Premierminister Boris Johnson Die Anmaßung

Boris Johnson hat die Rolle seines Lebens gefunden, als unerbittlicher Vollstrecker des No-Deal-Brexit. Fatalerweise eifert er einem großen Vorbild nach.
Foto: PRU/ AFP; [M] SPIEGEL ONLINE

Es ist die Rolle seines Lebens: Boris Johnson gibt Winston Churchill, so, wie er ihn sich vorstellt: unkonventionell, egoman, allein gegen alle.

Allein gegen die Appeasement-Politiker zu Hause, allein gegen den übermächtigen Feind dort draußen auf dem Kontinent: damals Hitler. Heute die EU.

Vor Jahren hat Johnson eine Biografie über seinen Helden geschrieben, und seit er endlich im Amt des Premierministers angekommen ist, inszeniert er sich mehr denn je als Wiedergänger des britischen Kriegspremiers.

In der Parlamentsdebatte am Dienstag schien es so, als habe Johnson endlich jenen großen Moment erreicht, auf den er als Nacheiferer und Fan viele Jahre hingefiebert hatte.

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Da waren sie doch, unverkennbar, auf der anderen Seite: die No-Deal-Verhinderer. Die Britannien-Verräter. "Das ist", rief er seinen Gegnern ins Gesicht, "Jeremy Corbyns Kapitulationserklärung!" Was dieser vorschlage bedeute für das Königreich "das Ausrollen der weißen Flagge".

Das Verrückte an dieser Szene: Hier spielte Johnson wohl nicht in erster Linie den historischen Churchill nach. Sondern den Kino-Churchill, für den Gary Oldman vergangenes Jahr den Oscar als bester Hauptdarsteller in dem Churchill-Drama "Die dunkelste Stunde" gewann.

Oldman gibt Churchill darin tatsächlich noch etwas besser, als es Johnson jetzt tut. Vielleicht hatten die Filmemacher beim Dreh selbst schon Johnson, die billige Churchill-Kopie der Gegenwart, vor Augen. Etwa wenn sie ihn mit den Worten vorstellen: "Er steht nur für eines. Für eines und nichts anderes. Sich selbst."

Höhepunkt des Films ist Churchills berühmte Unterhausrede vom 4. Juni 1940, als er das Volk von der Notwendigkeit des großen Krieges ohne Verhandlungen einschwor. "Manche lernen es wohl nie. Man kann mit einem Tiger nicht vernünftig reden, wenn der eigene Kopf in seinem Maul steckt", brüllt der Film-Churchill. "Wir werden unsere Insel verteidigen, egal was es kosten mag!" Und schließlich - das Finale: "Wir werden niemals kapitulieren!"

Boris Johnson hat diesen Film mit Sicherheit gesehen. Es ist die Rolle seines Lebens.

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Anmerkung: In einer früheren Version war von Churchills Rede am 4. Juli 1940 die Rede. Gemeint war die Ansprache am 4. Juni. Wir haben die Stelle korrigiert.