Botschaft an Teheraner Führung Bin-Laden-Sohn sorgt sich um seine Familie in Iran

Khaled Bin Laden, einer der Söhne von Qaida-Chef Osama, meldet sich mit einer Botschaft an die iranische Führung zu Wort: Darin fordert er die Freilassung von Familienmitgliedern, die in Teheran festgehalten werden - mit dabei ist auch eine Ehefrau des Terrorpaten.

"Emotionale und psychische Störungen": Khaled Bin Laden will seine Familie frei bekommen

"Emotionale und psychische Störungen": Khaled Bin Laden will seine Familie frei bekommen

Von Yassin Musharbash


Berlin - Fünf Tage lang war sie auf dschihadistischen Web-Seiten angekündigt worden, die "wichtige Botschaft" von "Scheich Khaled Bin Laden", einem der Söhne des Terrorpaten Osama Bin Laden. Jetzt ist sie veröffentlicht worden. Und entgegen einigen wilden Spekulationen enthält sie nicht etwa die Selbstbewerbung eines Nachfolgers für die Führung von al-Qaida, sondern einen offenen Brief an die Staatsspitze Irans.

Es ist eine delikate Angelegenheit, in der sich Khaled Bin Laden zu Wort meldet. Seit einem Vierteljahr ist bekannt, dass etliche Mitglieder seiner Familie in Iran in einer Art Hausarrest festgehalten werden. Darunter mehrere seiner Geschwister und eine Ehefrau seines Vaters.

Sie waren irgendwann kurz vor Beginn des Afghanistan-Krieges auf "inoffizielle Weise", wie Khaled ausdrücklich noch einmal erwähnt, in den Iran gelangt. Anders gesagt: Sie flohen aus Afghanistan, wo sie zuvor an der Seite von Osama Bin Laden gelebt hatten.

Seitdem sitzen sie fest. Erst vor wenigen Wochen war ihr Schicksal bekannt geworden, weil eine Tochter des Terrorpaten sich absetzen konnte. Sie suchte in der saudischen Botschaft Unterschlupf, wie sogar offiziell bestätigt wurde. Offenbar sitzt sie dort immer noch.

"Emotionale und psychische Störungen"

In dem Brief fordert Khaled nun die iranische Staatsführung in Person des Revolutionsführers Ajatollah Ali Chamenei dazu auf, die Familienmitglieder freizulassen. Es seien Frauen und Kinder darunter, bei denen mittlerweile bereits "emotionale und psychische Störungen" aufgetreten seien. Der Brief liegt SPIEGEL ONLINE in einer arabischen und einer englischen Fassung vor.

Interessant ist, dass Khaled den Brief mit Hilfe der Global Islamic Media Front (GIMF) veröffentlicht hat. Die GIMF agierte früher als eine Art semioffizielle Qaida-Nachrichtenagentur. Heute ist sie ein loses Netzwerk von Dschihad-Propagandisten, aber vermutlich ohne belastbare Kontakte zu al-Qaida selbst.

Andererseits ist sie eine feste Größe im Online-Dschihadismus. Dass Khaled diesen Kanal wählte, bedeutet entweder, dass er sich selbst in diesem Spektrum verordnet oder dass er glaubt, eine Nachricht erreiche auf diese Weise den Adressaten besser (Er will schon früher Briefe geschrieben haben, diese seien von Iran aber nicht beantwortet worden).

Viel ist über Khaled Bin Laden nicht bekannt. Beobachter im Nahen Osten glauben, dass er entweder in Ägypten oder in London lebt; sie halten ihn nicht für ein Mitglied al-Qaidas. Allerdings soll er, anders als einige seiner (Halb-) Geschwister es ablehnen, seinen Vater als Terroristen zu bezeichnen.

Seinen Vater erwähnt Khaled in dem Schreiben nicht. Er argumentiert ausschließlich humanitär: Seine Familie sei vor den Kreuzfahrern geflohen.

Spekulationen im Netz

Schon die Ankündigung einer "sehr wichtigen" Botschaft von Khaled hatte die Terrorsympathisanten im Internet in Erregung versetzt. Einige behaupteten, Khaled sei "mitten auf dem Schlachtfeld", "an der Seite seines Vaters" - sie spekulierten indirekt, er werde als Nachfolger oder neue Qaida-Führungskraft inthronisiert. Andere waren freilich nüchterner: "Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, dass es einen Sohn von Osama namens Khaled gibt", schrieb ein User in einem zentralen Dschihad-Forum beispielsweise.

Interessant ist übrigens auch die Datierung des Briefes. Das islamische Datum entspricht dem 2. Januar 2010. Ob er bereits auf anderem Wege in Teheran zugestellt wurde, ist ungewiss.

Dadurch erscheint es umso rätselhafter, dass Khaled in dem Brief die Freilassung "innerhalb der nächsten Stunden" fordert. Ist damit der heutige Tag gemeint oder der 2. Januar 2010? Bisher jedenfalls gibt es in Iran keinerlei Reaktion.

Kein Hinweis auf Einbindung Osama Bin Ladens

Und es wird sie vermutlich auch nicht geben. Iran hält neben den Mitgliedern der Bin-Laden-Familie noch weitere Araber seit 2001/2002 fest, die auf demselben Weg aus Afghanistan geflohen waren. Iran glaubt möglicherweise, dass die Gruppe irgendwann noch einmal von Nutzen sein kann - vielleicht als Verhandlungsmasse.

In dem Schreiben gibt es keinen Hinweis darauf, dass es mit Osama abgesprochen sein könnte. Das wäre seinem Image freilich auch nicht zuträglich - es gilt in Dschihadisten-Kreisen als nicht angemessen, die eigene Familie privilegiert zu behandeln; jeder, so wird angenommen, weiß, dass seine Aktivitäten die Kinder und Ehepartner in Lebensgefahr bringen können.

Für historisch Interessierte enthält der Brief indes eine kleine Leckerei: Khaled berichtet darin, dass dem Bin-Laden-Sohn Saad die Flucht aus Iran gelungen sei und er die Familie über den Zustand der anderen Mitglieder informiert habe. Saads Flucht ist zwar schon länger Arbeitshypothese der westlichen Nachrichtendienste, aber Khaled ist eine Quelle, die diese Vermutung deutlich wahrscheinlicher macht. Mittlerweile gehen die meisten Nachrichtendienste aber ohnehin davon aus, dass Saad durch einen CIA-Drohnenangriff getötet wurde.



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