Schülerprotest in Bosnien-Herzegowina "Sonst hat dieses Land keine Zukunft"

In Bosnien-Herzegowina werden Schüler häufig nach Ethnien getrennt unterrichtet - in derselben Schule. In einer Kleinstadt wehren sich Jugendliche dagegen. Einen ersten Erfolg hatten sie bereits.

Schüler in Jajce. Azra (3.v.r.) ist eine der Hauptorganisatorinnen des Protestes
Keno Verseck

Schüler in Jajce. Azra (3.v.r.) ist eine der Hauptorganisatorinnen des Protestes

Aus Jajce berichtet


Solange sie zurückdenken kann, hat Azra Keljalic immer diese eine beste Freundin gehabt. Lucija, die Tochter von Nachbarn. Sie spielten zusammen, waren zusammen im Kindergarten und gingen zusammen denselben Weg zur Grundschule "13. September" in Jajce, einer Kleinstadt in Bosnien-Herzegowina.

Im Foyer des Schulgebäudes trennten sie sich. Azra musste nach links, in den bosniakischen Teil, Lucija nach rechts, in den kroatischen. Auch die Toiletten waren getrennt, aber wenigstens gab es keine versetzten Unterrichtszeiten wie anderswo. Deshalb konnten sie sich in den Pausen sehen.

"Ich habe diese Trennung anfangs überhaupt nicht verstanden", sagt die heute 17-jährige Azra. "Wir sprechen doch dieselbe Sprache. Trotzdem waren wir während der gesamten Grundschulzeit getrennt. Ich fand es schrecklich und war immer sehr traurig."

Im Gebäude der geteilten Grundschule: Aufgang zur kroatischen Seite
Keno Verseck

Im Gebäude der geteilten Grundschule: Aufgang zur kroatischen Seite

Nach der achten Klasse kam Azra auf die Berufsschule in Jajce, ein Gymnasium mit Vorbereitung auf Studiengänge wie Maschinenbau oder Informatik. Dort wurden die meisten Fächer gemeinsam unterrichtet. "Am ersten Tag fühlte ich mich, als sei ein Wunder geschehen", erinnert sich Azra. "Wir alle zusammen! Es war unbeschreiblich schön."

Doch dann der Schock: Auch an dieser Schule sollten plötzlich alle Fächer getrennt unterrichtet werden. "Ich dachte: Nein, das dürfen wir nicht zulassen", sagt Azra, wenn sie von den Anfängen des Schüleraufstandes in Jajce berichtet. Ein Aufstand gegen das System der ethnonationalen Trennung von Schülern. Gegen "Apartheid im Klassenraum", wie es einige bosnische Medien nennen.

Seit inzwischen zweieinhalb Jahren wehren sich die Schüler der "Berufsschule Jajce" dagegen, nach Nationalitäten getrennt zu werden. Auf der grauen Außenfassade des Schulgebäudes steht ein großes Graffiti: "Gemeinsam schaffen wir es!"

Geschichte, Geografie und Muttersprache werden getrennt unterrichtet

Es ist eine kleine, lokale Revolte einiger Dutzend aktiver Schüler, unterstützt von ein paar Hundert weiteren. Aber sie hat im Land große Symbolkraft. Denn die Jugendlichen hinterfragen die bosnische Nachkriegsordnung mit ihrem alles durchdringenden Ethno-Proporz. Der garantiert zwar den Eliten und ihrer Klientel Einfluss und Posten. Aber er spaltet das Land und zerrüttet es immer mehr - in Verwaltung und Regierung und in der Gesellschaft.

Das fängt bei den Kindern an: Lehrpläne und staatliche Schulen sind in Bosnien-Herzegowina nach den drei konstituierenden Nationen des Landes getrennt - Bosniaken, Kroaten und Serben. Obwohl sie eine nahezu identische Sprache sprechen und sich, jenseits unterschiedlicher kulturgeschichtlicher Hintergründe, im Wesentlichen nur durch die muslimische, katholische und orthodoxe Religion unterscheiden.

An vielen Schulen hat sich eine Teilsegregation etabliert: Fächer wie Geschichte, Geographie und Muttersprache werden getrennt unterrichtet, die anderen gemeinsam. Doch in der bosnisch-kroatischen Föderation, einem der beiden Landesteile Bosnien-Herzegowinas, gibt es immer mehr das Modell "Zwei Schulen unter einem Dach": die vollständige Segregation von Schülern und Lehrern in einem Gebäude.

