Bootsflüchtlinge aus Ägypten Überfahrt in den Tod

Zwielichtige Schmuggler, gefährliche Schiffspassagen - und die Familie wird zurückgelassen: Jedes Jahr suchen Hunderte Ägypter ihr Glück in Europa und vertrauen sich für die illegale Fahrt übers Mittelmeer Menschenschmugglern an. Für viele endet die Reise tödlich.
Von Amira El Ahl

Kairo - Die Busse rollen gegen Mitternacht auf die Küstenstraße östlich von Alexandria zu. Im Schutze der Nacht, weit entfernt von der nächsten Siedlung, entlassen sie ihre Passagiere in die Ungewissheit. Ihr Gepäck geschultert, machen sich die Flüchtlinge auf den Weg in die Wüste. Irgendwann treffen sie auf die Männer, die über ihr weiteres Schicksal entscheiden – Schmuggler, die den meist jungen Männern versprochen haben, ihnen den Weg ins ferne Europa zu zeigen.

Im Fischerdorf Abu Kir an der ägyptischen Mittelmeerküste startet für viele dieser verzweifelten Männer eine lebensgefährliche Reise. Mit kleinen Ruderbooten werden die Passagiere auf das offene Meer gebracht und dort auf größere Fischkutter verfrachtet. Das Ziel der meisten heißt Italien. Doch oft endet die Reise schon viel früher, auf hoher See und für viele tödlich.

Erst diesen Monat veröffentlichte die ägyptische Regierung eine Studie, die sich mit dem Problem illegaler Immigration von Arabern nach Europa beschäftigt. Jedes Jahr begeben sich 100.000 Menschen aus den arabischen Staaten auf den gefährlichen Weg nach Europa, heißt es dort. "Illegale Immigration von Ägyptern nach Europa ist zu einem sehr schwierigen Problem geworden und ist unmöglich aufzuhalten", ist das Fazit der Studie, "was zur Folge hat, dass noch mehr Jugendliche ertrinken werden oder verschwinden." Nur ein Aufschwung in der heimischen Wirtschaft könne den Zustrom nach Europa stoppen.

Die Fälle, wo die Überfahrt der Flüchtlinge tragisch endete, sind allen in Ägypten noch in schmerzlicher Erinnerung: Im Dezember kenterte ein 15 Meter langes und hoffnungslos überladenes Boot bei schlechtem Wetter vor der türkischen Küste. Die Bilder der leblosen Körper, die in der Nähe von Izmir angespült wurden, dominierten tagelang die Titelseiten der ägyptischen Zeitungen. Von den an Bord vermuteten 90 Passagieren, unter denen 32 Ägypter gewesen sein sollen, wurden 40 tot geborgen.

Oder im Herbst 2007: Alle Zeitungen brachten die Bilder von trauernden Angehörigen, die am Kairoer Flughafen die Leichen ihrer Söhne, Männer und Brüder in Empfang nahmen. Von 184 Bootsflüchtlingen, die im November versucht hatten, die italienische Küste zu erreichen, waren nur 37 lebend angekommen. 26 Leichen konnten damals vor der Küste Italiens geborgen und an die Angehörigen in Ägypten überführt werden. Von den verbleibenden 121 Flüchtlingen fehlt jede Spur.

In Tatun bauen sie schöne Häuser. Mit Geld aus Europa

In Tatun, einem Dorf in der Oase Fajum 100 Kilometer südlich von Kairo, wissen die Menschen, was es heißt, um das Leben eines Angehörigen zu bangen. In dieser Stadt von rund 100.000 Einwohnern kennt fast jeder einen, den es nach Italien gezogen hat oder immer noch zieht. Fragt man in Fajum nach Tatun, heißt es: "Das ist doch der Ort, wo alle nach Italien wollen."

Das Dorf liegt in einer der ärmsten Regionen Ägyptens, die Arbeitslosigkeit ist hoch, vor allem unter den Jugendlichen, die ihre Tage auf der Straße verbringen und kein Vertrauen in die Zukunft haben.

