzer meldete, vermutete der Fahrer sofort eine Bombe, wie ein Passagier der Zeitung "Times of India" berichtete.

Singh stoppte den Bus in einer relativ abgelegenen Gegend, ließ alle Gäste aussteigen und versuchte dann, die Bombe aus dem Fenster zu werfen. Dabei zündete der Sprengsatz. Singh erlitt schwerste Verletzungen und kämpft zurzeit um sein Leben. Einige Fahrgäste wurden leicht verletzt. Anders als bei den anderen beiden Bombenexplosionen kam aber niemand der Businsassen ums Leben.

Inzwischen hat die Polizei das Phantombild eines mutmaßlichen Täters herausgegeben. Der asiatisch aussehende Mann soll auf dem Markt von Sarojini Nager, wo es die meisten Toten gab, neben einer Gasflasche einen Dampfkochtopf mit einer Bombe abgestellt haben.

Am Sonntag bekannte sich eine bislang unbekannte Gruppe zu den drei Bombenattentaten bekannt. Die Gruppe, die sich Inquilab (Revolution) nannte, meldete sich bei mehreren Journalisten in der Sommerhauptstadt Srinagar des indischen Teils von Kaschmir. Der Sprecher der Organisation, Ahmed Yar Gaznavi, sagte den Reportern, die Gruppe wolle "Anschläge dieser Art" so lange fortsetzen, bis Indien seine Soldaten aus Kaschmir abziehe und "seine unmenschlichen Aktivitäten" dort stoppe.

Die Fernsehsender berichteten, Inquilab sei eine Splittergruppe der militanten pro-pakistanischen Organisation Lashkar-e-Taiba. Ein Polizeisprecher sagte dagegen, der Polizei sei eine solche Gruppe nicht bekannt. In der zwischen Pakistan und Indien umstrittenen Grenzregion Kaschmir kämpfen seit 1989 rund ein dutzend Rebellenorganisationen gegen die indischen Truppen.

Bei den Anschlägen von Samstag sind jüngsten Angaben zufolge mehr als 60 Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 188 Menschen seien verletzt worden, teilte die Regierung der Region Delhi mit.

Die erste Explosion erschütterte am frühen Abend (Ortszeit) einen belebten Markt in der Innenstadt von Neu-Delhi, als viele Menschen für das Hindu-Fest Diwali in der kommenden Woche einkauften. Nach Angaben eines Feuerwehrsprechers kamen mehrere Menschen ums Leben, viele wurden nach Polizeiangaben verletzt. In der Nähe des Marktes im Stadtviertel Paharganj gibt es etliche billige Hotels, die auch von ausländischen Rucksacktouristen genutzt werden. Die Polizei riegelte das Viertel ab.

Wenige Minuten später ereignete sich eine zweite Explosion in der Nähe eines Marktes im südlich gelegenen Viertel Sarojini Nagar. Hier wurden mindestens 39 Menschen getötet, wie Innenminister Shivraj Patil erklärte.

Die dritte Detonation traf Kuldeep Singhs Bus im Stadtteil Govindpuri, dabei seien mehrere Passanten getötet worden, sagte Feuerwehrsprecher Jagtar Singh. Die Polizei ließ alle Märkte in der Stadt schließen. "Bitte gehen Sie nach Hause zu Ihren Familien", sagte Innenminister Patil in einer Fernsehansprache. Ministerpräsident Manmohan Singh forderte die Bevölkerung auf Ruhe zu bewahren.

Singh machte "terroristische Elemente" für die Serie von Explosionen in Neu Delhi verantwortlich gemacht. "Die Regierung ist entschlossen, alle schändlichen Erscheinungsformen terroristischer Elemente zu bekämpfen", erklärte Singh. Militante Gewalt werde nicht die Entschlossenheit des Landes schwächen, den "Terrorismus zu bekämpfen", fügte der Ministerpräsident hinzu. Die Anschläge seien gegen unschuldige Bürger gerichtet gewesen.

Indiens Nachbar und Rivale Pakistan verurteilte die Anschläge in seinem Nachbarland scharf. "Der Angriff auf einen bevölkerten Marktplatz ist ein terroristischer Akt", erklärte das Außenministerium in Islamabad. "Das pakistanische Volk und seine Regierung sind von dieser barbarischen Tat schockiert", hieß es weiter. Die pakistanische Regierung hoffe, dass die Schuldigen so schnell wie möglich zur Rechenschaft gezogen würden.

Am Dienstag wird in Indien Diwali - das Lichterfest - gefeiert, eines der populärsten Hindu-Feste. Am Freitag feiern die Muslime Eid, das Ende des Fastenmonats Ramadan. Am letzten Samstag vor Diwali und Eid waren Zehntausende Menschen in der 14-Millionen-Metropole Neu Delhi unterwegs, um Geschenke zu kaufen.

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