Brasilien Lulas Feldzug gegen den Hunger

Im Sommer noch galt er als Schrecken der Wirtschaft, nun lobt ihn selbst der IWF: Luiz Inacio Lula da Silva, Brasiliens erster sozialistischer Staatspräsident, will Millionen Brasilianer mit einem Notprogramm von Armut und Hunger befreien - Kehrtwende in einem Land, das die Schattenseiten des Liberalismus bisher eher verdrängt hat.

Von Matthias Matussek, Rio de Janeiro


Armut in Brasilien: Kinder bei der Arbeit in der Barackensiedlung Brasilia Teimosa
AP

Armut in Brasilien: Kinder bei der Arbeit in der Barackensiedlung Brasilia Teimosa

Rio de Janeiro - "Sehr beeindruckt" zeigte sich Horst Köhler, Chef des Weltwährungs-Fonds von einem Treffen mit Brasiliens Präsidenten. Als "Führer des 21. Jahrhunderts", rühmte ihn Köhler auf der anschließenden Pressekonferenz.

Besonders Lulas Programm gegen den Hunger, "Fome Zero" genannt, hatte es Köhler angetan. "Wir stimmen darin überein, dass es für das wirtschaftliche Wachstum unerlässlich ist, nüchterne Haushaltspolitik und soziale Gleichheit miteinander zu vereinbaren."

Dass Lulas Aktionsprogramm gegen den Hunger eine brennende Notwendigkeit ist, belegen neueste Zahlen des statistischen Bundesamtes IBGE (Instituto Brasileiro de Geografia e Estatistica). Danach lebt fast ein Drittel aller Brasilianer von einem Dollar oder weniger am Tag, also unter Bedingungen, die von der Uno als "extreme Armut" definiert sind. Von diesen 54 Millionen sind fünf Millionen Menschen ohne jegliches Einkommen. Die meisten der Elenden leben im unterentwickelten, kargen Nordosten, doch auch im reicheren, industrialisierten Südosten um die Metropolen Rio de Janeiro und São Paulo sind es immer noch 18 Prozent, die dringender Hilfe bedürfen.

Luiz Inacio Lula Da Silva: Aktionsprogramm gegen den Hunger
AP

Luiz Inacio Lula Da Silva: Aktionsprogramm gegen den Hunger

Mit seinem "Fome Zero"-Programm hat Lula das Land zu einem bedeutsamen und mittlerweile breit unterstützten Solidar-Akt aufgerufen. Ein Paradigmenwechsel: Nach den liberalen Marktreformen richtet sich das Augenmerk auf diejenigen, die in der vergangenen Dekade zurückgelassen wurden. Vor knapp einem Jahr noch war eine ähnliche Erhebung zum Elend in Brasilien durch Uno-Experten von brasilianischen Politikern und Medien als landesfeindliche Propaganda abgetan worden. Nun wird "Fome Zero" als Startschuss zu einer neuen politische Zeitrechnung auf dem Subkontinent kommentiert.

Auch mit seiner Kabinettsliste will Lula Zeichen setzen. Ausgemacht ist etwa, dass Rio de Janeiros Übergangs-Gouverneurin Benedita da Silva, die in der Landeswahl unterlegen war, am Kabinettstisch sitzen wird - eine Mulattin, die in der Favela aufwuchs, und als Kind Armut und sexuelle Gewalt erlitt. Auch Marina Silva, die Tochter eines Gummizapfers aus dem Amazonas, Mitstreiterin des ermordeten Aktivisten Chico Mendes, soll ein Ministeramt übernehmen.

Gleichzeitig jedoch hat Lula klargemacht, dass er eine wirtschaftlich pragmatische Regierung bilden will. Mit seinem Vize, dem Unternehmer Jose Alencar, hatte er bereits im Wahlkampf die konservative Mitte für sich einnehmen können. Die Gewerkschaften hatte Lula kürzlich zur Disziplin aufgerufen.

Ivete Caetano da Silva, 57, hat zehn Söhne und 20 Enkel - aber keine sanitären Einrichtungen, die in Brasilia Teimosa seit den fünfziger Jahren fehlen
AP

Ivete Caetano da Silva, 57, hat zehn Söhne und 20 Enkel - aber keine sanitären Einrichtungen, die in Brasilia Teimosa seit den fünfziger Jahren fehlen

Wiederholt hat er versichert, dass er sich an die Vereinbarungen mit dem Internationalen Währungsfonds halten wird, die unter anderem einen Haushaltsüberschuss von 3,75 Prozent vorsehen. Landesfürsten wie Gouverneur Itamar Franco aus Minas Gerais, die mehr ausgeben als sie einnehmen, wurde bereits bedeutet, dass sie nicht mit Hilfe aus Brasilia rechnen können - auch wenn sie, wie Franco, Lula im Wahlkampf unterstützt haben.

Nun hat Lula einen Richtungs- und Machtkampf in der eigenen Partei beendet, der zwischen dem linken Chefstrategen José Dirceu und dem wirtschaftsfreundlichen Antonio Palocci über die Demission des erfolgreichen Zentralbankchefs Armínio Fraga entbrannt war. Dass bisher noch kein Nachfolger für Fraga ernannt wurde, hat zu Nervosität auf den Märkten geführt.

Mit dem weiteren Währungsverfall ist die Inflationsrate im letzten Monat auf drei Prozent geklettert. Mittlerweie hat die Inflation, aufs Jahr berechnet, die Zehn-Prozent-Marke durchstoßen - und wächst weiter. "Der Drache kehrt zurück", titelte das Magazin "Veja", in Anklang an die düsteren Zeiten der Hyperinflation, die vor acht Jahren die Ersparnisse des Mittelstandes vernichtet hatte und erst mit dem "Plano Real" und der neuen Landeswährung gestoppt werden konnte.

Lula da Silva und Benedita da Silva: Armutskinder am Kabinettstisch
AP

Lula da Silva und Benedita da Silva: Armutskinder am Kabinettstisch

Die Angst der Anleger wird erheblich durch Brokerfirmen wie JP Morgan geschürt, die Lula als verkappten linken Enteigner verdächtigen und kürzlich dazu rieten, brasilianische Staatsanleihen zu verkaufen - was den brasilianischen Real drei Tage lang hintereinander rutschen ließ. So erzeugen die Hysteriker der Finanzwelt mit ihrem Gerede erst jene Abwärtsspirale, die, als sich selbst erfüllende Prophezeiung, zur weiteren Kapitalvernichtung führt.

Köhler verurteilte das Verhalten der US-Broker aufs Schärfste. "Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, in dieser Weise auf die Zukunft Brasiliens zu spekulieren", sagte er. Nachdem sich Lula in den vergangenen Tagen ausgiebig mit den südlichen Nachbarländern Argentinien, Chile und Uruguay abgestimmt hat, machte er sich nun auf nach Washington zu einem Antrittsbesuch bei Präsident George W. Bush. Selbstbewusst - als neuer Führer der amerikanischen Hemisphäre.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.