Brexit Johnsons Wahnwitz

Boris Johnson ist Britanniens begnadetster Populist. Er verführte das Volk zum Brexit - und könnte dafür Premier werden. Darben werden diejenigen am meisten, die ihn unterstützten.

Brexit-Frontmann Boris Johnson
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Brexit-Frontmann Boris Johnson


Der schnelle Überblick
    Das ist passiert:
  • • 51,9 Prozent der britischen Wähler haben für den Austritt des Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 70 Prozent.

  • • Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt.

  • • Politiker aus Schottland und Nordirland wollen in der EU bleiben.

  • • Das Pfund verliert dramatisch an Wert, Aktienkurse weltweit stürzten ab.

• Rechtspopulisten in ganz Europa freuen sich und fordern nun ebenfalls Volksabstimmungen über die EU.

Am Tag seines größten Triumphs verließ er sein Haus, Hände in den Hosentaschen, Schultern eingezogen, mit einer Miene, als wäre er gerade zum Schuldirektor bestellt worden, um zu erfahren, dass es nichts werden würde mit der Versetzung. Die Passanten aus der Nachbarschaft buhten, manche riefen "Schäm dich, Boris". Dabei hatte der Beschimpfte einen Sieg gelandet, der ihm aller Wahrscheinlichkeit nach das Amt des Premierministers bescheren wird.

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Heft 26/2016
Es lebe Europa?

Diesen Ausgang der Ereignisse hat der Mann, der an diesem Freitagmorgen vor seiner Haustür und im Rest von London gescholten wurde, von Anfang kalkuliert. Er hatte gezockt und gewonnen.

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Es ist noch kein Jahr her, da saß Johnson, damals noch Bürgermeister der Hauptstadt, mit uns in der City Hall gegenüber dem Finanzzentrum von London und konnte mit dem Thema Brexit nicht viel anfangen. Johnson zuckte mit den Schultern, sagte, dass es Gründe dafür gebe und viele dagegen, aber dass er glaube, dass ein Austritt nicht das Ende der Welt bedeuten würde. Er wirkte ziemlich leidenschaftslos.

Wesentlich lebhafter wurde Johnson, als es um eines seiner Lieblingsthemen ging: den großen Staatsmann, jenen überlebensgroßen Briten, der den Nazis, mit einer Garderobe aus Bowler-Hut, Frack, Zigarre und Maschinenpistole, den Sonderfrieden verweigert hatte und ankündigte, lieber sterben zu wollen, als Hitler die Hand zu schütteln.

Churchill hatte Prinzipien, aber was Johnson vor allem auch an ihm bewunderte, war die Tatsache, dass Churchill ein Spieler war. Einer, der so weit ging, politische Parteien zu wechseln, wenn er dadurch mehr Macht gewinnen konnte.

Damals, vor einem Jahr, segelte Johnson geradewegs in die größte politische Flaute seines Lebens. Nach dem Ende des Bürgermeisteramts wartete nichts Adäquates auf ihn. Sein ewiger Rivale David Cameron, ihm bekannt seit beider Mitgliedschaft in einer studentischen Trinker- und Snobgemeinschaft, dem Bullingdon Club von Oxford, war als Premierminister für Johnson unantastbar.

Innerhalb des Parlamentsbetriebes würde es nichts werden für ihn, also brauchte Johnson eine Art außerparlamentarischer Bewegung, und seine Apo wurde die "Leave"-Kampagne. Bevor er und der Justizminister Michael Gove, ebenfalls früher Mitglied im Bullingdon Club, im Winter der Initiative beitraten, war sie eine Bewegung von Land-Freaks, Gin trinkenden Nostalgikern und Sturköpfen gewesen wie Nigel Farage, der bereits seine Nikotinabhängigkeit für einen Akt des Nonkonformismus und des Widerstands hält.

Die Brexit-Betreiber würden immer politische Zwerge bleiben, im Ukip-Bereich, Pub-Revolutionäre und Theken-Strategen, drei, vier Gläser Ale und um die zehn Prozent.

