Urteile im Mordfall Boris Nemzow Aufklärung unerwünscht

Fünf Tschetschenen wandern für den Mord an dem Oppositionellen Boris Nemzow ins Gefängnis. Doch ihre Auftraggeber bleiben unbekannt. Dem Kreml kann es nur recht sein.

DPA

Von , Moskau


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es ist ein zähes Ende. Drei Tage rangen die zwölf Geschworenen um Antworten, immer wieder wurde das Verfahren an einem Moskauer Militärgericht unterbrochen. 26 Fragen hatte Richter Jurij Schitnikow den Juroren mitgegeben, anhand derer diese entscheiden sollten, ob die fünf angeklagten Tschetschenen des Mordes an Kreml-Kritiker Boris Nemzow schuldig sind.

Sie sind es alle, befanden die Geschworenen schließlich mehrheitlich am Donnerstag. Saur Dadajew, den die Juroren als Schützen und Organisator des Auftragsmordes ausmachten, und seine vier Mitangeklagten werden nun wohl für Jahre im Gefängnis sitzen. Das genaue Strafmaß wird kommende Woche festgelegt. (Lesen Sie hier die Nachrichtenzusammenfassung.)

Doch auch nach diesem Schuldspruch bleiben viele Fragen offen.

Nach wie vor ist unklar, wer genau hinter der Ermordung Nemzows steckt, der auf offener Straße nahe dem Kreml erschossen wurde, erfasst von Dutzenden Sicherheitskameras. Nemzow-Anhänger erinnerten vor dem Gericht an diese entscheidende Frage. Dort standen sie an allen 76 Verhandlungstagen mit Plakaten. "Nennt die Namen der Auftraggeber des Mordes an Nemzow", lautet eine der Forderungen.

Dass die wahren Drahtzieher von vielen Morden in Russland nicht ermittelt werden, hat traurige Tradition. Das war schon bei der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja so. Doch mit dem Mord an dem Kreml-Kritiker am 27. Februar 2015 wurde eine Grenze überschritten.

Ermittler neben dem Leichnam von Boris Nemzow
DPA

Ermittler neben dem Leichnam von Boris Nemzow

Es traf dieses Mal einen ehemaligen Vize-Premier und Vertrauten von Boris Jelzin, ein hochrangiges Mitglied des Politsystems. Zwar galt Nemzow vielen ob seiner Putin-Kritik als Verräter und saß nach Demonstrationen immer wieder in Haft. Doch glaubte er bis zuletzt, nicht in Lebensgefahr zu schweben. Der Dokumentarfilm "Allzu freier Mensch" zeigt einen Mann, der auf die Menschen zugeht, erst als Gouverneur von Nischnij Nowgorod, dann an der Seite seines Förderers Jelzin, später bei Protesten. Bilder, die überlagert werden von den Aufnahmen auf der Großen Moskwa-Brücke. Nemzow liegt leblos auf dem Asphalt, im Hintergrund die bunten Türme der berühmten Basilius-Kathedrale. Bilder, die sich in das Gedächtnis vieler Russen einbrannten.

Der Kreml will den Mord vergessen machen

Warum gerade diese fünf Tschetschenen, die ihre Geständnisse zwischenzeitlich widerriefen, Nemzow ausgekundschaftet und ermordet haben sollen und wer die Hintermänner sind, dafür interessierte sich Richter Schitnikow wenig.

Denn dann hätte er den Anträgen von Wadim Prochorow, Vertreter der Nemzow-Hinterbliebenen, stattgeben müssen. Der Anwalt hatte immer wieder gefordert, den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow in das Verfahren einzubeziehen. Doch Ermittlungen im Umfeld von Kadyrow oder gar gegen ihn selbst sind nicht gewollt, was einiges über die Machtverhältnisse im Putin'schen Russland aussagt.