Fährt man die staubige Hauptstraße entlang, die Einheimischen nennen sie Italien-Straße, die ins Zentrum von Tatun führt, fallen sofort die vielen Neubauten auf. In einer Gegend, in der die meisten Menschen als Bauern arbeiten und die traditionellen Häuser aus einfachem Stein oder Lehm sind, überraschen die pompösen mehrstöckigen Rohbauten. "All das Geld im Dorf kommt aus Europa", erzählt Hagg Gamal, Landwirtschaftsingenieur und Grundbesitzer aus Tatun. Der Bauboom ist nicht zu übersehen, überall entstehen neue Häuser, sogar ein achtstöckiges Einkaufszentrum ist hier auf dem Land geplant. "Dieser Boom tut dem Ort natürlich gut, weil er Jobs schafft", sagt Gamal.

Es sind vor allem die Jungen, die das Land verlassen wollen. Sie sind 15, 17, 20 Jahre alt, und sie lungern in Gruppen auf den sandigen Straßen des Dorfes herum. Hesham ist einer ihnen, er ist 17 und arbeitslos. "Ich bin bis nach Kairo gegangen, um Arbeit zu suchen, aber auch da habe ich nichts gefunden", sagt der Jugendliche. Er hat von der neuerlichen Katastrophe und den vielen Toten gehört, aber er will eben nach Europa, um sich da eine Zukunft aufzubauen. Das ist sein Traum, wie der so vieler in Ägypten. "Uns bleibt doch sonst nur, Haschisch zu verkaufen", sagt Hesham und zuckt mit den Schultern.

Für die Passage verlangen Schmuggler 3750 Euro

Laut CIA-World-Factbook liegt die Arbeitslosenquote in Ägypten bei 10,3 Prozent, die Weltbank hat in einer Studie festgestellt, dass 40 Prozent der 76 Millionen Ägypter von weniger als zwei Dollar am Tag leben. Dennoch geht es den Ägyptern im Vergleich zu den anderen Völkern Afrikas relativ gut. Die Regierung hat in den vergangenen vier Jahren eine Reihe von Wirtschaftsreformen durchgesetzt, die das Land sichtlich vorangebracht haben. Unter anderem vereinfachte die Regierung die Gründung von Unternehmen, sie beschloss Gründungsprogramme für kleine und kleinste Betriebe und fördert unter anderem mittlere Unternehmen und Exportfirmen. Außerdem wurde die Privatisierung von Staatsbetrieben vorangetrieben und in vielen Sektoren wurden die Zölle abgeschafft.

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Das Wachstum des Bruttoinlandprodukts lag im Jahr 2003/2004 bei 4,1 Prozent und ist in 2006/2007 auf 7,1 Prozent gestiegen. Für das laufende Geschäftsjahr werden ausländische Direktinvestitionen von zehn Milliarden Dollar erwartet. Gamal Mubarak, Sohn des Präsidenten und Antreiber der Wirtschaftsreformen, verwahrt sich deshalb auch dagegen, das Schicksal der Flüchtlinge mit der wirtschaftlichen Situation im Land zu verbinden. Die Regierung habe in den vergangenen zwei Jahren 400.000 Arbeitsplätze geschaffen, von daher gäbe es eigentlich keinen Grund für junge Ägypter, das Land auf der Suche nach Arbeit zu verlassen, erklärte Mubarak.

Ägyptens Wirtschaft wächst - doch die Armut auch

Doch bisher profitieren nur Mittel- und Oberschicht vom wirtschaftlichen Boom. Das Wachstum hat die unteren Bevölkerungsgruppen bis jetzt nicht erreicht, im Gegenteil, die Armut wächst sogar noch. Schuld daran sind vor allem die steigenden Lebenshaltungskosten, welche die Unterschicht immer mehr belasten.

