Boris Johnson Plötzlich Top-Diplomat

Gerade noch hat sich Theresa May über Boris Johnsons Verhandlungstaktiken im Ausland amüsiert, nun macht sie den Brexit-Befürworter zum Außenminister. Der wirkt selbst überrascht.

Aus London berichtet


Ein paar Tage lang war es ruhig geworden um Boris Johnson. Seine politische Karriere schien auf Eis gelegt zu sein, als er kurz vor Ende der Frist ankündigte, nicht ins Rennen um das Amt des Premierministers einzusteigen. Der Brexit-Sieger war zum größten Buhmann Großbritanniens geworden.

Bei seiner Rückkehr ins Rampenlicht wirkt Johnson am Mittwochabend noch eine Spur zerstreuter als sonst. Er sei sehr dankbar für diese Chance, sagt er in eine Kamera des britischen Senders BBC, die blonden Haare zerzaust. Er wirkt überrascht.

Johnson ist nicht der Einzige, der angesichts der Um- und Neubesetzung des Kabinetts ins Staunen gerät. Kaum hat Theresa May mit ihrem Mann Philip als neue Premierministerin 10 Downing Street bezogen und ist über die Lage der Nation informiert worden, da verkündet sie auch schon die Veränderungen.

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10 Downing Street: Die Camerons ziehen aus, May kommt

Als Ersten trifft es Schatzkanzler George Osborne. Seine Dienste würden nicht länger benötigt, erfährt er am Abend. Er verschwindet durch den Hinterausgang und wird vom bisherigen Außenminister und engen Vertrauten Mays, Philip Hammond, ersetzt. Dann geht es Schlag auf Schlag: Johnson wird Außenminister. Und auch die neugeschaffenen Posten für Brexit und internationalen Handel gehen an Euroskeptiker: David Davis und Liam Fox.

Damit setzt die neue Premierministerin um, was im Vorfeld prognostiziert worden war: Sie beteiligt sowohl Brexit-Befürworter als auch Gegner des EU-Austritts an ihrer Regierung.

Ein notwendiger Schritt, um die Partei zu versöhnen und den Wählern zu zeigen, dass sie - die sich für den Verbleib in der EU ausgesprochen hatte - das Ergebnis des Referendums ernst nimmt. "May bringt die Brexiteers rein", titelt der britische "Telegraph" am Donnerstagmorgen.

Dass Johnson einen Posten im Kabinett bekommen könnte, hatten nur wenige vermutet; dass es einer der wichtigsten sein würde, wohl niemand. Seine letzten Auftritte waren begleitet von Buhrufen und Kritik: Viele warfen ihm vor, die Wähler getäuscht zu haben und sich nun aus der Verantwortung zu stehlen. Johnson brauchte Polizeischutz.

Dabei ist der Konservative bei den Wählern eigentlich äußerst beliebt. Er besuchte das Elite-Internat Eton und studierte an der Oxford University. 2001 wurde er zum ersten Mal ins Parlament gewählt, 2008 machten ihn die Londoner zu ihrem Bürgermeister.

Es folgten zahlreiche peinliche Auftritte, mal wirkte er neben der Spur, mal war er auffällig schlampig angezogen. 2012 wurde er trotz seiner chaotischen Art wiedergewählt.

Auch mit der Wahrheit nahm er es als Politiker und Journalist nicht so genau, bei der "Times" flog er deswegen raus. In all den Jahren war es wohl auch die Rivalität zu seinem früheren Studienkollegen David Cameron, die ihn antrieb. Die Berufung zum Außenminister ist nun der unerwartete Höhepunkt in Johnsons politischer Karriere.

Bye-bye, Cameron

Die Personalien Osborne und Johnson markieren zugleich auch einen klaren Schlussstrich unter die Amtszeit von Cameron. Mit ihrer Entscheidung, drei Brexit-Befürworter und Euroskeptiker für die Außenkontakte Großbritanniens und die Verhandlungen über den Austritt verantwortlich zu machen, nimmt May die Brexiteers nun in die Pflicht.

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Cameron als Premier: Grillen mit Obama, Fußball mit Merkel

Leicht wird es Johnson in seiner neuen Aufgabe nicht haben. Ob es nicht eine ganze Reihe Staatschefs gebe, bei denen er sich erst einmal entschuldigen müsse - allen voran US-Präsident Barack Obama, den er einen "teil-kenianischen Präsidenten" genannt hatte - wird er von der BBC gefragt. Die USA stünden ganz vorne in der Schlange, entgegnet Johnson und verschwindet.

Und auch Theresa May hatte noch vor wenigen Tagen mit Blick auf Johnsons Verhandlungstaktik im Ausland auf einen Besuch in Deutschland 2014 verwiesen, von dem der damalige Londoner Bürgermeister drei gebrauchte Wasserwerfer mitgebracht hatte. Ohne das Einverständnis der damaligen Innenministerin May. Die Wasserwerfer wurden später nie genutzt.

"Er ist bereit für diesen Job", sagt hingegen seine ehemalige Beraterin, Jo Tanner, am Mittwoch im Interview mit der BBC.

Die neue Premierministerin kommentierte ihre Entscheidung hingegen nicht weiter und nutzte ihren ersten Abend in 10 Downing Street, um mit europäischen Staats- und Regierungschefs zu telefonieren. Ihr erster Anruf ging an Angela Merkel. Sie hoffe, dass die Verhandlungen über den EU-Austritt produktiv und in positiver Stimmung abliefen, ließ sie mitteilen.

Bis dahin wird wohl noch etwas Zeit vergehen. In den Wochen nach dem unerwarteten Brexit, vor den Austrittsverhandlungen und mit Boris Johnson als Außenminister bleibt es dabei: Nichts ist sicher.

insgesamt 87 Beiträge
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free-spirit 14.07.2016
1. cool
den bock zum gaertner gemacht! so sieht selbstdemontage aus...
bebreun 14.07.2016
2. und so, wie Merkel derzeit agiert
wird sie den Briten alle Zugeständnisse machen, die diese fordern. Nach ihrem Brexit profitieren die garantiert mehr von der EU und bringen weniger Beitrag als vorher.
dirkozoid 14.07.2016
3. Elefant im Porzellanladen
Man macht den Elefanten zum Repräsentanten des Porzellanladens, in dem er gerade gewütet hat. Toll!
jack_gaguno 14.07.2016
4. Boris macht seine Sache genau so gut wie Churchill
er stellt sich an die zweite Reihe wie Churchill es seinerzeit getan hatte, um nicht direkt angreifbar zu sein sowie im stillen die strippen im hintergrund zu ziehen. Er ist ein Fuchs und wird England in neue größe führen ohne die EU.
ptb29 14.07.2016
5. Jetzt muss er die Suppe auslöffeln,
die er eingebrockt hat und den anderen Ländern erzählen, wie Großbritannien mit ihnen zusammenarbeiten wird. Denn Isolierung wird wohl keine Option sein.
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