Flüchtlingskrise in Bosnien Katastrophe vor den Toren der EU

In Bosnien-Herzegowina sitzen Tausende Migranten unter katastrophalen Bedingungen fest. Verantwortlich dafür ist die rigide Rückschiebepraxis der Kroaten. Angeblich wird an der Grenze sogar geschossen.
Illegale Einwanderer im Vujak-Lager am Rande der nordbosnischen Stadt Bihac: Menschenunwürdige Zustände

Illegale Einwanderer im Vujak-Lager am Rande der nordbosnischen Stadt Bihac: Menschenunwürdige Zustände

Foto: Elvis Barukcic/ AFP

Wirklich geschlossen war die sogenannte Balkanroute nie. Allerdings führte die Abriegelung der mazedonisch-griechischen Grenze Anfang 2016 zeitweilig zu einem deutlichen Rückgang der Flüchtlingszahlen. Das hat sich geändert: In den letzten Monaten versuchten erneut Zehntausende Migranten über die Westbalkanländer in die EU zu gelangen - so viele wie seit Langem nicht mehr. In Bosnien-Herzegowina bahnt sich deshalb eine humanitäre Katastrophe an.

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In diesem Jahr sind nach offiziellen bosnischen Schätzungen bereits mehr als 30.000 Flüchtlinge ins Land gekommen, aktuell sollen sich etwa 8000 auf bosnischem Territorium aufhalten. Sie stranden dort, weil Kroatien gegen Migranten äußerst rigide vorgeht und viele Flüchtlinge offenbar illegal über die Grenze zurückschiebt. Dabei soll es nach Aussagen der Aktivistengruppe Border Violence Monitoring Network (BVMN) auch zu systematischen Schusswaffeneinsätzen durch kroatische Sicherheitskräfte kommen. Mitte November hatte ein Polizist in Kroatien einen Flüchtling lebensgefährlich angeschossen. "Das zeigt die tiefe Krise des EU-Rechtsstaats- und Asylsystems", sagte Simon Campbell, einer der BVMN-Sprecher, dem SPIEGEL.

In Bosnien sind die Behörden mit der hohen Zahl von Flüchtlingen seit Monaten völlig überfordert, und wegen Kompetenzgerangels zwischen Lokalverwaltungen und Zentralregierung sind sie unfähig, die Migranten unter einigermaßen erträglichen Bedingungen unterzubringen. Derzeit campieren Gruppen Hunderter Flüchtlinge unter anderem in Sarajevo und in der nordostbosnischen Stadt Tuzla. Besonders dramatisch jedoch ist die Lage nahe der Stadt Bihac im nordwestbosnischen Kanton Una-Sana, wo Tausende Flüchtlinge auf eine Gelegenheit warten, illegal über die Grenze nach Kroatien zu kommen.

Migranten im Vucjak-Lager: Warten auf die Gelegenheit, nach Kroatien zu gelangen

Migranten im Vucjak-Lager: Warten auf die Gelegenheit, nach Kroatien zu gelangen

Foto: Elvis Barukcic/ AFP

Die schlimmsten Zustände herrschen im improvisierten Zeltlager Vucjak, das sich auf einer ehemaligen Müllhalde nahe Bihac befindet. Dort harren seit Juli Hunderte ohne Strom und hygienische Einrichtungen in überfüllten Zelten aus. Sie werden nur vom Roten Kreuz und privaten Aktivisten mit Lebensmitteln versorgt. Der bosnische Staat verweigert ihnen jede Hilfe.

Der deutsche Journalist Dirk Planert, der im Bosnienkrieg humanitäre Transporte nach Bihac organisierte und im Sommer in Eigeninitiative in Vucjak ein Sanitätszelt einrichtete, spricht gegenüber dem SPIEGEL von "katastrophalen, absolut menschenunwürdigen Zuständen". "Fast alle haben Krätze, sehr viele sind krank, es gibt nicht genug zu essen", so Planert.

Im Video: Die Schande von Bihac - Flüchtlinge auf ehemaliger Mülldeponie

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Eskaliert ist die Lage vor allem wegen der harten kroatischen Rückschiebepraxis

Vergangene Woche verhängte die Regionalregierung des Kantons Una-Sana eine Ausgangssperre über Vucjak und ein weiteres Lager nahe Bihac, weil es in der Region offenbar zu immer mehr Straftaten durch Flüchtlinge kommt und wütende Anwohner bereits gegen die Migranten demonstrierten. Nach Darstellung bosnischer Medien begehen Flüchtlinge vor allem Einbrüche in Häuser sowie Lebensmittel- und Autodiebstähle. Planert sagt, teilweise hätten in den vergangenen Monaten auf den Straßen von Bihac "chaotische Zustände" geherrscht, immer wieder hätten sich Flüchtlinge untereinander geprügelt, der Ärger der Bewohner im Ort sei verständlich.

Bihac: Migranten warten im Lager, um vom Roten Kreuz versorgt zu werden

Bihac: Migranten warten im Lager, um vom Roten Kreuz versorgt zu werden

Foto: Darko Vojinovic/ DPA

Eskaliert ist die Lage einerseits wegen der harten kroatischen Politik an der Grenze, andererseits aber auch, weil die EU Bosnien-Herzegowina bei der Bewältigung des Flüchtlingsproblems bisher praktisch alleingelassen hat. Kroatische Bürgerrechtler schätzen, dass im vergangenen Jahr rund 10.000 Flüchtlinge illegal nach Bosnien zurückgeschoben wurden, wobei kroatische Polizisten offenbar auch die Landesgrenze überschreiten.

Laut Informationen des BVMN hätten kroatische Polizisten allein in diesem Jahr 31 Mal aus Schusswaffen gefeuert, in 33 Fällen seien Waffen zur Einschüchterung eingesetzt worden. Das Netzwerk hat die Zahlen anhand von Interviews erhoben, konkrete Beweise gibt es nicht. Auf Nachfrage des SPIEGEL zu dem Vorwurf antwortete das kroatische Innenministerium in einer schriftlichen Stellungnahme, dass es sich um "nicht überprüfbare Anschuldigungen" handele, da "konkrete Tatsachen und Beweise" fehlten. "Diese Unwahrheiten zielen darauf ab, die Würde kroatischer Polizeibeamter zu verletzen, um den Beitritt Kroatiens zum Schengenraum zu erschweren", so die Stellungnahme.

Der Mitte November in der Grenzregion zu Slowenien angeschossene Flüchtling sorgt jedoch auch in Kroatien für Schlagzeilen. Nach offizieller Darstellung habe sich aus der Waffe eines Polizisten versehentlich ein Schuss gelöst. Das Opfer befindet sich in einem Krankenhaus in der Hafenstadt Rijeka und ist inzwischen außer Lebensgefahr.

BVMN-Aktivist Campbell sagte dem SPIEGEL, es sei äußerst besorgniserregend, dass an den Grenzen der Europäischen Union inzwischen auf Flüchtlinge geschossen werde. "Die EU muss dafür sorgen, dass Menschen an der kroatischen Grenze endlich normal und geordnet Asyl beantragen können."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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