Mord an Kreml-Kritiker Nemzow Wache für Boris

Vor zwei Jahren wurde der Oppositionelle Boris Nemzow in Moskau erschossen. Die russische Führung würde den Mord lieber vergessen machen - doch das verhindern Menschen wie Marina, Juri und Albert.

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Von , Moskau


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Marina hat sich den Schal bis unter die Nase gezogen. Ein eisiger Wind fegt über die Große Moskwa-Brücke in Moskau. Die kleine Frau, in Filzstiefeln und dicker blauer Jacke, sucht etwas Schutz an einem Laternenpfahl.

Hinter ihr rast der Verkehr vorbei. Manchmal wird ein Bus langsamer, dann starren Touristen durch die Fensterscheiben auf die Blumen vor Marina. An diesem Februarabend liegen da nicht viele: einige orangefarbene Rosen, gelbe und lilafarbene Chrysanthemen.

In der Nacht zuvor haben sie wieder einmal aufgeräumt, erzählt die 66-Jährige. "Sie wollen das hier nicht. Doch egal, was sie sich wieder einfallen lassen, wir bleiben."

Hier, wenige Meter vom Kreml entfernt, treffen am 27. Februar 2015 um 23.31 Uhr sechs Schüsse Boris Nemzow. Der 55-Jährige stirbt noch auf der Brücke. Die Bilder seines leblosen Körpers, im Hintergrund die bunten Türme der berühmten Basilius-Kathedrale, gehen um die Welt.

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Boris Nemzow: Erschossen auf der Brücke

Nemzow war das bekannteste Gesicht der Opposition: Scharf kritisierte er Präsident Wladimir Putin , führte nach den manipulierten Parlamentswahlen 2011 die Proteste mit an, prangerte Russlands Krieg in der Ukraine und Korruption auf den höchsten Ebenen des Staates an.

Ein Mord eines Oppositionspolitikers, nur 300 Schritte vom Kreml entfernt, wie ist das möglich? Und wer sind die Drahtzieher? Das fragen sich noch heute, zwei Jahre später, viele. Auch Marina.

Marina
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Marina

Die Rentnerin will, dass die Menschen nicht vergessen. Sie bewacht die Stelle auf der Brücke, an der Nemzow getötet wurde, damit dieser Ort zumindest einige Stunden lang das bleibt, was er für sie ist: eine Gedenkstätte.

Nemzow sei eine "beeindruckende Persönlichkeit" und ein "Kämpfer" gewesen, sagt Marina. "Wir lassen Boris weiterleben." Sie habe dreimal die Woche, zwölf Stunden lang "Dienst" auf der Brücke. Egal ob es friere oder die Sonne auf den Asphalt brenne. Egal ob die Polizei sie festnehme, wie vor einigen Wochen. "Ich habe keine Angst, ich komme wieder."

Albert
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Ginge es nach dem Willen der russischen Führung, gebe es diesen Gedenkort für den erschossenen Nemzow nicht. Die Moskauer Brückenbehörde räumt alle paar Tage auf. Autos fahren dann vor, gleich mehrere Mitarbeiter springen heraus und werfen Blumen, Fotos und Kerzen auf die Ladeflächen. Manchmal werden sie handgreiflich, nehmen den Nemzow-Unterstützern auch persönliche Sachen weg. Bei Albert waren es einmal die Schuhe. Er sei auf Socken nach Hause gelaufen, erzählt er.

Der 44-Jährige gehört wie Marina zu den 25 Freiwilligen, die auf der Brücke aufpassen. "Das hier ist der letzte Ort, an dem wir sagen können: 'Nein, ich bin nicht einverstanden mit dieser Politik'", sagt Albert. "Das ist unsere letzte Barrikade."

Juri
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Juris Barrikade befindet sich weiter östlich in Moskau. Der 61-Jährige steht gegenüber des Militärgerichts und hält ein Plakat hoch: "Nennt die Namen der Auftraggeber vom Mord an Nemzow". Er kommt zu jedem Prozesstag, inzwischen ist der 40. vorüber. "Wer profitiert denn von dem Mord?", fragt er, um sich die Antwort selbst zu geben: "Das sind die Machthaber. Die, die da auf der Anklagebank sitzen, die haben Nemzow doch gar nicht gekannt."

