Churchill-Enkel "Johnson ist überhaupt nicht wie Churchill"

Kriegsrhetorik, das Schwärmen von einstiger Größe: Boris Johnson bezieht sich gern auf Winston Churchill. Dessen Enkel warf er gerade aus der Partei. Was hält der Geschasste vom Premier?

Boris Johnson: "I'd rather die in a ditch" - er würde lieber elendig sterben, als in Brüssel um einen Austritts-Aufschub zu bitten, das ist typische Johnson-Rhetorik
AP

Boris Johnson: "I'd rather die in a ditch" - er würde lieber elendig sterben, als in Brüssel um einen Austritts-Aufschub zu bitten, das ist typische Johnson-Rhetorik


Vor Jahren verfasste Boris Johnson eine Biografie über Winston Churchill. Der legendäre britische Kriegspremier ist das Vorbild Johnsons, sein Held. Seitdem er selbst das Amt des Premierministers übernommen hat, versucht Johnson sich zunehmend als Wiedergänger Churchills zu inszenieren.

Der Enkel Churchills, Nicholas Soames, sieht allerdings keinerlei Ähnlichkeiten zwischen seinem Großvater und Johnson. "Boris Johnson ist überhaupt nicht wie Winston Churchill", sagte Soames der "Times".

Der Tory-Politiker Nicholas Soames wurde von Boris Johnson aus Fraktion verbannt
Simon Dawson/ REUTERS

Der Tory-Politiker Nicholas Soames wurde von Boris Johnson aus Fraktion verbannt

Sein Großvater sei von seinen Erfahrungen im Leben geprägt worden. "Boris Johnsons Erfahrung im Leben besteht daraus, eine Menge Lügen über die Europäische Union in Brüssel erzählt zu haben und dann Premierminister geworden zu sein". Er glaube, sein Großvater würde es nicht befürworten, die "außergewöhnliche Beziehung, die wir mit dieser großartigen Europäischen Union haben" aufzugeben, fügte Soames hinzu.

Soames war zusammen mit 20 anderen Tory-Abgeordneten am Dienstag von Johnson aus der Fraktion verbannt worden, weil er für ein Gesetz gestimmt hatte, das einen ungeregelten EU-Austritt Großbritanniens am 31. Oktober verhindern soll. Das harsche Vorgehen Johnsons gegen seine innerparteilichen Kritiker war auf heftige Kritik gestoßen.

Brexit-Streit setzt Johnson unter Druck

Johnson gerät im Brexit-Streit zunehmend in die Defensive. Am Freitag verabschiedete das Oberhaus ein Gesetz, das einen ungeregelten EU-Austritt am 31. Oktober verhindern soll. Nun fehlt nur noch die Billigung des Gesetzes durch Königin Elizabeth II., damit es in Kraft treten kann. Damit wurde bislang am Montag gerechnet.

Johnson, der mit dem Versprechen angetreten war, das Land notfalls ohne Deal aus der Staatengemeinschaft zu führen, hatte sich mit allen Kräften gegen das Gesetz gestemmt. Es sieht eine Verschiebung des EU-Austrittsdatums vor, wenn nicht bis zum 19. Oktober ein Deal ratifiziert ist. Nun sucht er verzweifelt nach einer Möglichkeit, eine Neuwahl auszulösen, um das Gesetz vor dem 31. Oktober wieder rückgängig zu machen (mehr dazu lesen Sie in der aktuellen SPIEGEL-Titelgeschichte).

Am Montag will Johnson ein zweites Mal im Parlament über einen vorgezogenen Urnengang abstimmen lassen. Beim ersten Versuch war er krachend gescheitert.

mho/dpa

insgesamt 33 Beiträge
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kuac 07.09.2019
1.
Churchill? Das ist wirklich zu hoch gegriffen. Höchstens ist BoJo ein Mini-Trump.
RPGNo1 07.09.2019
2. Augustus Caesar Johnson?
Römische Kaiser, die sich auf den Thron geputscht hatten, versuchten ihre Macht zu legitimieren, indem sie sich auf beliebte und verehrte Vorgängern bezogen, oftmals per fiktiver Adoption. Johnsons Rückgriff auf Winston Churchill ist die neuzeitliche Variante davon.
newline 07.09.2019
3. In den letzten Tagen
meinte ich, ein Geräusch aus Saint Martin's Churchyard in Bladon, Oxfordshire zu hören. Jetzt ist mir klar, warum: Winston Churchill rotiert im Grabe.
Augustusrex 07.09.2019
4. Meine Güte
Winston Churchill war der großartigste britische Politiker des 20. Jahrhunderts. BoJo ist der bisher größte britische Kasper des 21. Jahrhunderts. Winston Churchill hat GB aus der Katastrophe geführt, BoJo will GB in die Katastrophe führen. Der Abstand zwischen beiden ist der größte mögliche.
skeptikerjörg 07.09.2019
5. "I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat"
Winston Churchill hat vor allem das Volk nicht belogen. Anders als Boris Johnson, der schon in der Brexit Campaign den Briten das Blaue vom Himmel versprochen hatte, wenn man nur die EU verließe, hat Sir Winston sie auf das eingestimmt, was tatsächlich vor ihnen lag. "I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat". Aber da ging es eben auch tatsächlich darum, für das Überleben des UK gegen einen gefährlichen, skrupellosen und brutalen Feind zu kämpfen und nicht für die nostalgischen und egoistischen Spleens eines Teils der englischen Oberschicht in die splendid isolation zurück zu kehren.
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