Bondy Blog Sex-Nachhilfe im Einkaufszentrum

Seit einem halben Jahr gibt es im Pariser Problem-Vorort Rosny-sous-Bois eine neue Anlaufstelle für Jugendliche. Mitten im Einkaufzentrum Rosny-2 hat der Stadtrat "Tête à tête" eröffnet - für alle Fragen rund um Sex, Drogen und Gewalt. Endlich ein richtiger Schritt der Politiker, meint Sada Fofana.


"Es gibt Typen, die keine Kondome benutzen wollen. Mit meinem Freund habe ich es schon ohne gemacht. Ich habe anschließend einen Test gemacht und ich hatte nichts. Wir lieben uns, aber er versteht gar nichts. Ich hatte Schiss mit ihm darüber zu reden - ich habe geschwitzt, es war mir peinlich. Er war nur genervt von dem Thema.

Wir haben uns eine Woche nicht gesehen. Dann kam er wieder an, um mir zu sagen, dass ich Recht hätte. Er würde jetzt ein Kondom benutzen. Am Ende hat er aber gesagt, wenn ich darauf bestehen würde, dass er Kondome benutzt, würde das bedeuten, dass ich ihn nicht mehr liebe. Er würde sich dann eine neue Freundin suchen. Ich habe ihn gewarnt, dass es Krieg bedeuten würde, wenn er mich betrügt."

Ein gewisses Risiko gehört einfach zum Leben dazu - sich eine Milliarde Frage zu stellen, wenn man jung ist, auch. Seit Juni vergangenen Jahres empfängt "Tête-à-tête" die 13 bis 25-Jährigen. Es ist ein Ort, an dem man Informationen bekommt und wo einem zugehört wird - mitten im Einkaufszentrum Rosny-2. Sexualität, HIV, Drogen, Gewalt: Kein Thema ist hier tabu.

"Damit die Jugendlichen zu uns kommen, müssen wir es wagen, dorthin zu gehen, wo sie sind." Das ist das Prinzip, nachdem der Rat des Departements Seine-Saint-Denis im Bestreben eine Prävention für risikobedrohte Jugendlichen zu entwickeln, neue Wege gegangen ist. Die Beratungsstelle liegt mitten im Einkaufszentrum Rosny-2, das mit Läden, Restaurants und Kinos täglich mehr als 45.000 Besucher anlockt, die Hälfte von ihnen jünger als 25 Jahre.

"Die große Menschenmenge und der Ort selbst garantieren eine gewisse Diskretion", sagt einer der Mitarbeiter. Der Eintritt ist frei und die Anonymität der Jugendlichen wird gewahrt. Sie können nach Belieben kommen, gehen und wiederkommen. Zahlreiche interaktive Tools (Ausstellungen, Multimedia-Kabinen, Video-Ecken) erlauben den Gästen, sich diskret über den Körper, die Liebe und die Verhütung zu informieren. Auch über sexuell übertragbare Krankheiten, Aids, Gewalt, Rauchen, Cannabis oder Alkohol gibt es ausreichend Informationen ohne irgendwen etwas fragen zu müssen. Nichtsdestotrotz gibt es mehrere Mitarbeiter aus verschiedenen Disziplinen, an die sich die jungen Leute wenden können: Psychologen, Sozialarbeiter, Erzieher.

"Tête-à-tête" ist kein Jugendtreff mit durchgesessenen Sofas. Ganz im Gegenteil: Der Raum ist in Designer-Atmosphäre gehalten, im Hintergrund läuft Musik. Es gibt Video-Kabinen, in denen man sich von einer Kamera filmen lassen kann, andere Kabinen, in denen die Jugendlichen abgeschirmt von fremden Blicken den Umgang mit Kondomen üben können.

Schon mehrere hundert Jugendliche haben das Angebot genutzt. Aber auch zahlreiche Erwachsene. So etwa verwirrte Eltern, die das Verhalten ihrer Kinder besser verstehen wollen. Trotz aller Bemühungen haben die Mitarbeiter aber inzwischen festgestellt, dass sie noch Schwierigkeiten haben, die eigentliche Zielgruppe zu erreichen. "Wir müssen dringend unsere Kommunikation verbessern und Partnerschaften entwickeln", sagt ein Mitarbeiter. Immerhin, die Gruppe hat schon jetzt Grund sich zu freuen: "Nach einem kleinen Besuch aus Neugier kommen einige Jugendliche auf jeden Fall wieder. Häufig mit einem Freund oder einer Freundin. Zudem kommen langsam immer mehr Jugendliche hierher, die nicht zur Schule gehen und somit sonst kaum Zugang zu Informationen haben."

Sada Fofana, Bondy Blog

Übersetzt von Lisa Erdmann



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