Großbritannien Geheimer Artikel zeigt Boris Johnsons Brexit-Spiel

Es ist ein entlarvendes Dokument des britischen Außenministers Boris Johnson: Der Kopf der Pro-Brexit-Kampagne listet in einem bisher geheimen Artikel Argumente für einen Verbleib in der EU auf - kurz bevor er die Seiten wechselte.

REUTERS

An der historischen Brexit-Entscheidung Großbritanniens am 23. Juni ändert der bisher geheime, am Samstagabend veröffentlichte Artikel aus der Feder von Boris Johnson nichts. Er ist dennoch ein Beleg für das kalkulierte politische Spiel des scheinbar glühenden Brexit-Anhängers Johnson.

In der nun von der "Sunday Times" bekannt gemachten Kolumne Johnsons listet der Ex-Bürgermeister Londons starke Gründe für einen Verbleib in der EU auf. Ein Brexit könne zu einem wirtschaftlichen Schock, der Unabhängigkeit Schottlands und russischer Aggression führen, heißt es darin. All diese Punkte schrieb Johnson der Zeitung zufolge im Februar auf, kurz bevor er sich zu einem der Anführer der Brexit-Kampagne aufschwang.

Bemerkenswert in dem Text ist auch die Einlassung Johnsons zum finanziellen Beitrag Großbritanniens zur EU. Dieser sei gering im Vergleich zu dem Gewinn, den das Vereinigte Königreich durch den Zugang zum europäischen Binnenmarkt mit rund 500 Millionen Menschen erziele. "Warum sind wir so entschlossen, dem unseren Rücken zu kehren?", zitiert die Zeitung aus dem Artikel.

Zur Erinnerung: In den Wochen vor dem Referendum sagte Johnson Sätze wie diese hier: "Wir brauchen den europäischen Binnenmarkt nicht. Wir können endlich unseren Platz in der freien Welt einnehmen." Dazu tingelte er mit einem Bus durchs Land, auf dem zu lesen war, dass die 350 Millionen Pfund, die London wöchentlich nach Brüssel schicke doch besser im nationalen Gesundheitssystem aufgehoben seien (Die Zahlen erwiesen sich - nebenbei gesagt - als falsch.)

Johnson vor dem Kampagnenbus im Mai 2016
REUTERS

Johnson vor dem Kampagnenbus im Mai 2016

Seitdem ist viel passiert. Die Brexit-Befürworter waren erfolgreich. Eine knappe Mehrheit der Wähler hat im Juni für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Brexit-Gegner David Cameron ist als Premier zurückgetreten, die ebenfalls konservative Theresa May ist ihm gefolgt - und hat Johnson zu ihrem Außenminister gemacht.

Ein Sprecher Johnsons wollte sich zu dem von der "Sunday Times" veröffentlichten Artikel nicht äußern. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen Insider, der Johnsons Kolumne damit erklärt, dass dieser lediglich alle Argumente für und gegen einen Brexit für sich klären wollte, bevor er sich auf eine Seite schlug.

Plausibler ist die Analyse von SPIEGEL-Redakteur Thomas Hüetlin, der direkt nach dem Brexit-Votum schrieb, dass Johnson den Austritt "eigentlich für Quatsch hält. Es war nur ein Spiel, um sich für einen Machtwechsel bei den Tories später zu positionieren."

yes



insgesamt 183 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spontanistin 16.10.2016
1. Ausnahmepolitiker, oder
der Prototyp des heute erfolgreichen opportunistischen Populisten? Leider gibt es keine Führerscheinprüfung in res publica, die verpflichtend sein sollte für das aktive und passive Wahlrecht. Entsprechende Mindestanzahl von Fahrstunden (bereits im Vorschulalter beginnend) angebracht. Wird leider nicht etabliert, da der Trend zur globalen Re-Feudalisierung unaufhaltsam ist!
Tolotos 16.10.2016
2. Es gibt leider auch in der etablierten Politik viele Johnsons!
Wenn sie behaupten, dass sie für die Allgemeinheit, also das Volk arbeiten, verschweigen die gern den Nebensatz: "und das Volk, das bin ich!". Leider müssen für das, was Politiker anrichten, immer andere den Kopf hinhalten.
Botschafter der Kokosnuss 16.10.2016
3.
Warum, um alles in der Welt, sollte Russland England aufgrund des Brexits angreifen? Das ist ja völliger Schmarrn. Ein wirtschaftlicher Schock ließe sich überstehen. Solche sind immer nur kurz bzw. mittelfristig. Und wenn Schottland sich der EU näher fühlt, als England, dan muss das noch lange nicht heißen, dass es zu einem tatsächlichen Bruch kommt. Die tatsächlichen Gegebenheiten spielen schließlich auch noch eine Rolle. Insofern klingen für mich mindestens 2 der 3 Gründe gegen einen Brexit wie purer Populismus.
puglio 16.10.2016
4.
Da hat dann wohl jemand zugunsten seiner eigenen Karriere das Wohlergehen von Millionen Briten geopfert. Now you have the salat!
seamanslife 16.10.2016
5. Populismus + Machtgeilheit = Brexit
Verantwortungslose Populisten haben Morgenluft gewittert um an die Macht zu kommen. Postimperiales Gehabe und Nationalstolz sind der Boden auf dem diese Saat gut gedeiht. Den Akteuren sind die Folgen für ihr Land egal, bestes Beispiel ist die Türkei in der heutigen Zeit. Wenn die Menschen in England im Geschichtsunterricht aufgepasst hätten, hätten sie anders gewählt. Was die Türkei angeht, scheint es dort keinen Geschichtsunterricht in den Schulen zu geben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.