Massenproteste gegen WM und Olympia Brasilianer erheben sich gegen Milliardensportfeste

Proteste im fußballverrückten Brasilien - gegen Fußball? In der aufstrebenden Industrienation sollen mit WM und Olympia gigantische Sportfeste stattfinden. Dagegen gehen jetzt Hundertausende auf die Straße. Was treibt sie an?
Massenproteste gegen WM und Olympia: Brasilianer erheben sich gegen Milliardensportfeste

Massenproteste gegen WM und Olympia: Brasilianer erheben sich gegen Milliardensportfeste

Foto: CHRISTOPHE SIMON/ AFP

Rio de Janeiro - Die aufstrebende Industrienation Brasilien gilt trotz aller Probleme als fröhliches Land, doch in diesen Tagen wird sie dem Klischee nicht gerecht. Die Massenproteste der vergangenen Tage zeigen, dass die Bürger mit vielem unzufrieden sind. Mehr als 200.000 Menschen nahmen Montagabend an Demonstrationen teil. In der Wirtschaftsmetropole São Paulo blockierten sie eine der Hauptverkehrsstraßen. In mehr als einem halben Dutzend Städten des Landes schrien die Bürger ihre Wut hinaus.

Innerhalb von einer Woche haben sich die Proteste ausgebreitet. Erste Aktionen gab es bereits seit Ende März, doch in São Paulo gewannen sie vergangene Woche an Fahrt: Dort empörten sich Bürger über die Erhöhungen von Fahrpreisen. Längst geht es aber um viel mehr.

Warum wurde die Protestwelle so schnell so groß?

Immerhin erlebte Brasilien einen jahrelangen Wirtschaftsaufschwung, hat wenig Schulden und fast Vollbeschäftigung. Viele Millionen konnten dank Sozialprogrammen der Armut entfliehen.

Doch mit dem Wohlstand wachsen die Ansprüche. Die Mittelschicht verlangt zu wissen, wofür ihr Steuergeld ausgegeben wird. Zudem ist der Boom vorerst vorbei, die Wirtschaft wächst kaum noch. Mit den jetzigen Protesten erheben sich die Brasilianer, sie empören sich über Dinge, die sie schon lange plagen. Einige Demonstranten bringen es mit dem Slogan "Der Gigant wacht auf" auf den Punkt. Auch auf Twitter  löst das leidenschaftliche Reaktionen aus.

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Brasilien: Sozialprotest statt Samba

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Das sind die Hauptkritikpunkte:

  • Geldverschwendung und Misswirtschaft

Viele Demonstranten sammelten sich in den vergangenen Tagen vor den Fußballstadien, wo der Confederations Cup auch ein Testlauf für die WM 2014 sein soll. Allein für das Sportevent rechnet Brasilien mit Kosten von umgerechnet rund elf Milliarden Euro - und viele Stadien werden deutlich teurer als geplant. Der Umbau des Fußballtempels Maracanã in Rio de Janeiro kostet 425 Millionen Euro, fast doppelt so viel wie veranschlagt.

Geld, das an anderen Stellen dringend gebraucht wird, finden viele Brasilianer. Auf Transparenten fordern die Demonstranten, endlich mehr in das Bildungswesen und das Gesundheitssystem zu investieren. Schlecht arbeitende Verwaltungen verschlimmern das Problem. "Wir haben keine guten Schulen für unsere Kinder. Unsere Krankenhäuser sind in einem schrecklichen Zustand. Korruption greift um sich. Diese Proteste werden Geschichte machen und unsere Politiker aufrütteln", sagt die Demonstrantin Maria Claudia Cardoso in São Paulo.

  • Steigende Preise

Zudem sehen viele Brasilianer, dass die Lebenshaltungskosten drastisch steigen, spürbar auch für Besucher der sportlichen Großereignisse. Momentan sammelt sich die Fußball-Elite zum Confederations Cup, im kommenden Jahr findet die Weltmeisterschaft statt und zwei Jahre später die Olympischen Spiele. Schon jetzt werden Hotels in großen Städten wie Rio de Janeiro immer teurer.

Aber auch das tägliche Leben wird kostspieliger. "Was die Brasilianer umtreibt, ist der Verlust ihrer Kaufkraft mit der Inflation und die Unfähigkeit des Staates, konkrete Lösungen zu finden, was die Krise der Bereiche Gesundheit, Bildung, Sicherheit und Transport betrifft", schreibt die Zeitung "Folha de São Paulo" . Was dagegen definitiv nicht helfe: mehr Fußball.

  • Korruption

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff regiert seit 2011. Im ersten Jahr ihrer Amtszeit feuerte sie sieben Minister und setzte damit ein Zeichen gegen Korruption. Doch das hat längst nicht alle Probleme im Land beseitigt: Viele Demonstranten empören sich jetzt über allmächtige Funktionäre und Politiker, die Brasilien als Selbstbedienungsladen missbrauchten. "Schluss mit der Korruption", stand am Montag bei den Massenprotesten auf den Plakaten, und: "Für ein besseres Brasilien".

Auch der Parlamentarier und frühere Fußballstar Romario de Faria Souza unterstützt die Proteste, prangert er selbst doch seit langem die Verfehlungen an: "Ich wusste, dass Brasilien ein korruptes Land ist, aber jetzt, wo ich in der Politik bin, sehe ich, dass es viel schlimmer ist als erwartet."

  • Umsiedlungen

Für die sportlichen Großereignisse baut Brasilien in großem Stil um, Tausende Menschen werden umgesiedelt. Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren das Vorgehen der Behörden: Den Anwohnern werden zwar im Gegenzug Wohnungen angeboten, die aber teils weit entfernt von ihrem jetzigen Wohnort liegen. Die Zwangsräumungen und Umsiedlungen verstießen teilweise gegen Menschenrechtsstandards, warnte die Uno-Sonderberichterstattungen Raquel Rolnik am Freitag, einen Tag vor Anpfiff des Confederations Cup. Die Demonstranten schrieben auf Plakate: "Während die Welt zusieht, wie Männer mit dem Ball spielen, sind mehr als 250.000 Menschen obdachlos."

Präsidentin Rousseff versucht nun, die Lage zu beruhigen. "Friedliche Demonstrationen sind legitim. Es liegt in der Natur der Jugend zu demonstrieren", sagte sie am Montag ausweichend. Doch gerade die jungen Brasilianer fühlen sich von ihr nicht repräsentiert. Etwa 200 Menschen besetzten am Montagabend in der brasilianischen Hauptstadt Brasília kurzzeitig Teile des Dachs des Nationalkongresses.

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Brasilien: Ausschreitungen bei Protesten

Foto: EVARISTO SA/ AFP
Mit Material von AP