Blumen am Tatort
DPA

Blumen am Tatort

Dazu passt, dass der Kreml den Mord am liebsten vergessen machen will,was auch das ständige Ringen am Tatort erklärt.Nemzow-Anhänger wollen aus diesem einen Gedenkort machen, was die Behörden aber zu unterbinden versuchen.

Dass Nemzow aus angeblich islamistischen Motiven sterben musste, davon ist schon lange nicht mehr die Rede. Seine Familie und einstigen Mitstreiter glauben, dass der Auftrag für den Mord aus Kadyrows engster Umgebung kam. Nemzow hatte nicht nur Putin kritisiert, sondern auch das tschetschenische Oberhaupt und den Krieg in der Teilrepublik. Noch wenige Stunden vor seiner Ermordung hatte Nemzow von Drohungen von Kadyrow-Leuten berichtet.

Die Tschetschenien-Gruppe: der Fahrer, Vize und Chef des Bataillons "Sewer"

"Sie interessiert ein Mann: Kadyrow, aber wir sind nicht er", sagte Saur Dadajew in seinem Schlusswort. Er soll Nemzow vier Kugeln in den Rücken gefeuert haben. Wer ist dieser Mann?

Dadajew gehörte dem tschetschenischen Bataillon "Sewer" ("Nord") an, einer Truppe, die in Grosnyj stationiert ist. Offiziell war sie damals dem Innenministerium unterstellt, doch die Befehle gab und gibt Putins Protegé Kadyrow. Der lobte Dadajew eine Woche nach dem Mord an Nemzow öffentlich als "großen Patrioten Russlands".

Dadajews direkter Vorgesetzter und Vizekommandeur des Bataillons war Ruslan Geremejew. Nemzows Familie hält ihn für den Organisator des Mordes. Er war es, der die Wohnung in Moskau mietete, in der Dadajew wohnte. Zudem kaufte er eine Wohnung in derselben Straße, in der andere Mitglieder der Gruppe lebten. Geremejew erschien trotz Vorladung nie vor Gericht. Es heißt, er habe sich nach Dubai abgesetzt. Versuche, Geremejew anzuklagen, scheiterten am Widerstand der Leitung des Ermittlungskomitees, einer Strafverfolgungsbehörde, die direkt Putin unterstellt ist.

Offiziell soll Ruslan Muchudinow der Organisator des Mordes sein, nach ihm wird nach wie vor gefahndet. Dabei war Muchudinow nur der Fahrer von Geremejew, also von weitaus niedrigerem Rang.

Anders als Geremejew erschien sein Chef, der Kommandeur des Bataillons, vor Gericht. Alibek Delimchanow hat gute Verbindungen in Moskau, er ist ein Bruder von Adam Delimchanow, Kadyrows Vertrauten in der Hauptstadt und Mitglied der Duma. Im Prozess konnte sich Alibek Delimchanow partout an nichts erinnern, auch nicht, warum Dadajew ausgerechnet einen Tag nach dem Nemzow-Mord aus dem Militärdienst entlassen worden war.

Zu den vielen Ungereimtheiten dieses Verfahrens gehört auch, dass der Sicherheitsdienst des Kreml die Videoaufzeichnungen von dem Tatort und Umgebung nie herausgegeben hat. Den Geschworenen wurden so allenfalls Bruchstücke des Tathergangs präsentiert. Aber eine vollständige Aufklärung ist ohnehin nicht gewollt.


Zusammengefasst: Am 27. Februar 2015 wurde der Oppositionelle Boris Nemzow erschossen. Nun mehr als zwei Jahre später wurden fünf Tschetschenen von Geschworenen eines Moskauer Militärgerichts für schuldig befunden. Warum sie den Politiker erschossen, ist unklar - auch die Organisatoren und Drahtzieher sind nach wie vor unbekannt. Ermittlungen gegen ranghohe Tschetschenen aus dem Umfeld von Ramsan Kadyrow wurden nicht zugelassen.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.