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26. September 2011, 09:34 Uhr

Boom in Indien und China

Wer schlägt den Westen?

Von , Peking

Asien erlebt den Wiederaufstieg zur Weltmacht. Der Einfluss von Unternehmen aus Indien und China wächst stetig - auch im Westen. Dabei stehen die Boom-Staaten gerade erst am Anfang der Revolution.  Wie stabil ist das Comeback der Wirtschaftsmächte?

"Setzen wir uns in den Garten, solange die Hitze nicht zu stark ist", sagt Mohan Guruswamy. Treffpunkt ist das vornehme Hotel The Claridges in Neu-Delhi. Guruswamy, ein stattlicher Mann mit grauem Vollbart, war Ende der neunziger Jahre Chef-Wirtschaftsberater der Regierung, bis ihm, wie er sagt, die Vetternwirtschaft zu viel wurde. Nun verdient er sein Geld als Firmenberater und Wissenschaftler. Er sitzt im Aufsichtsrat zweier von Indern gekaufter europäischer Unternehmen, eines in Italien, das andere in Finnland.

Guruswamy hat sich in seinem Buch "Chasing the Dragon" mit der Zukunft Asiens beschäftigt und kommt zu dem Schluss: "2050 werden die Amerikaner noch immer der mächtigste Staat der Welt sein. Indien und China sind nicht innovativ genug, um die USA zu überholen. Aber wir werden die größte Wirtschaftskraft Asiens, 2035 werden wir sogar China überholen."

Grund seines Optimismus: Die Inder seien im Schnitt jünger und stärker nach außen gewandt als die Chinesen: "Immer mehr Inder lernen Englisch, das ändert die Denkweise. Englisch ermöglicht die Flucht aus Rückständigkeit und Armut." Der indische Mittelstand, meint Guruswamy, werde mit der Zeit wachsen und damit die Nachfrage nach Gütern. Und immer mehr Menschen werden in die Städte ziehen. Dies, sagt er, sei der Schlüssel zu mehr Wohlstand.

Aber was sagt er zu der weltweiten Blamage im Jahr 2010, als die Stadien und Wohnheime für die Commonwealth-Spiele erst nach einem Aufschrei von Journalisten in letzter Sekunde fertig wurden? "Ein klarer Fall von Korruption", meint Guruswamy. "Wir haben unsere Lektion gelernt, so etwas passiert nicht wieder."

Es stimme schon: "Unser System ist langsamer als das chinesische. In China wird etwas beschlossen, und dann passiert es. Bei uns wird hin und her debattiert, eine Genehmigung für einen Staudamm benötigt 20 Jahre und nicht ein paar Tage wie in China. Aber auch die Chinesen sind korrupt: Sechs der neun Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros besitzen Land in den USA oder Kanada", behauptet er.

Allerdings muss sich in Indien noch vieles ändern, wenn es erfolgreich sein wolle, sagt Guruswamy. Voraussetzung sei ein schlankeres Regierungssystem, mehr innerparteiliche Demokratie, weniger Bürokratie und Korruption, besser ausgebildete Arbeiter und Angestellte. Die Bauern müssten Kredite für den Landkauf erhalten, das Bewässerungssystem sollte gründlich überholt werden.

Bei aller Hoffnung für die Zukunft Indiens gibt der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen zu bedenken, dass es im Alltag für viele seiner Landsleute noch enorme Probleme gibt. Während Neugeborene in China damit rechnen können, 73,5 Jahre alt zu werden, liegt die Lebenserwartung in Indien bei 64,4 Jahren. In Indien sterben von 1000 Kindern 50, in China nur 17. 94 Prozent der Chinesen können lesen und schreiben, aber nur 74 Prozent der Inder. Fast 20 Prozent der Inderinnen zwischen 15 und 24 Jahren sind Analphabetinnen, in China sind es hingegen nur ein Prozent.

Indien und China mögen am Anfang ihres Aufschwungs stehen - der Einfluss ihrer Unternehmen im Rest der Welt ist aber bereits deutlich zu spüren. Die Firmen, in deren Aufsichtsrat Guruswamy sitzt, sind nur einige von jenen, die inzwischen in Europa Fuß gefasst haben. Dazu zählt der indische Konzern Tata, der die britischen Autofirmen Land Rover und Jaguar erworben hat. Der Geflügelproduzent Venkateshwara Hatcheries übernahm 2010 für 46 Millionen Pfund den englischen Premier League Football Club Blackburn Rovers. Chinas Autokonzern Geely kaufte die schwedische Marke Volvo. Asiatische Hotelkonzerne erwerben Luxusherbergen in Paris und bieten "französischen Service mit orientalischem Flair".

"Haltet bitte eure Wirtschaft am Laufen"

Es gibt noch mehr Beispiele für den Vormarsch asiatischer Unternehmen: Chinas staatlicher Chemiekonzern Bluestar beschaffte sich für zwei Milliarden Dollar die Siliziumsparte des norwegischen Orkla-Konzerns, Sinopec 2009 für 7,2 Milliarden Dollar den kanadischschweizerischen Ölförderer Addax Petroleum. Der ebenfalls staatliche Ölkonzern Sinochem investierte drei Milliarden Dollar für 40 Prozent eines Ölfeldes vor der brasilianischen Atlantikküste. In Argentinien sicherte sich der staatliche CNOOC-Konzern für drei Milliarden Dollar die Hälfte der Ölgesellschaft Bridas, und in Brasilien wechselten mehrere Eisenerzminen ganz oder teilweise in chinesischen Besitz über. In Peru ist bereits ein Drittel des Bergbaus in Händen chinesischer Unternehmen.

