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Boris Nemzow: Erschossen auf der Brücke

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Jahrestag des Mordes an Boris Nemzow Die Schüsse, die Moskau erschütterten

Boris Nemzow wurde direkt vor dem Kreml erschossen, vor laufenden Sicherheitskameras. Zwei Jahre ist das her. Der Mord an dem Politiker verletzte die ungeschriebenen Regeln von Putins Herrschaftssystem.

Der Mord an Boris Nemzow vor genau zwei Jahren war eine außergewöhnliche Tat. Dass er in einer langen Reihe politischer Morde in Russland steht, kann darüber nicht hinwegtäuschen. Denn diese Tat empörte eben nicht bloß oppositionell gesinnte Russen, sondern verunsicherte auch die Herrschenden selbst. Sie hat das Machtgefüge erschüttert, und sei es nur für einen Augenblick.

Nemzow war kein Journalist wie die 2006 erschossene Anna Politkowskaja, kein Menschenrechtler wie die 2009 ermordete Natalja Estemirowa. Er war ein prominenter Politiker, ein Vizepremier und Günstling von Wladimir Putins Vorgänger Boris Jelzin. Einer, dessen Gesicht man aus dem Fernsehen kannte. Er war eine lebende Erinnerung an jene Zeit vor Putin, als es Chaos und Elend, aber auch Freiheit und waschechte Politiker mit Charisma gab.

Dass jemand wie Nemzow unmittelbar vor dem Kreml erschossen werden konnte, im Blickwinkel von Dutzenden Sicherheitskameras und Wachleuten, das verletzte die ungeschriebenen Regeln des politischen Systems. Die Reaktion war schnell. Eine "Schande und Tragödie" nannte Putin den Mord, ein geachteter Ermittler wurde auf die Tat angesetzt, und schon nach einer Woche waren der mutmaßliche Todesschütze und seine Tathelfer festgenommen. Es waren Tschetschenen aus dem Umfeld des Bataillons "Nord", einer treuen Truppe von Putins Statthalter in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow.

Video: Aktivisten erinnern an Kreml-Kritiker

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Dann aber begann ein Kampf hinter den Kulissen, von dem man draußen kaum etwas mitbekam. Wladimir Putin zog sich eine Weile ganz aus der Öffentlichkeit zurück, auf seiner Kreml-Internetseite erschienen falsch datierte Fotos von Treffen, um seine Abwesenheit zu kaschieren. Ermittler und Geheimdienst stießen bei ihrer Arbeit auf heftigen Widerstand von Kadyrow. Der wiederum lobte den mutmaßlichen Todesschützen öffentlich als "Patrioten".

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Boris Nemzow: Erschossen auf der Brücke

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Ganz offensichtlich erschütterte die Tat das System Putin. Kadyrow hatte - ob aus eigenem Antrieb oder nach Ermutigung von oben - eine Grenze überschritten und damit einen Machtkampf der Sicherheitsbehörden ausgelöst, den nur Putin entscheiden konnte.

Wie er sich entschieden hat, wissen wir nun. Die Ermittler wurden zurückgepfiffen. Der offensichtliche Hauptverdächtige ist bis heute nicht angeklagt, man hat stattdessen seinen Fahrer zum Organisator erklärt. Die Spuren, die vom Tatort in Kadyrows Umfeld führen, werden geflissentlich übersehen.

Der Kreml hat weggeschaut, und nun will er, dass auch die Russen das Offensichtliche nicht sehen. Am Sonntag fand eine Großkundgebung zum Gedenken an Nemzows Mord statt, die am Tatort abgelegten Blumen wurden noch in der Nacht wieder abgeräumt. Hier ist nichts geschehen, ruft der Kreml den Passanten zu. Bitte gehen Sie weiter. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.

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