Botschafter der Nordallianz "Pakistans Präsident ist der Architekt des Terrors"

Als der Führer der Taliban-Opposition, Ahmed Schah Massud, am 9. September 2001 ermordet wurde, saß sein Vertrauter, Massud Chalili, neben ihm. Chalili überlebte schwer verletzt und wird derzeit an einem geheimen Ort in Europa behandelt. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Osama Bin Laden, die zukünftige Regierung Afghanistans und die letzten Minuten vor dem Attentat.


Massud Chalili, Botschafter der Nordallianz in Indien und Vertrauter Ahmed Schah Massuds
AFP

Massud Chalili, Botschafter der Nordallianz in Indien und Vertrauter Ahmed Schah Massuds

SPIEGEL ONLINE:

Halten Sie die Bombenangriffe auf Afghanistan für das richtige Mittel gegen die Taliban?

Massud Chalili: Ich habe anfangs nicht verstanden, welchen Sinn die Bombardierung hat. Wenn die Amerikaner die Nordallianz um Hilfe gebeten hätten, hätten wir uns der Sache angenommen. Aber jetzt, nachdem die Amerikaner mit der Bombardierung angefangen haben, wäre jedes Zögern bei der Jagd nach Osama Bin Laden ein Fehler. Wenn die Ziele genau getroffen werden, schwächt das die Taliban und Osama.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Bomben treffen offenbar nicht immer die anvisierten Ziele.

Chalili: Ich hoffe sehr, dass nicht noch mehr Zivilisten getroffen werden. Briten und Amerikaner sollten die Bombardierung der Städte stoppen und stattdessen die Front zwischen den Taliban und der Nordallianz bombardieren. Dorthin haben die Taliban ihre besten Soldaten geschickt.

SPIEGEL ONLINE: Aber mit Bomben lässt sich Osama Bin Laden kaum fangen.

Osama Bin Laden: "Er kann keinem Afghanen trauen"
AP

Osama Bin Laden: "Er kann keinem Afghanen trauen"

Chalili: Es gibt Tausende von Schlupflöchern und Höhlen, wo sich Bin Laden verstecken könnte. Wenn die Frontlinie getroffen wird, verursacht das eine Panik unter Bin Laden und seinen Freunden in ihren Höhlen. Er wäre von seinen Verbindungslinien abgeschnitten und würde versuchen zu entkommen. Dann kann man herausfinden, wo er sich aufhält. Er kann derzeit keinem Afghanen mehr trauen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Bomben das einzige Mittel gegen die Taliban?

Chalili: Wir haben in der Vergangenheit viele Gelegenheiten verpasst, mit dieser Situation fertig zu werden. Als vor fünf Jahren die Taliban an die Macht kamen, hätte man sich nicht mit ihnen arrangieren dürfen, sondern der rechtmäßigen Regierung von Präsident Burhanuddin Rabbani helfen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschuldigen die USA der Mitverantwortung an der Machtergreifung der Taliban?

Chalili: Die Taliban waren eine Schöpfung Pakistans mit Unterstützung Saudi-Arabiens. Aber die Vereinigten Staaten hielten sie nicht davon ab, sie nickten diese Politik ab. Ihr Schweigen ermutigte die Regierungen dieser Staaten, das Regime zu fördern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die USA nicht gewarnt?

Ahmed Schah Massud: "Keiner hörte ihm zu"
AFP

Ahmed Schah Massud: "Keiner hörte ihm zu"

Chalili: Unser ermordeter Commander Ahmed Schah Massud reiste in den Westen, aber keiner hörte ihm zu. Man wies uns vielmehr ab. Die Leiterin des Südostasien-Abteilung im US-State Department hat den Taliban sogar zu ihrem Sieg gratuliert. Noch vor zwei Monaten haben wir dafür geworben, nicht die Taliban, sondern uns zu unterstützen - vergeblich. Die USA und ihre Alliierten sollten die Nordallianz jetzt voll und ganz unterstützen. Jedes Zögern gibt den Taliban und Osama Bin Laden eine größere Chance.

SPIEGEL ONLINE: Die USA scheinen mehr auf den Ex-König Zahir Schah zu setzen.

Chalili: Ich verstehe nicht, warum die Amerikaner den König unterstützen. Es ist die Nordallianz, die fest auf afghanischem Boden steht. Wir sind es, die gegen die Taliban kämpfen, nicht irgendwelche Kräfte im Ausland. Ich wünschte, Massud wäre noch am Leben und könnte das sehen. Er würde lachen und sagen: "Seht ihr, ich habe es euch gesagt."

SPIEGEL ONLINE: Durch die Ermordung Massuds haben Sie ihren charismatischen Führer verloren. Wer führt die Nordallianz heute?

Chalili: Der politische Führer ist Präsident Rabbani.

SPIEGEL ONLINE: Und der militärische?

Kämpfer der Nordallianz
DPA

Kämpfer der Nordallianz

Chalili: Das kommt auf das Gebiet an. Bei Masar-i-Scharif ist es der Usbeke Dostam, nördlich von Kabul General Fahim. Vor seiner Ermordung hat sich Schah Massud allerdings in alle Operationen eingeschaltet.

