Wahl Brasiliens Arme entscheiden die Präsidentschaft

Am Sonntag wählt Brasilien seine Zukunft: Laut jüngsten Umfragen hat Amtsinhaberin Dilma Rousseff gute Chancen, als Präsidentin bestätigt zu werden. Den Ausschlag geben die Ärmsten.

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Wird am Ende die aggressive Wahlkampf-Strategie der Arbeiterpartei PT aufgehen? Den jüngsten Umfragen zufolge liegt Präsidentin Dilma Rousseff, 66, jetzt erstmals vor Aécio Neves, 54. Setzt sie sich am Sonntag tatsächlich in der Stichwahl durch, würde das die vierte Präsidentschaft in Folge unter Führung eines PT-Politikers bedeuten.

Der Sozialdemokrat Aécio Neves vertritt die Partei PSDB, auf ihm ruhen die Hoffnungen der brasilianischen Mittelschicht und der Reichen - und die der Wirtschaft. Doch nach den jüngsten Umfragen scheint sein Rückhalt zu bröckeln, Rousseff liegt sechs bis acht Prozentpunkte vor ihrem Rivalen.

In TV-Debatten hat Rousseff ihren Herausforderer Neves persönlich scharf angegriffen, sie warf ihm Vetternwirtschaft vor. Auch habe er sich bei einer Verkehrskontrolle in Rio de Janeiro geweigert, einen Alkoholtest zu machen. Sich den Kontrolleuren und der 'Lei Seca', der strengen Null-Promillegrenze, zu widersetzen, das wagt nur, wer Macht, einflussreiche Freude und/oder Geld hat.

Auch Dilma Rousseff und ihre Partei sind durch diverse Korruptionsskandale belastet. Der atemberaubendste ist derzeit wohl der Petrobras-Skandal. Milliardensummen sollen von dem staatlichen Ölunternehmen abgezweigt worden sein - und von dem Betrug soll auch die Arbeiterpartei profitiert haben.

Gleichzeitig hat sich Brasilien unter Führung der Arbeiterpartei PT in den vergangenen zwölf Jahren deutlich gewandelt - in vielen Bereichen zum Besseren. Zig Millionen Menschen profitieren von den Sozialprogrammen der Regierung. Rund 50 Millionen erhalten die 'Bolsa Família', Sozialhilfe für Familien, die ihre Kinder zur Schule schicken und sie regelmäßig impfen lassen.

Ausgezahlt wird die Summe meist an die Mütter - auch das hilft, das Leben von Millionen Kindern und Frauen zu verbessern und überkommene, oft von Gewalt geprägte patriarchalische Strukturen aufzubrechen. Durch das Programm konnten die Kindersterblichkeit gesenkt und Bildungschancen verbessert werden. Und dank "Fome Zero" ist Brasilien nach Uno-Einschätzung heute kein Hungerstaat mehr.

Die Wahlkampfmaschine der Arbeiterpartei hat die Angst vor einem Zurückdrehen dieser Programme geschürt: Viele Arme fürchten seither, dass bei einem Machtwechsel in Brasília die staatlichen Sozialleistungen drastisch gekürzt würden und sich dadurch ihre Lebensqualität wieder deutlich verschlechtern würde.

Neves hat beteuert, die Sozialpolitik fortführen zu wollen. Doch glauben ihm die Menschen? Mittelschicht und Reiche standen bislang mehrheitlich hinter dem sozialliberalen Wirtschaftsprogramm von Aécio Neves - aus ökonomischen Gesichtspunkten. Trotz der WM im eigenen Land liegt das Wachstum 2014 voraussichtlich bei unter einem Prozent, die Inflationsrate liegt bei 6,5 Prozent, die Industrieproduktion ist im Vergleich zum Vorjahr rückläufig, die Investitionsrate niedrig und der Wechselkurs schwankt.

Einen Schub könnte Neves noch durch seinen prominentesten Unterstützer bekommen: Neymar. Der populäre Fußballheld hat in einer Videobotschaft erklärt, er unterstütze Neves, "weil ich mich mit seinen Vorschlägen für Brasilien identifiziere".



insgesamt 10 Beiträge
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bssh 25.10.2014
1. Neymar
Wenn wundert seine Wahl? Der Mann ist reich, da sollten also die Armen eher das Gegenteil wählen. Falls aber Neves wirklich sozialliberal sein sollte, wie hier geschrieben, dann wäre das ja gut, aber als Vertreter der Reichen und der Wirtschaft frage ich mich, woher diese Katalogisierung als "sozialliberal" kommt?
ManuC 25.10.2014
2.
"sozialliberal" ist hier völlig irreführend. Der Mann will diverse, extrem christlich-konservative Prediger zu Ministern ernennen...ex-Fußballer ronaldinho und tv-moderatoren des international umstrittenen mediengiganten "globo" sollen ebenfalls hohe politische Ämter bekommen. Der Hauptgrund für das plötzliche Popularitätswachstum aecios liegt an seinen mannigfaltigen Verbindungen zu solchen meinungskontrollierenden sendeanstalten. Der Mann ist ein Bösewicht, der sich allein durch dirty-play über Wasser hält.
rafaelrolo1986 25.10.2014
3.
Aécio ist kein echter "sozialdemokrat"... Seine Partei heißt "Partido da Social Democracia brasileira" (etwa wie: "Sozialdemokratischepartei Brasiliens"), aber wir sollen den blossen Name nicht seriös annehmen...
nomadas 25.10.2014
4. Blanker Hohn
Die Ärmsten geben den Ausschlag, sie wählen wieder ihre Armut. Das genau ist die Wurzelsünde der sogenannten Demokratie. Und genau deshalb ist Demokratie in der Welt kein allgemein akzeptiertes Modell. Die Favela ist und bleibt die Favela. Die Demokratie jedenfalls ändert das niemals. Eine Ursache für IS, by the way!
Michael CGN 25.10.2014
5. DDie PSDB ist wohl eher mit der deutschen CDU vergleichbar
und dann auch eher weniger "Sozialdemokratisch" als eine Angela Merkel. Man ist doch immer wieder "verwundert" über die Darstellungen in hiesigen Medien.
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