Bondy Blog Ségolène im Vorstadtdschungel

Diese Chance durften sich die Blogger nicht entgehen lassen: Ségolène Royal in der Sporthalle nebenan. Die Jugendlichen aus dem Viertel freuten sich auf ein Gespräch. Doch die populäre Politikerin speiste die politikhungrigen Vorstädter mit dürren Phrasen ab, berichtet Nadia Boudaoud.


Am 25. November hat Ségolène Royal an einem Kongress über die Vorstädte in der Sporthalle von Bondy teilgenommen. Ein guter basisdemokratischer Ort, um ihre Kür zur offiziellen Präsidentschaftskandidatin zu feiern, eine gute Gelegenheit, die Politik, für die sie während ihrer Kampagne wirbt, zu präsentieren.

Kandidatin Royal: wenig Zeit für Fragen
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Kandidatin Royal: wenig Zeit für Fragen

Leider war es nicht gerade leicht, mehr über die Pläne der Präsidentschaftsanwärterin zu erfahren. Die schwache Lautsprecheranlage und der große Lärm im Raum machten es fast unmöglich, die Rede zu verstehen. Wir bekamen keinen eigenen Gesprächstermin, wurden aber zu der Pressekonferenz mit Royal nach dem Vortrag vor rund 400 Personen eingeladen.

Wir hatten uns ein persönlicheres Gespräch gewünscht und uns für den ultimativen Versuch der Paparazzi-Methode bedient, als Royal vor dem Sportzentrum aus ihrem Auto stieg. Sie drehte sich zu uns und antwortete: "Ah, Bondy Blog… ich werde ihre Fragen während der Pressekonferenz beantworten."

Nach dem Ende des runden Tisches war aber das Gedränge der Journalisten und Funktionäre – Demokratie verpflichtet – so groß, dass die Sicherheitsleute sich gezwungen sahen, einen Schutzkreis um die Kandidatin der Sozialisten zu bilden. Die Pressekonferenz zerfiel in Mini-Gespräche, die schwer zu verstehen sind.

Zwischen zwei Antworten von Royal warfen wir einen Satz in den Raum: "Zur Ihrer politischen Umgebung gehört auch Georges Frèche, der gesagt hat, dass zu viele Schwarze in der französischen Fußball-Nationalmannschaft spielen." Einer der Sicherheitsleute reagiert auf unsere Frage: "Ja, stellen Sie ihr diese Frage, nur zu. Sie kommt gleich hier vorbei."

Wir wiederholen einige Minuten später die Frage: "Gedenken Sie, Frèche in der Partei zu behalten?" "Ich kommentiere solche Aussagen nicht mehr, ich habe es schon getan, lassen sie uns nicht alles durcheinander bringen", antwortet die sozialistische Kandidatin.

In der Menge der Kameras und Mikrofone gelingt es Idir und mir, noch Fragen zu stellen, auf die Royal antwortete.

Bondy Blog: Sie sind im Vergleich zur Konkurrenz, der UMP ("Union pour un mouvement populaire", Mitte-Rechts-Partei von Präsident Chirac, Anm. d. Red.) etwas im Verzug. Wann wollen Sie ihre Schattenminister für Einwanderung nominieren?

Ségolène Royal: Ich habe mir untersagt, über die Zusammensetzung der Regierung zu sprechen. Jedes Ding zu seiner Zeit. Heute geht es darum, das Vertrauen der Franzosen zu erwerben und auf die Probleme zu antworten, die sich stellen, auf die Hoffnungen und Erwartungen. Ich mache das mit einer Gangart, die sich den Bürgern zuwendet. Ich werde Ideen und Dinge in das Präsidentschaftsprojekt integrieren, die funktionieren. Ich will mich aus dieser Energie nähren. Frankreich braucht das.

Bondy Blog: Welche Berater haben Sie im Blick, um Lösungen in die Vorstädte zu bringen?

Ségolène Royal: Sie werden es erfahren, wenn die Zeit gekommen ist. Ich spreche von Frankreich, der Republik, dem guten Funktionieren des Staates, von Projekten, die derzeit ins Leben gerufen werden. Wir werden weiter darüber sprechen und daran arbeiten. Das Vorstadt-Parlament ist ein vollwertiger Partner auf diesem Weg.

Es war eine ganz gute Übung, aber wir geben die Hoffnung nicht auf, dass wir in den nächsten Wochen unter besseren Bedingungen mit Ségolène Royal und anderen Kandidaten sprechen können.

Nadia Boudaoud, Bondy Blog

Übersetzt von Jan Friedmann



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