Fragen zu stellen, ist unbequem - und mit Medien zu sprechen, sowieso. Als die Polizisten vor dem Gericht das sehen, kommen sie über die Straße. Sie weisen Juri und seinen Mitstreiter, ebenfalls mit Plakat, zurecht: "50 Meter Abstand wahren, sonst greifen wir durch." Einzeln darf protestiert werden, aber nicht zu nah beieinander.

Hinweise führen zu Kadyrow

Drinnen im Gerichtssaal sitzen die fünf Angeklagten in einem Kasten aus Panzerglas, bewacht von maskierten Männern eines Sondereinsatzkommandos und einem Schäferhund. Die Beschuldigten kommen aus Tschetschenien, sie bestreiten inzwischen die Tat.

Saur Dadajew soll der Staatsanwältin zufolge auf Nemzow geschossen, die anderen ihm geholfen haben, die Tat zu planen. Laut Anklage beschatteten die Männer Nemzow Monate lang in Moskau, mieteten dafür Wohnungen an, kauften Autos und erwarben die Tatwaffe mit Munition.

Doch warum? Handelt es sich um einen schlichten Auftragsmord für 15 Millionen Rubel, wie die Anklage erklärt, ohne auf das Motiv weiter einzugehen? Auch wenn sich der Richter in diesem Geschworenenprozess bemüht, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, vieles bleibt offen.

Wadim Prochorow
imago/ ITAR-TASS

Wadim Prochorow

Anwalt Wadim Prochorow, Freund von Nemzow, vertritt mit einer Kollegin die Hinterbliebenen in dem Prozess. Er kritisiert die Ermittlungen, die offiziell für beendet erklärt wurden - trotz der vielen Fragen. Prochorow listet auf dem Gerichtsflur einige auf, er spricht laut und schnell: Wieso wird der Kommandeur des tschetschenischen Bataillons "Sewer", Ruslan Geremejew, nur als Zeuge behandelt, wenn er doch die Gruppe um Dadajew, Vizekommandeur von "Sewer", laut Zeugen befehligt haben soll?

Und was wusste eigentlich Ramsan Kadyrow, Oberhaupt der Republik Tschetschenien und Protegé von Putin? Kadyrow ist es, der "Sewer" Befehle gibt, auch wenn die Einheit auf dem Papier dem Innenministerium unterstellt war und seit einer Reform 2016 zur russischen Nationalgarde gehört. Er lobte den mutmaßlichen Schützen Dadajew eine Woche nach dem Mord öffentlich als "großen Patrioten Russlands" (Lesen Sie hier mehr zu dem Tschetschenien-Hintergrund).

Doch im Prozess fällt Kadyrows Name nicht. Immerhin sagt Alibek Delimchanow, "Sewer"-Kommandeur, als Zeuge aus, doch an vieles will er sich nicht mehr so genau erinnern.

Gedenkmarsch für Nemzow

Juri, der Ein-Mann-Demonstrant vor dem Gericht, Marina und Albert, die Wächter auf der Brücke, glauben dennoch daran, dass die Auftraggeber verurteilt werden. "Eines Tages", sagt Marina und rückt einen der Blumensträuße zurecht.

Hoffnung ist das, was Marina und den anderen geblieben ist, auch wenn es schwer ist, diese zu bewahren. Nemzow-Freund Wladimir Kara-Mursa wurde zum zweiten Mal mutmaßlich vergiftet (lesen Sie hier mehr), er hat Russland wieder verlassen.

Für Sonntag haben er und andere Weggefährten zu einem Gedenkmarsch für Nemzow in Moskau aufgerufen. Die Kundgebung wurde genehmigt, die Veranstalter hoffen auf mehrere Tausend Teilnehmer.

Marina wird nicht mitlaufen. Sie werde ihren Dienst auf der Brücke tun, sagt sie. "Mein Platz ist hier."


Zusammengefasst: Der Mord an dem russischen Oppositionellen Boris Nemzow jährt sich zum zweiten Mal. Er wurde am 27. Februar 2015 auf der Großen Moskwa-Brücke in Moskau erschossen. Angeklagt wurden fünf Tschetschenen, denen vor einem Moskauer Militärgericht der Prozess gemacht wird. Am Sonntag halten Anhänger und Weggefährten von Nemzow ihm zu Ehren einen Gedenkmarsch ab.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaya

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