Der Anteil der unter 30-Jährigen in Ägypten liegt bei 60 Prozent. Sie finden oft trotz Schulabschluss und Ausbildung keine oder nur schlecht bezahlte Arbeit, die ein Überleben gerade so möglich macht. Wenn es dann einer schafft, sich in Europa eine Existenz aufzubauen, und mit Geld in seine Heimat zurückkehrt, nährt das den Neid und die Sehnsucht der Daheimgebliebenen.

Zurzeit leben rund 3,5 Millionen Ägypter im Ausland, wobei es die meisten legalen wie illegalen ägyptischen Migranten nach Italien zieht. Nach Schätzungen der italienischen Behörden befinden sich 45.000 Ägypter legal im Land, die ägyptischen Behörden gehen sogar von 90.000 aus. Über die Zahl der illegalen Flüchtlinge gibt es keine offiziellen Statistiken.

Für die meisten Ägypter, die legal kein Visum für Europa erhalten, ist die einzige Hoffnung der Weg über das Mittelmeer. Viele reisen zuerst nach Libyen, um von dort mit Booten das Mittelmeer zu überqueren, doch immer mehr versuchen ihr Glück von der ägyptischen Mittelmeerküste aus.

Die Schmuggler und Fischer, die ihre Boote zur Verfügung stellen, verdienen an dem gefährlichen Geschäft prächtig. Für die Überfahrt verlangen sie 30.000 ägyptische Pfund, umgerechnet knapp 3750 Euro. "15.000 bekommen sie vor der Reise, den Rest wenn sich der Flüchtling telefonisch aus Europa meldet", erzählt Shaban Abdel Hadi, dessen Sohn vor einem Monat Tatun verließ und es sicher nach Italien geschafft hat.

30.000 Pfund sind viel Geld für einen Ägypter. Die Männer geben dafür alles her, was sie besitzen, ihre Familien verkaufen Teile ihres Grund und Bodens, Freunde werden um Vorschuss gebeten. Denn sollte es der Flüchtling nach Europa schaffen, werden sie alle vom erhofften Euro-Einkommen profitieren. Wer es nicht bis nach Europa schafft, hat nicht nur seinen Einsatz verloren, sondern auch seine Hoffnung und seinen Stolz.

Die Flüchtlinge kommen in Italien bei Freunden unter

Wer Italien sicher erreicht, kommt erst einmal bei Freunden oder Bekannten unter. In Mailand und Umgebung haben sich etliche Ägypter niedergelassen, die schon seit den achtziger Jahren in Italien leben. "Sie sind damals auf legalem Weg nach Europa gekommen, haben Firmen gegründet, und einige sind reich geworden", erzählt Hagg Gamal. Bei ihnen finden die Neuankömmlinge Arbeit und eine Bleibe. Die Jungs werden meist schwarz angestellt und bekommen statt offiziell zehn nur fünf Euro in der Stunde, umgerechnet etwa 40 ägyptische Pfund. "Das ist Ausbeutung", sagt der Landwirtschaftsingenieur, aber für ägyptische Verhältnisse ein kleines Vermögen. Auch darum sind die meisten von ihrem gefährlichen Plan kaum abzubringen.

Nur wenige sind der Meinung, dass sich das Risiko nicht lohnt. Die Brüder Yasser und Ahmed besitzen drei Fedan Land in Fajum – umgerechnet etwa 12.600 Quadratmeter. Sie bauen dort unter anderem Weizen und Zwiebeln an. Sie stehen täglich auf ihrem Land, pressen mit der Hand Zwiebelknollen in die weiche, fruchtbare Erde. Auch Yasser, der Jüngere, wollte gehen, doch sein älterer Bruder sprach ein Machtwort und befahl ihm zu bleiben. "Unser Land ist das Kostbarste was wir haben", sagt Ahmed, "deshalb müssen wir hier bleiben und hier arbeiten." Für ihn stellte sich nie die Frage, das Land zu verlassen. "Warum sollte ich in ein fremdes Land gehen?", fragt Ahmed. Auch in Europa gebe es Arme und Reiche. "Warum sollte gerade ich da zu den Reichen gehören?"