Boris Johnson in der Kritik "Mit dieser Schande muss er leben"

Nach dem Brexit-Schock tobt bei den britischen Konservativen ein Machtkampf. Der große Buhmann: Boris Johnson. Ein prominenter Tory-Veteran sagt: "Er hat eine der größten Krisen der Moderne ausgelöst."

Boris Johnson
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Boris Johnson


Wer folgt auf Premier und Parteichef David Cameron? Nach dem Brexit-Votum wirkten die britischen Tories erst wie im Schock, jetzt beschäftigen sie sich vor allem mit sich selbst. Gleich mehrere Größen der konservativen Partei sehen ihre Stunde gekommen, um aufzusteigen. Sie rangeln um die beiden wichtigen Posten.

Einer zog hingegen zurück - und das in letzter Minute: Brexit-Wortführer Boris Johnson entschied sich überraschend gegen eine Kandidatur. Zum einen hätte es Johnson, das Gesicht der Brexit-Kampagne, mit mächtigen Konkurrenten wie Justizminister Michael Gove und Innenministerin Theresa May zu tun (lesen Sie hier ein Porträt). Zum anderen ist er in seiner Partei nicht sonderlich beliebt.

Video: Theresa May will Premierministerin werden

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Er gilt nun als Buhmann. Zumal er nach dem Brexit-Votum seinen Landsleuten suggerierte, Großbritannien könne auch bei einem EU-Austritt Privilegien wie den Zugang zum europäischen Binnenmarkt behalten.

Tory-Veteran Michael Heseltine reicht es nun. Heseltine, der unter Margaret Thatcher und John Major diente, schimpfte in der BBC auf Johnson:

"Er hat die Partei auseinandergerissen, eine der größten Verfassungskrisen der Moderne ausgelöst, Milliarden Pfund aufs Spiel gesetzt. Er ist wie ein General, der seine Truppen in das Gewehrfeuer führt, um dann das Schlachtfeld zu verlassen. Mit dieser Schande muss er leben."
Michael Heseltine
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Michael Heseltine

Der europafreundliche Tory Heseltine hatte am Montag ein zweites EU-Referendum gefordert. Er wies darauf hin, dass der Vorsitzende der rechtspopulistischen Ukip, Nigel Farage, vor der Abstimmung erklärt hatte, ein knappes Ergebnis rechtfertige eine zweite Volksabstimmung. Damals hatte Farage eine Niederlage der Brexit-Befürworter befürchtet. Niemand im Brexit-Lager habe vor dem Referendum erklären können, was ein Leben außerhalb der EU bedeuten würde. Wenn man darauf eine Antwort habe, bestehe ein Anrecht auf eine erneute Abstimmung.

Am Donnerstag hatte sich Gove überraschend von seinem Mitstreiter Johnson distanziert, mit dem er die Brexit-Kampagne zusammen geführt hatte. Er habe in den vergangenen Tagen beobachtet, dass sein Parteifreund einfach nicht in der Lage sei, die richtigen Entscheidungen zu treffen, sagte Gove. Deshalb habe er sich dazu entschließen müssen, selbst zu kandidieren.

Johnson, der Buhmann der Konservativen, dem nun auch noch sein Parteifreund Gove in den Rücken fällt. Er, bei den Wählern sehr beliebt, ist nun der erste große Verlierer in dem Postengerangel.

Fünf Tory-Größen bewerben sich nun, sehen Sie hier alle Anwärter auf den Parteivorsitz:

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Cameron-Nachfolge: Diese Tories trauen sich

Das Bewerberfeld wird am kommenden Montag per Abstimmung der Tory-Abgeordneten auf zwei Kandidaten verkleinert. Dabei gelten Michael Gove und Theresa May als Favoriten. Über die verbleibenden Kandidaten sollen dann die rund 150.000 Parteimitglieder per Briefwahl entscheiden. Das Ergebnis wird für den 9. September erwartet. Bis zum Parteitag Anfang September soll die Führungsfrage gelöst werden.

Im Video: Boris Johnson verzichtet auf Kandidatur

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heb

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ttvtt 01.07.2016
1. Klarer Verstand
Johnson zeigt zu mindestens jetzt, dass er noch über etwas klaren Verstand verfügt. Premierminister werden zu wollen ist eine Sache, aber seine Unterschrift unter das Todesurteil des Vereinigten Königreichs zu setzen ist etwas ganz anderes.
Rheinlandpragmatiker 01.07.2016
2. Warten wir doch erst einmal ab, ...
... wie sich der Brexit für GB entwickelt. Selbst wenn es dort Turbulenzen gibt, glaubt jemand im Ernst, dass der EU nicht wenigstens genau so große Schwierigkeiten bevorstehen? Und die kommen nicht wegen des Brexits. Die EU ist doch wegen der Uneinigkeit untereinander wie gelähmt, und in dieses Vakuum stoßen dann Lobbykraten, um undemokratische Entscheidungen zu erzwingen, wie jüngst CETA und immer noch TTIP.
Kurt2.1 01.07.2016
3. .
Johnson war das Sprachrohr der Tories. Sie hätten es in der Hand gehabt, ihn zu stoppen. Haben sie aber nicht getan. Deswegen sind die Tories, die jetzt mit dem Finger auf Johnson zeigen, selbst die Schuldigen.
decathlone 01.07.2016
4. In bester Tradition...
Auch Shakespeare hätte diese Story nicht besser hinbekommen. MacBeth Gove strebt selbst zur Macht und entledigt sich des König Boris, dem Helden der einfachen Leute. Ich hoffe nicht, dass es in Shakespeare-Manier weitergeht... Was kommt als Nächstes? Neuauflage der Schlacht von Agincourt gegen die Ritterschaft von Junker Juncker? Oder doch ein Sommernachtstraum? :)
garfieƖd 01.07.2016
5. Auslöser der Krise
Die Krise ausgelöst hat nicht Boris Johnson, sondern das waren die vielen Millionen Wähler, die für den Austritt stimmten. Ein Politiker wirbt für seine Ideen, aber die Entscheidung haben in diesem Fall ja ausdrücklich die Wähler getroffen - Es ist ein bisschen billig, ihm jetzt die Verantwortung in die Schuhe schieben zu wollen! Wen ein Politiker die Verantwortung trägt, dann doch wohl Cameron, der auf die Idee kam, über diese Frage abstimmen zu lassen.
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