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09. August 2010, 11:16 Uhr

Brandbekämpfer Putin und Medwedew

Feuerlöscher mit Fehlfunktion

Von Ann-Dorit Boy, Moskau

In Russlands Wäldern lodern die Flammen - und in der Bevölkerung wächst die Wut über die politische Führung. Denn Präsident Medwedew urlaubte tagelang in Sotschi. Erst jetzt versuchen er und Regierungschef Putin sich als Retter zu profilieren - obwohl sie für die Katastrophe mitverantwortlich sind.

Russland steht in Flammen, und viele Opfer fühlen sich von den Mächtigen im Stich gelassen. Keiner hat das so gut auf den Punkt gebracht wie ein unbekannter Blogger namens "top_lap", dessen zornige Anklage mit dem Titel "Wissen Sie, warum wir brennen?" in der vergangenen Woche sogar auf dem Schreibtisch des russischen Premiers Wladimir Putin landete. "Unter den verfluchten Kommunisten, die von jedermann beschimpft werden, hatten wir drei Feuerteiche im Dorf, eine Glocke, die läutete, wenn es brannte, und - raten Sie was - einen Löschzug", schreibt der Unbekannte. Unter den "sogenannten Demokraten" sei von all dem nichts geblieben.

Das Dorf rund 150 Kilometer vor Moskau, in dem der Blogger sein Gartenhaus hat, mussten die Anwohner mit bloßen Händen verteidigen, als Ende Juli die Feuerwalze auf sie zurollte.

Dem knackigen Text mit zahlreichen derben Schimpfwörtern hatte Putin nicht viel entgegenzusetzen. Also tat er etwas, das eher untypisch für ihn ist: Er antwortete freundlich und verständnisvoll. "Mit Interesse und Freude", habe er die Nachricht gelesen, schrieb Russlands sonst selbst nicht um Kraftausdrücke verlegener Premier.

Die aktuelle Hitzewelle sei eine nie gekannte Ausnahmesituation, verteidigte sich Putin, in anderen Ländern gebe es ähnliche Probleme. Doch er räumte auch ein, dass er der Kritik des Bloggers "im Allgemeinen" zustimme. Schließlich versicherte er seinem scharfen Kritiker gar, dass dieser "eine unglaublich ehrliche und aufrichtige Person" sei und versprach, umgehend eine Feuerglocke in dessen Dorf zu installieren.

Männlich, hart, wenig emotional - und plötzlich charmant

Die Reaktion des russischen Regierungschefs sorgte für einiges Erstaunen. Putin gilt nicht als internetaffin. Bürgernähe via Blog und Twitter war bisher viel mehr die Spezialität des Präsidenten Dmitrij Medwedew. Auch der versöhnliche Tonfall gehört eher zum Rollenprofil Medwedews, Putin gab sich in der Vergangenheit meist männlich, hart und wenig emotional.

Russische Politologen sprechen nun von einer Charmeoffensive des Premierministers gegenüber dem enttäuschten Wahlvolk. Putin nutze die Tragödie, um sich mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen im März 2012 und auch auf die Parlamentswahlen in sechs Monaten zu positionieren. Nikolai Petrow, Politologe des Moskauer Carnegie Centres, sieht in der Geschichte mit der Feuerglocke eine PR-Aktion Putins, die jüngere Wählergruppen ansprechen soll. Die von Putin geführte Regierungspartei Geeintes Russland hatte zuletzt bei Regionalwahlen vergleichsweise schlecht abgeschnitten, jedoch fast überall eine Mehrheit erreichen können.

Mit mehr als 50 Toten, zahlreichen vollständig verbrannten Dörfern, gewaltigen Ernteverlusten und einer Hauptstadt begraben unter giftigem Qualm gelten die Waldbrände in weiten Teilen Zentralrusslands mittlerweile als nationale Katastrophe.

Wer sich jetzt als Retter profiliert, hat beste Chancen, in zwei Jahren zum Präsidenten gewählt zu werden. Als mögliche Kandidaten sind bis heute nur der amtierende Präsident Medwedew und Putin, sein politischer Ziehvater und Vorgänger im Präsidentenamt, im Gespräch. Bisher hatten beide stets betont, sich keine Konkurrenz machen zu wollen. Das Auftauchen eines dritten Kandidaten, das Medwedew selbst unlängst ins Gespräch brachte, halten Experten für wenig wahrscheinlich.

Wer überzeugt als politischer Retter?

Im aktuellen Wettbewerb um den überzeugenderen Auftritt als Retter liegt Regierungschef Putin vorn. Er reiste in Jeans und Oberhemd in die Katastrophengebiete von Nischnij-Nowgorod bis Woronesch, sprach mit zahlreichen Opfern und versprach eine für russische Verhältnisse sehr großzügige Entschädigung und Aufbauhilfe. Die Bauarbeiten wolle er persönlich kontrollieren, sagte Putin - allerdings nur per Videoübertragung.

Medwedew hatte die Waldbrände tagelang von seiner Sommerresidenz nahe dem Schwarzmeer-Kurort Sotschi aus beobachtet. Von dort aus forderte der Präsident die Menschen auf, sich gegenseitig zu helfen und kündigte Brandschutzvorschriften gegen achtloses Grillen und Lagerfeuer an.

Erst als er merkte, dass diese Reaktion der Misere kaum angemessen war, kehrte Medwedew ins verrauchte Moskau zurück und entließ in Putin-Manier mehrere ranghohe Angehörige der Streitkräfte, nachdem ein Militärstützpunkt nahe Moskau wegen Fahrlässigkeit der Verantwortlichen niedergebrannt war. Als milde Geste spendete Medwedew zuletzt aus eigener Tasche 350.000 Rubel, umgerechnet rund 9000 Euro, für die Opfer der Feuersbrünste.

Politik und lokale Verwaltung haben versagt

Dafür, dass sich die Flammen überhaupt so rasend schnell ausbreiten konnten, ist die russische Führung zumindest mitverantwortlich. Der damalige Präsident Putin hatte 2007 ein Forstgesetz unterzeichnet, das Forsthüter praktisch abschaffte, so dass niemand die großen Waldflächen kontrollierte. Auch das Feuerwehrwesen wurde kaputtgespart. Es fehlt an Personal und Material. Umso erstaunlicher ist deshalb, dass Putin und Medwedew ausländische Hilfe bei der Brandbekämpfung erst sehr spät und in kleinen Dosen akzeptierten.

Versagt haben auch die lokalen Verwaltungen schon im Anfangsstadium der Brände - die ersten Feuer loderten bereits im März. Trotzdem wurden vielerorts Evakuierungen unterlassen, der Brandschutz vernachlässigt. Das fehlende Verantwortungsgefühl der russischen Gouverneure für ihren Einflussbereich führen viele darauf zurück, dass Putin als Präsident die Volkswahl der Gouverneure abgeschafft hat, um diese selbst zu bestimmen. Den regionalen Eliten fehle damit die Bindung an ihre Wähler.

Trotz aller Kritik und wütender Aufschreie wie dem Post des Bloggers "top_lap": Am Ende könnte Putin von der Krise profitieren. Der Politologe Petrow geht nicht davon aus, dass die Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der Waldbrände sich für den Premier und Medwedew langfristig negativ auswirken könnte. Im Gegenteil.

In einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada drückten im April dieses Jahres - nach den Attentaten in der Moskauer Metro, die das eklatante Versagen der Moskauer Kaukasus-Politik offenlegten - 78 Prozent der Befragten Putin ihr Vertrauen aus. Einen Monat zuvor waren es genauso viele gewesen.

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