SPIEGEL ONLINE: Die USA bezweifeln, dass die Nordallianz der Vorreiter der Demokratie ist. Es gibt auch Kriegsverbrecher in Ihren Reihen.

Chalili: Natürlich waren auch wir keine Heiligen. Aber nachdem wir in Kabul eingezogen waren, haben sich die Nachbarstaaten Pakistan, Iran und Usbekistan eingemischt und dadurch Chaos und Korruption gestiftet.

SPIEGEL ONLINE: Wer garantiert, dass sich die Regierung nicht wieder so zerstreitet wie Anfang der Neunziger? Gegen die Sowjets waren alle Mudschaheddin noch vereint, nach ihrem Abzug kämpfte Gulbuddin Hekmatjar plötzlich gegen Massud und Rabbani.

Pakistans Präsident Musharraf: "Er ist und bleibt ein Opportunist"
AFP

Pakistans Präsident Musharraf: "Er ist und bleibt ein Opportunist"

Chalili: Das lag an der Einmischung Pakistans. Ohne Pakistan hätte es keinen Bürgerkrieg gegeben. Es war der pakistanische Geheimdienst ISI, der Hekmatjar davon abgehalten hat, sich unserer Regierung in Kabul anzuschließen. Jetzt werden wir unser Bestes tun, aus unserer Erfahrung zu lernen und so etwas zu vermeiden. Das wird nicht leicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie glaubhaft ist die Unterstützung der USA durch den pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf?

Chalili: Musharraf ist und bleibt ein Opportunist. Er hat seinem Volk die Demokratie gestohlen. Er ist der Architekt des grenzüberschreitenden Terrorismus in Afghanistan und Kaschmir. Wie kann ein Führer eines Landes so undiplomatisch daherreden? Wie kann er sagen, dass jede afghanische Regierung von den Nachbarländern beraten werden muss? Wir werden nie die Hegemonie eines Nachbarstaates über Afghanistan akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber Afghanistan braucht eine Integrationsfigur. Könnte diese Rolle nicht der König übernehmen?

Ex-König Zahir Schah: "Warum unterstützen die Amerikaner den König?"
REUTERS

Ex-König Zahir Schah: "Warum unterstützen die Amerikaner den König?"

Chalili: Der König regierte Afghanistan 42 Jahre lang. Er leistete phantastische Arbeit. Aber er verlor Afghanistan und lebt seit nunmehr 30 Jahren im Ausland. Alle Institutionen, die ihn damals unterstützten, sind zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Menschen in Afghanistan bewundern ihn noch immer.

Chalili: Wenn der König seinem Land wirklich helfen will, wäre es das Beste, wenn er sich ein Flugzeug nähme und in den Norden zurückkehrt an die Seite von Präsident Rabbani, und zwar bevor die Taliban vernichtet werden. Denn das wird noch dauern; das wird nicht morgen oder übermorgen geschehen. Aber von außerhalb Afghanistans wird das nicht funktionieren. Was immer wir tun, müssen wir im Land selbst machen. Der König muss ins Land kommen und unsere Schwierigkeiten mit eigenen Augen sehen.

SPIEGEL ONLINE: Will die Nordallianz die Regierung übernehmen?

Chalili: Die Nordallianz strebt nicht an, Afghanistan zu regieren, sondern sie baut auf eine breite Übergangsregierung nach den Taliban. Diese Regierung sollte in Afghanistan selbst gegründet werden. Sie sollte die Verfassung wieder herstellen und Wahlen abhalten. Dafür brauchen wir internationale Uno-Beobachter, die auch die Entwaffnung überwachen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie ein anderes Rechtssystem außer der islamischen Scharia gelten lassen?

Von den Taliban unterdrückte Frauen: "Es darf keine Diskriminierung geben"
DPA

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Chalili: Die Verfassung würde natürlich nicht sagen: Es gibt keinen Gott und der Islam ist ein Fehler. Im Gerichtssystem wird die Scharia eine bedeutende Rolle spielen.

SPIEGEL ONLINE: Einige Beobachter sind der Meinung, es gebe keinen Unterschied zwischen den Mudschaheddin der Nordallianz und den Taliban.

Chalili: Das ist unglaublich. Wir wollen eine zivile Verfassung, wie wir sie in Afghanistan viele Jahre lang hatten. Als wir in Kabul regierten, liefen die Fernseher. In allen Büros arbeiteten Frauen. Wir öffneten die Universitäten für Frauen. Die erste Rede, die Rabbani hielt, war in einer Mädchenschule. Wir hatten Bewegungs- und Pressefreiheit. Wir werden das alles noch verdoppeln, denn wir glauben, dass der Wille des Volkes das Volk regieren soll.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Freiheiten können die Frauen dann erwarten?

Chalili: Wir meinen, dass sie selbst Richterinnen werden können oder Ministerinnen. Es darf keine Diskriminierung geben.

Das Interview führte Christoph Schult.

Lesen Sie, wie Massud Chalili die letzten Minuten vor der Explosion erlebte: Protokoll des Attentats



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