Aber Johnson änderte alles. Er ist ein begnadeter Populist, er kann die Gefühle und Wünsche vieler seiner Landsleute lesen und artikulieren wie kein anderer Politiker seiner Generation auf der Insel. Dabei ist er als studierter Altphilologe ein absolutes Eliteprodukt, er hat die besten Schulen und Internate des Landes besucht, versteht sich auf den Charme und den Humor der Londoner Oberschicht, aber er findet sich mit großer Wonne auch in der englischen Provinz zurecht, kann sich als Mann des Volkes geben in abgelegenen Städten, wo es kaum Hoffnung gibt, wie Hull oder Carlisle.

Johnson zitiert zu Hause gern Ovid, aber auf den Marktplätzen oder dem, was der wirtschaftliche Niedergang des Nordens davon übrig gelassen hat, mampft er mit großem Eifer Bangers mit Mash, fette Bratwürste mit Kartoffelbrei.

Die Brexit-Kampagne wurde Johnsons neuestes volkstümliches Spielzeug. Er hat sich der Bewegung bemächtigt wie ein Investor einer fremden Firma. Nur dass es keine feindliche Übernahme war, sondern eine freundliche. Die Freaks brauchten Johnson dringend.

Nun ist er am Ziel. Er hat die Wut der Abgehängten außerhalb der Hauptstadt gebündelt und er hat dabei hoch gepokert. Wahrscheinlich viel zu hoch, jedenfalls klang seine erste Stellungnahme nach der langen Nacht des Entsetzens der meisten Kontinentaleuropäer, als wolle er sein Land auf schwere Zeiten einschwören.

"No time for haste" , sagte Johnson, sei es nun. "Keine Zeit für Hast", das klingt wie der Wunsch, durch Verhandlungen den tiefen Fall doch noch abwenden zu wollen.

Johnson wird die Insel und ihre Bewohner viel Geld kosten. Damals im Bullingdon Club von Oxford randalierte Johnson mit seinen Mitstreitern aus der Upper Class manchmal in den Restaurants, die sie besuchten. Sie zertrümmerten das Geschirr und das Mobiliar, warfen das Essen an die Wand, und am nächsten Tag bezahlten sie gewissenhaft in Pfund für ihren Vandalismus.

Dieses Mal ist es anders. Das ganze Land wird die Rechnung für Johnsons Wahnwitz übernehmen müssen. Und am teuersten wird er womöglich jene Abgehängten zu stehen kommen, die Johnson gewählt haben.

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Seite 1
Golda Meier 24.06.2016
1.
Ein gut geschriebenes Portrait. Jetzt verstehe ich, warum die Briten "Boris" lieben. Gebildet, witzig, unkonventionell. Erinnert an Churchill. Boris ist das Gegenteil von - sagen wir - Jean Claude Juncker.
Hermes75 24.06.2016
2.
Hart, aber zutreffend. Ich würde mir wünschen, dass Boris Johnson jetzt auslöffeln darf was er dem Land eingebrockt hat.
ambulans 24.06.2016
3. tja,
bevor jetzt boris (endgültig) auf die schiefe bahn gerät - "mein gott, was bin ich begabt!" - sollte er noch einmal kurz nachdenken (wesentliches hat der frühere sog. studentische elite-trinker bis jetzt eh nicht gezeigt), was er denn hier wirklich "hingekriegt" hat - es dem guten 'olde, rotten, rusty england' mal so richtig zu geben? wie wollen sie denn ganz allein über die runden kommen - mit ihren sog. "finanz-dientleistungen"? ein dekret der EU reicht: "ab jetzt nur noch mit EU-zertifikat" - und auf der insel brechen heulen und zähneknirschen aus, für ganz lange zeit ...
managerbraut 24.06.2016
4. Wegen seiner hervorragenden unkonventionellen
Eigenschaften - Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Politik, wie Sieg zum Brexit hat er das Mandat zum Premierminister redlich verdient!
geotie 24.06.2016
5.
Zitat von Golda MeierEin gut geschriebenes Portrait. Jetzt verstehe ich, warum die Briten "Boris" lieben. Gebildet, witzig, unkonventionell. Erinnert an Churchill. Boris ist das Gegenteil von - sagen wir - Jean Claude Juncker.
Die Welt meint, die Regierungsgeschäfte müsen von Clows übernomen werden, weil endlich mal was los ist und auch mal was neues kommt. Na hofentlich bleibt diesen Leuten das Lachen nicht im Halse stecken.
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