Wahl in Großbritannien Johnsons Vorsprung schrumpft

Um sein wichtigstes Wahlversprechen - den Brexit - umzusetzen, braucht Boris Johnson eine stabile Mehrheit im Parlament. Laut einer neuen Umfrage muss der Premier aber bangen: Labour holt auf.
Boris Johnson: Ereilt ihn dasselbe Schicksal wie Theresa May 2017?

Boris Johnson: Ereilt ihn dasselbe Schicksal wie Theresa May 2017?

Foto: Ben Stansall/ AFP

Boris Johnson hofft, dass er durch die Parlamentswahl am Donnerstag eine stabile Mehrheit im Parlament bekommt, um Ende Januar endlich den Brexit zu vollenden. Doch genau dieses Szenario ist einer neuen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge in Gefahr. Demnach könnten die britischen Konservativen zwar 339 von 650 Sitzen im Unterhaus erreichen und damit eine absolute Mehrheit - es wäre ihr bestes Ergebnis seit 1987.

Allerdings ist nach Angaben von YouGov unter Berücksichtigung der statistischen Fehlergrenze ein Ergebnis zwischen 311 und 367 Sitzen für die Tories möglich - und damit auch ein sogenanntes "hung parliament", in dem keine Partei eine absolute Mehrheit hat.

Ziemlich klar scheint dagegen, dass die Labour-Partei von Jeremy Corbyn kaum Aussichten auf einen Wahlsieg hat. Dem YouGov-Modell zufolge , das für die Berechnung auch demografische Daten und vergangenes Wahlverhalten einbezieht und daraus Wahrscheinlichkeiten ableitet, könnte Labour 231 Sitze gewinnen, 31 weniger als bei der letzten Wahl 2017. Es wäre das schlechteste Ergebnis der Partei seit 1983.

Trotzdem ist damit der Vorsprung der Tories im Vergleich zur letzten YouGov-Erhebung Ende November kleiner geworden. Die Meinungsforscher trauen den Konservativen aktuell 40 Mandate weniger zu, Labour dafür 20 mehr.

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"Hung parliament": 2017 lag YouGov richtig

Für die Erhebung im Auftrag der Tageszeitung "The Times" wurden mehr als 100.000 Menschen über einen Zeitraum von sieben Tagen, einschließlich Dienstag, befragt. Die Ergebnisse wurden anschließend für alle Wahlkreise in Großbritannien mit Ausnahme Nordirlands entsprechend lokaler Besonderheiten in der Bevölkerungsstruktur hochgerechnet. Das Ergebnis war mit Spannung erwartet worden, weil YouGov mit dem Modell kurz vor der Wahl 2017 den Verlust der konservativen Mehrheit im Unterhaus vorhergesagt hatte - also das "hung parliament", das Theresa May zu schaffen machte.

Johnson ist die schwierige Situation offensichtlich bewusst: Dem Sender Sky News sagte er am Mittwochmorgen, die Situation "könnte nicht kritischer, nicht enger sein". Es bestehe ein echtes Risiko, "dass wir morgen ein weiteres 'hung parliament' bekommen", sagte Johnson. Das bedeute "mehr Wartezeit" und "mehr Lähmung" für Großbritannien.

Seine Konservativen führten in landesweiten Umfragen bislang konstant mit zehn Prozentpunkten vor Labour. Beide große Parteien legten in den vergangenen Wochen noch einmal erheblich zulasten der kleineren Parteien zu, der Abstand zwischen ihnen blieb aber gleich. Das scheint sich nun in erster Linie in den vergangenen Tagen zugunsten von Labour verändert zu haben. Grund dafür dürften vor allem potenzielle Leihstimmen von Wählern der Liberaldemokraten sein. Sollte sich diese Entwicklung bis Donnerstag verstärken, wäre eine Mehrheit für Johnson möglicherweise in Gefahr.

Was die Vorhersagen jedoch erschwert: Das britische Mehrheitswahlrecht kennt nur Direktmandate. Ins Parlament ziehen die Kandidaten mit den jeweils meisten Stimmen in einem der 650 Wahlkreise ein, egal wie knapp ihr Sieg war. Die Stimmen für unterlegene Kandidaten verfallen. Das macht es sehr schwer, aus landesweiten Umfrageergebnissen auf die mögliche Sitzverteilung im Parlament zu schließen. Zudem ist das Rennen zwischen Kandidaten der Labour-Partei und den Konservativen in Dutzenden Wahlkreisen denkbar eng.

mes/dpa/AFP