Kaliforniens damaliger Gouverneur Arnold Schwarzenegger erschien 2010 in China, um die Eisenbahnen zu testen, die mit dem Namen "Harmonie" durch das Land sausen. "China soll Teil unseres Ausschreibungsverfahrens für unsere Hochgeschwindigkeitsstrecken sein", erklärte der ehemalige Bodybuilder und Schauspieler.

Im saudi-arabischen Mekka bauten Chinesen bereits für die muslimischen Pilger eine 18 Kilometer lange Metro, und im China-Mart der Hauptstadt Riad können Araber sogar chinesische Geldschränke kaufen.

Wie sich die Zeiten verändert haben, wie plötzlich Europa abhängig ist von Asien: Der ASEAN-Generalsekretär, der Thailänder Surin Pitsuwan, berichtete mir vom Asien-Europa-Treffen im Oktober 2008 in Peking, als die Finanzkrise über die Welt hereingebrochen war. "Damals, in der Großen Halle des Volkes, konnte man die Angst und die Sorgen der Europäer spüren. Sie wollten nur eines von den Chinesen: Haltet bitte eure Wirtschaft am Laufen, damit unsere nicht zusammenbricht."

Das Comeback eines Kontinents

Hochentwickelte Zivilisationen entfalteten sich auf dem asiatischen Kontinent bereits, als weite Teile Europas noch primitive Bauerngesellschaften waren. Im 11. Jahrhundert, als London nur rund 35.000 Einwohner zählte, siedelten in und um Angkor in Kambodscha eine Million Menschen, die fähig waren, dreimal im Jahr Reis zu ernten. Um 1500 lebten in Asien rund 284 Millionen Menschen, in Westeuropa waren es nur 57 Millionen. Der Wirtschaftshistoriker Angus Maddison errechnete, dass China im 10. Jahrhundert die führende Wirtschaftsmacht der Welt war, legt man zugrunde, was damals jeder Chinese verdiente.

Chinas Bürokratie verwaltete effektiv, seine Wissenschaftler brillierten mit Erfindungen. Die Seeleute navigierten bereits im 15. Jahrhundert mit Kompassen, die Regenten führten neue Lebensmittel und Getreidesorten ein - Tee in der Tang-Dynastie, Baumwolle in der Song-Dynastie, später folgten Sorghumhirse, Mais, Kartoffeln, Erdnüsse und Tabak.

Zwischen 1100 und 1433 waren die Chinesen mit ihrer riesigen Drachenflotte die eifrigsten Händler in Asien. Noch im 17. Jahrhundert erwirtschafteten China und Indien rund die Hälfte des globalen Bruttosozialprodukts, in beiden Regionen lebten mehr Menschen als anderswo auf der Welt. Mitte des 16. Jahrhunderts war Indien nach China zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, zwei Jahrhunderte später zog es an ihm vorbei. "Die großen Moguln waren damals die mächtigsten Herrscher. Sie hatten 500.000 Soldaten, 30.000 bis 40.000 Elefanten, 100.000 Pferde, große Kanonen. England war dagegen winzig", schwärmt der Inder Guruswamy.

Anfang des 19. Jahrhunderts produzierte Asien drei Fünftel des Bruttosozialprodukts der gesamten Welt, mehr als Amerika und Europa gemeinsam. Danach fiel der Kontinent für Jahrzehnte in die Bedeutungslosigkeit, u. a. weil sich Länder abschotteten und in Bürger- und Kolonialkriegen versanken. Zwischen 1820 und 1952 wuchs Chinas Wirtschaft nur noch um 0,2 Prozent pro Jahr. Nun ist der Kontinent wieder da.

Wenn nichts dazwischenkommt, dürfte Asien "2030 fast zwei Drittel der Weltwirtschaft stellen, nahezu das Doppelte des derzeitigen Anteils von 34 Prozent im Jahr 2009", prophezeit die Asiatische Entwicklungsbank (ADB). Schon jetzt ist Asien das Zentrum des globalen Handels, hier werden ein Drittel aller Waren der ganzen Welt umgeschlagen, hier wechselt jeden Tag mehr Geld als in anderen Weltregionen den Besitzer. Asien hat 64 Prozent der Weltwährungsreserven angehäuft, davon besitzt China allein 3,04 Billionen US-Dollar.

Wenn Finanzverwalter nach den attraktivsten Verdienstmöglichkeiten gefragt werden, antworten sie: "Asien". "Vor allem in Asien entstehen neue Vermögen, dort sehen wir derzeit die besten Chancen. Wir sind vor allem in Singapur und Hongkong aktiv, aber auch unser Geschäft in Indien und China wollen wir deutlich ausbauen", sagt der Chef der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank, Pierre de Weck.

Asiens Immobilienhändler machen gute Geschäfte, der Markt boomt, die Preise steigen. "Der US-Markt ist nicht gut, Europa ist nicht toll. Deshalb schauen alle nach Asien", sagt ein Hongkonger Makler.

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