"Unglaublich unsensibel" Johnson zitiert kolonialistisches Gedicht in Ex-Kolonie

Der britische Außenminister hat bei einem Besuch in der einstigen Kolonie Burma beinah einen diplomatischen Eklat provoziert. Zum Glück für Boris Johnson reagierte sein Botschafter geistesgegenwärtig.
Britischer Außenminister Boris Johnson

Britischer Außenminister Boris Johnson

Foto: JEFF J MITCHELL/ AFP

Als taktvoller Diplomat und Feingeist war Boris Johnson in der Vergangenheit eher selten aufgefallen - aber dieser Fehltritt ist selbst für den britischen Außenminister außergewöhnlich: Bei einem offiziellen Besuch in der ehemaligen Kolonie Burma hat der konservative Politiker das Gedicht des Autors und Kolonialismus-Verfechters Rudyard Kipling (1865 - 1936) zitiert, wie in einem vom britischen Channel 4 veröffentlichten Video zu sehen ist.

Bei dem Auftritt mit lokalen Würdenträgern des südostasiatischen Landes im Januar rezitierte Johnson die ersten Zeilen des Kipling-Gedichts "The Road to Mandalay" deutlich hörbar. Kipling ist vor allem als Autor des "Dschungelbuchs" bekannt - er war jedoch auch vehementer Verfechter des Kolonialismus, was sich in vielen seiner Texte niederschlug.

Johnson sieht sich laut "Guardian"  nun dem Vorwurf ausgesetzt, "unglaublich unsensibel" in Burma aufgetreten zu sein. In dem von ihm zitierten Text blickt ein früheres Mitglied der britischen Kolonialtruppen auf seine Zeit in dem Land zurück und schwärmt etwa von einem burmesischen Mädchen, das er dort küsste. Das Vereinigte Königreich war zwischen 1824 und 1948 Kolonialmacht in Burma und schlug im 19. Jahrhundert drei Jahre lang Aufstände blutig nieder.

"Nein. Nicht angemessen."

Dass der Eklat vom Jahresbeginn keine große Empörung nach sich zog und erst jetzt bekannt wird, hat Johnson wohl auch dem schnellen Eingreifen seines Botschafters zu verdanken: In dem Video ist zu sehen, wie Andrew Patrick seinen Chef ausbremst - und dass ihm die Situation sichtlich unangenehm ist.

"Die Mikrophone sind an", sagt Patrick, "wahrscheinlich ist das keine gute Idee."

"Was?", fragt Johnson irritiert zurück. "The Road to Mandalay?"

"Nein," erwidert der Diplomat wortkarg. "Nicht angemessen."

"Nicht?" sagt Johnson und schaut auf sein Handy. "Starker Stoff."

Mark Farmaner, der Direktor der Nichtregierungsorganisation Burma Campaign UK, kritisierte Johnsons Auftritt scharf. "Es macht einen fassungslos, dass er so etwas tut", sagte Farmaner dem "Guardian" zufolge. In Burma trügen noch immer viele Menschen den Briten die Kolonialzeit nach: "Die britische Kolonialzeit wird als Demütigung und Ehrverletzung angesehen."

mxw