So wie es Azra Keljalic in ihren ersten acht Schuljahren erlebt hat - und wie es die Berufsschule in Jajce einführen wollte - obwohl das bosnische Verfassungsgericht dieses Modell bereits im Oktober 2014 für diskriminierend erklärt und damit als rechtswidrig eingestuft hat und die internationale Gemeinschaft es scharf kritisiert.

Azra, 17, und ihre Mutter Zlata
Keno Verseck

Azra, 17, und ihre Mutter Zlata

Im Mai 2016, kurz vor den Sommerferien, verkündeten Stadtverwaltung und Bildungsministerium des Kantons Zentralbosnien den Plan, kroatische und bosniakische Schüler in Jajce zu trennen. Die Jugendlichen waren entsetzt. Und protestierten, mit Aufrufen, Veranstaltungen und Kundgebungen. Der Fall sorgte für Aufsehen im Land, einen solchen Schülerprotest hatte es bis dahin nicht gegeben.

Die Lehrer der Schule solidarisierten sich, ausländische Botschafter sandten Unterstützungsschreiben. Schließlich, im Juni 2017, zogen die Behörden den Segregationsplan zurück. Es war ein großer Erfolg: Einige Schüler gegen ein mächtiges System. Ende vergangenen Jahres erhielten die Jugendlichen der Berufsschule Jajce für ihren Kampf sogar eine internationale Auszeichnung: den "Max-van-der-Stoel"-Preis der OSZE, dotiert mit 50.000 Euro.

"Wir sind doch vor allem Menschen"

Stolz sind die Jugendlichen, zufrieden allerdings sind sie noch nicht. Denn sie fordern mehr: ein völliges Ende getrennter Lehrpläne. Von dem OSZE-Preisgeld wollen sie in Jajce ein Aktionszentrum einrichten und weiter gegen Segregation kämpfen. "Die Trennung muss endlich aufhören, sonst hat dieses Land keine Zukunft", sagt der 17-jährige Berun.

Berun sitzt zusammen mit einigen Mitschülern in einem Pausenraum der Berufsschule Jajce. Manche der Schüler haben noch fast kindliche Gesichter. Sie sprechen ruhig, wirken eher bescheiden und wohlerzogen als rebellisch. Aber sie scheinen zutiefst entschlossen, die von oben verordnete Trennung nicht zu akzeptieren.

"Wir sind doch vor allem Menschen", sagt Dragica, 16, "deshalb gehören wir zusammen." Und der 18-jährige Ajdin meint: "Wir haben hier zusammengelebt, wir leben zusammen und wir werden auch weiter zusammenleben. Punkt." Wichtig ist den Schülern allerdings: Dass ihr Kampf friedlich verläuft. Dafür organisieren sie Trainings zu gewaltfreiem Widerstand und Kommunikation.

Noch immer sind viele Spuren des Krieges in Jajce zu sehen
Keno Verseck

Noch immer sind viele Spuren des Krieges in Jajce zu sehen

Jajce, im Mittelalter Sitz der bosnischen Könige, 1943 Gründungsort des sozialistischen Jugoslawiens und bis 1992 fast zu gleichen Teilen von Bosniaken, Kroaten und Serben bewohnt, war im Krieg schwer umkämpft. Erst vertrieben serbische Militärs die Bosniaken, später die kroatische Armee die Serben, nach dem Krieg wollten Kroaten zunächst die Rückkehr der Bosniaken verhindern, die meisten Serben versuchten erst gar nicht zurückzukehren.

Noch immer sind Spuren des Krieges in der Stadt zu sehen, zerschossene Fassaden, Reste gesprengter Kirchen. Aber die Menschen leben nicht in getrennten Vierteln, wie an anderen Orten im Land. Es herrscht ein schweigendes Nebeneinander. Niemand thematisiert Kriegstragödien, fragt nach Verantwortung für Verbrechen, es gibt auch keinen offenen Hass.

Hat der Aufstand der Schüler im Alltag der Stadt etwas verändert? Zlata Keljaric, die Mutter von Azra, überlegt lange. Dann sagt sie: "Ja, vielleicht. Ich habe von keinem einzigen Nachbarn etwas Negatives über den Protest der Schüler gehört, nur gute Worte. Das wäre früher wohl anders gewesen."

