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Stichwahl um Brasiliens Präsidentschaft Der Scharfmacher spaltet das Land

Fast wäre der rechte Hardliner Jair Bolsonaro auf Anhieb Brasiliens Präsident geworden. Die Stichwahl könnte eng werden - auch weil sein Herausforderer noch einen Trumpf im Ärmel hat.

Noch ist die Schicksalswahl nicht entschieden. Der politische Tsunami, der Brasilien in den vergangenen Wochen überrollt hat, war nicht stark genug, um den Rechtspopulisten Jair Bolsonaro direkt in den Präsidentenpalast zu tragen, wie seine Anhänger gehofft hatten.

Bolsonaro erlangte etwas mehr als 46 Prozent, er verfehlte die absolute Mehrheit knapp. Sein Vorsprung vor dem Zweitplatzierten Fernando Haddad, dem Kandidaten der linken Arbeiterpartei PT, ist allerdings riesig, er beträgt rund 17 Prozentpunkte.

Der Ex-Bürgermeister von São Paulo, der als Stellvertreter des inhaftierten Ex-Präsidenten Luíz Inácio Lula da Silva angetreten ist, steht jetzt vor einer politischen Herkulesaufgabe: Er muss die Brasilianer bis zur Stichwahl in knapp drei Wochen überzeugen, dass er der bessere Mann ist, um das Land aus der schwersten Krise seit dem Ende der Militärdiktatur 1985 zu führen. Diese Mission ist schwierig, aber nicht unmöglich: Im zweiten Wahlgang am 28. Oktober werden die Karten neu gemischt, die Stichwahl ist wie ein neuer Urnengang.

Fernando Haddad, Zweiter der Präsidentschaftswahl vom Sonntag

Fernando Haddad, Zweiter der Präsidentschaftswahl vom Sonntag

Foto: PAULO WHITAKER/ REUTERS

Bolsonaro führt zwar in den meisten Regionen des Riesenlandes, aber es gelang ihm nicht, die wichtigste Bastion Lulas einzunehmen: den bevölkerungsreichen, aber armen Nordosten. Haddad führt in allen Nordost-Bundesstaaten mit Ausnahme von Ceará, der Heimat des Mitte-links-Politikers Ciro Gomes, der ebenfalls zur Wahl angetreten war und erwartungsgemäß auf dem dritten Platz landete. Gomes hat bereits durchblicken lassen, dass er im zweiten Wahlgang Haddad unterstützen wird.

Linke Ex-Präsidentin Rousseff fällt bei Senatswahl durch

Die PT hat es geschafft, in mehreren Nordost-Bundesstaaten ihre Kandidaten für das Gouverneursamt im ersten Wahlgang durchzubringen, in Bahia holte sie sogar über 70 Prozent.

Dafür wurde sie im Südosten, der bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich wichtigsten Region des Landes, abgestraft: Sie verlor mehrere wichtige Senatorenposten in São Paulo und Rio de Janeiro. Auch Ex-Präsidentin Dilma Rousseff, die als Senatorin für den Bundesstaat Minas Gerais kandidierte, scheiterte, obwohl ihr in allen Umfragen ein sicherer erster Platz vorhergesagt worden war.

Die Wähler machen vor allem die PT für die Korruptionsskandale der vergangenen Jahre verantwortlich. Die Partei entzieht sich einer Aufarbeitung ihrer Verfehlungen mit dem Argument, dass sie politisch verfolgt werde. Als Argument führt sie die juristisch fragwürdige Amtsenthebung Rousseffs und die ebenfalls umstrittene Inhaftierung Lulas an.

Viele ehemalige PT-Wähler geben sich damit jedoch nicht länger zufrieden, sie erwarten von der Partei Selbstkritik und Erneuerung. Sie sind deshalb zu anderen Kandidaten übergelaufen.

Aber auch für Bolsonaro wachsen die Bäume nicht in den Himmel: Er schaffte es nicht, einem befreundeten evangelikalen Senator, der eine Zeitlang sogar als Kandidat für das Vizepräsidentenamt im Gespräch war, zur Wiederwahl zu verhelfen.

Bei den Senatswahlen glänzte ausgerechnet die kleine Alternativpartei "Rede", die von der einstigen Umweltministerin Marina Silva begründet wurde, einer Ikone der Umweltbewegung: Sie errang auf Anhieb vier Mandate. Umso tragischer nimmt sich das Abschneiden Silvas aus, die zum dritten Mal für das Präsidentenamt kandidierte und 2014 mit über 20 Millionen Stimmen fast in die Stichwahl eingezogen war. Sie holte am Sonntag nur ein Prozent.

Silva wurde ebenso wie die früher einflussreiche Mitte-rechts-Partei PSDB ein Opfer der Polarisierung in der brasilianischen Gesellschaft. Obwohl Bolsonaro seit fast 30 Jahren als Hinterbänkler im Kongress sitzt, hat er es geschafft, sich als ehrlicher Außenseiter und einzig überzeugender PT-Gegner zu verkaufen.

Bolsonaro gibt Wahlmaschinen die Schuld, dass es nicht klappte

Auf diese Weise hat er den Mitte-rechts-Parteien viele Wähler abspenstig gemacht. Seine wichtigsten Themen sind Korruption und Sicherheit, damit trifft er einen Nerv. Im kriminalitätsgeplagten Rio de Janeiro hat er es so geschafft, einen politischen Nobody aus dem Stand heraus an die Spitze der Gouverneurskandidaten zu katapultieren. Rio hat mit überwältigender Mehrheit Bolsonaro gewählt.

Dennoch war dem Ex-Militär die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, als er sich nach der Auszählung über die sozialen Medien an seine Anhänger wandte; er hatte auf die absolute Mehrheit im ganzen Land gesetzt. An der Seite des Investmentbankers Paulo Guedes, der in seinem Kabinett die Rolle eines Superministers für Wirtschaft, Finanzen, Planung und Handel übernehmen soll, rief er zur Mobilisierung für die Stichwahl auf.

Erneut bezweifelte er die Zuverlässigkeit des elektronischen Wahlsystems. Zugleich unterstellte er seinen politischen Gegnern, dass sie ihren Wahlkampf mit Millionen aus Korruptionsgeschäften finanzieren: "Der Sieg wird nicht leicht", warnte er seine Anhänger.

In den kommenden drei Wochen wird sich der aggressive Ex-Hauptmann, der politischen Gegner schon mal androhte, sie nach Militärrecht hinrichten zu lassen, als gütiger Landesvater präsentieren, um neue Wähler in der Mitte des politischen Spektrums zu gewinnen. Um diese Wechselwähler kämpft auch Haddad, der ebenfalls die Mitte umwirbt.

Haddad hat allerdings einen Vorteil: Er wirkt in der Rolle des Versöhners überzeugender. Als Bürgermeister von São Paulo war er offen für den Dialog mit politischen Gegnern; er gehört dem moderaten Flügel der PT an, er gilt als besonnen und guter Zuhörer. Er wolle "die Demokraten Brasiliens vereinigen", verkündete er nach der Wahl vor seinen Anhängern.

In den kommenden Tagen will Haddad seinen Beraterstab, der von der PT gestellt wird, durch Leute seines eigenen Vertrauens ersetzen und sich aus dem politischen Korsett der Partei befreien. "Mehr Haddad, weniger Lula", lautet seine Devise für den zweiten Wahlgang.

Der Ex-Präsident dürfte nichts einzuwenden haben: Er war selbst erst zum Präsidenten gewählt worden, nachdem er die Wähler überzeugt hatte, dass von ihm keine sozialistischen Experimente zu befürchten seien.