Bis zu einem Miteinander, so wie es sich die Schüler wünschen, wird es aber wohl trotzdem noch dauern. So sehen es jedenfalls viele Erwachsene in der Stadt. Auch die Lehrer, von denen viele dennoch bewundernd über den Protest der Schüler sprechen.

Deutschlehrer Tarik Zjajo vor der Berufsschule in Jajce
Keno Verseck

Deutschlehrer Tarik Zjajo vor der Berufsschule in Jajce

Zum Beispiel Tarik Zjajo, 39, der als Kriegsflüchtling fünf Jahre in der Nähe von Heilbronn lebte, dann in Sarajevo Germanistik studierte und nun an der Berufsschule seiner Heimatstadt Jajce Deutsch unterrichtet. Er sagt, er habe den Schülern anfangs kaum Erfolgschancen eingeräumt, aber ihre Ausdauer und ihre Art und Weise, wie sie sich selbst organisiert hätten, hätten ihm imponiert.

Zjajo weiß aus eigener Erfahrung, wie tief der Ethno-Proporz manchmal in den Alltag eindringt. Obwohl er und seine Frau Bosniaken sind, geht die Tochter der Eheleute auf eine kroatische Grundschule - einfach, weil sie dicht beim Wohnhaus liegt. "Es kamen Nachfragen, warum wir sie nicht auf die bosniakische Schule schicken. Ich musste mich gegenüber einigen Funktionären im Ort rechtfertigen", sagt Zjajo, "das war sehr unangenehm."

Eine Chance für ein nicht ethnonationales Bildungswesen sieht er vorläufig nicht. Dazu, sagt er, müsse das Land ein Bürgerstaat mit einer neuen Verfassung werden, das sei derzeit unrealistisch. Er nimmt eine Zigarettenschachtel und zeigt auf den Gefahrenhinweis zum Rauchen.

Dreimal steht da ein identischer Satz, zweimal in lateinischer, einmal in kyrillischer Schrift. Zjajo lacht sarkastisch. "Man sollte überall im Land Warnhinweise aufhängen, auf denen dreimal hintereinander steht: 'Dummheit kann töten!'"

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
jujo 12.04.2019
1. ....
Dieses Land will in die EU? Die sollen sich erstmal sortieren, das wird dauern, mindestens noch eine Generation! Die jungen Leute geben Hoffnung, das es was werden könnte.
aktexy 12.04.2019
2. Wahre Geschichte
Ich musste im April, 1992 am Anfang des Krieges in Bosnien gemeinsam mit meiner Familie nach Jajce vor den Serben fliehen. Viele von den leben noch dort und sind frustriert über die unmenschliche Ungerechtigkeit die dort herrscht. Die Menschen werden nach Ethnie und Religion geteilt. Alles andere ist unwichtig. Dies spielt der politischen Elite in die Hände, denn nur so können die an der Macht bleiben. Leider hat die Elite auch viele Wähler, was ich selber nicht verstehe. Unser Land wurde im Krieg zerstört und 100.000 Menschen haben deren Leben verloren, aber die Nachkriegszeit hat die Menschen von einander entfernt und die untereinander zu Feinden gemacht, obwohl sie jahrhunderte lang zusammen gelebt haben. Das passiert wenn sich Nationalismus und fanatische Religionansichten vermischen. Menschen fangen an sich zu hassen, obwohl sie bis gestern alles zusammen gefeiert haben; Weihnachten, Ostern, Bajram, Hanuka.... Ich wünsche diesen Kindern sehr sehr viel Glück und Ausdauer in deren Vorhaben, aber......
mina2010 12.04.2019
3. Kids ...
bleibt stark, vielleicht hat Toleranz und Menschlichkeit noch eine Chance.
mina2010 12.04.2019
4. Die Frage, die sich stellt ...
warum macht Mensch dabei mit?
DiggaAlla 12.04.2019
5. @jujo
Es gibt sogar länder, die AUS der EU wollen. Ansonsten sollten sie nicht so arrogant auftreten. In diesem land wurden vor nicht mal 25 jahren konzentrationslager betrieben und hubderttausende menschen teilweise ethnisch gesäubert und wir kümmern uns daheim um fahrverbote, gender usw. augen auf, wir sind mitverantwortlich für die unordnung auf dem balkan.
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