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Brasilien: Wo Frauen wie Freiwild behandelt werden

Foto: Paulo Whitaker/ REUTERS

Misogynie "Der gefährlichste Ort für eine Frau in Brasilien: die eigenen vier Wände"

Häusliche Gewalt ist in Brasilien weit verbreitet - und oft sehr brutal. Nun will die Regierung die Waffengesetze lockern, Exzesse gegen Frauen könnten dadurch noch zunehmen.
Von Klaus Ehringfeld, Manaus

Für Floresmar Ferreira, Brasiliens bekannteste Frauenrechtlerin, ist der Horror alltäglich: "Männer übergießen ihre Frauen mit Benzin und stecken sie an oder schlagen sie mit Vorschlaghämmern einfach tot." Fast jeden Tag klingle das Nottelefon ihrer Bewegung. "Der gefährlichste Ort für eine Frau in Brasilien ist nicht die Straße, es sind die eigenen vier Wände", sagt sie.

Eine Frau rief an, weil ihr Mann sie schlug und mit einer Machete auf sie einstach. "In seiner Wut trennte dieser ihr fast beide Arme ab", zürnt Ferreira. Der Mann konnte fliehen, sein Opfer überlebte schwer verletzt. Ihr Vergehen aus der Sicht des Täters: Sie wollte sich von ihrem Peiniger trennen - und die Polizei habe nichts getan, wie so oft, sagt Ferreira.

Das sei nur ein Beispiel von Tausenden, versichert sie. Die 57-Jährige ist die Vorsitzende des Movimento de Mulheres Solidárias do Amazonas (Musas), der "Bewegung der solidarischen Frauen im Amazonas". "Frauen waren in Brasilien schon immer Freiwild", sagt sie. Aber sollte Präsident Jair Bolsonaro mit seinem Dekret durchkommen, das den Schusswaffenbesitz lockert und das Tragen von Revolvern erleichtern soll, seien sie "zum Abschuss freigegeben.

Brasilien verbindet man mit Leichtigkeit und Lebensfreude. Aber im größten Land Lateinamerikas endet dies für Frauen an der Türschwelle. Männer fänden noch immer, dass ihre Lebensgefährtinnen ihr Eigentum seien, mit dem sie machen könnten, was sie wollten. Dazu gehört eben auch das Töten, wenn die Freundin widerspricht, die Frau sich trennen oder die Partnerin gerade keinen Sex will. "Und nun, wo man noch leichter an Waffen kommt, werden noch mehr Frauen sterben", sagt die Musas-Chefin voraus.

Musas-Chefin Floresmar Ferreira warnt vor Waffenwahn

Musas-Chefin Floresmar Ferreira warnt vor Waffenwahn

Foto: Klaus Ehringfeld

Lateinamerika und die Karibik gehören für Frauen nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ohnehin zu den gefährlichsten Regionen der Welt. Laut der WHO haben hier zwischen 27 und 40 Prozent aller Partnerinnen Gewalterfahrungen in ihren Beziehungen gemacht. Brasilien ist in dieser Statistik weit oben, wie die Uno-Organisation UN Woman und brasilianische Forscher berichten.

Die Gewalt gegen Frauen im Land gleicht einer Epidemie

Nach einer Berechnung des Rechtswissenschaftlers Jefferson Nascimento von der Universität São Paulo wurden allein in den ersten zwei Monaten des Jahres 207 Frauen Opfer eines Mordes. 137 Andere überlebten eine lebensgefährliche Attacke. Die Zeitung "O Globo" nennt die Gewalt gegen Frauen im Land eine Epidemie.

"In Lateinamerika existiert eine große Toleranz gegenüber Gewalt gegen Frauen und Mädchen, warnt UN-Woman-Regionaldirektorin Luiza Carvalho. "Diese Gewalt gilt in vielen Ländern der Region als normal." Dementsprechend bleiben neun von zehn Verbrechen an Frauen ungesühnt. Besonders betroffen von Gender-Gewalt sind in Lateinamerika neben Brasilien auch Kolumbien, Mexiko und El Salvador.

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Brasilien: Wo Frauen wie Freiwild behandelt werden

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Der neue rechtsradikale Präsident Bolsonaro hat seine ganz eigene Idee, wie man die Gewalt gegen Frauen stoppen kann: Eine Pistole in der Handtasche sei effizienter als schärfere Strafen. Kurz nach Amtsantritt lockerte er per Dekret zum ersten Mal das Waffenrecht. Wer 25 Jahre alt und nicht vorbestraft ist, darf künftig bis zu vier Feuerwaffen erwerben. Das Volk habe schließlich ein "Recht auf Selbstverteidigung". Anfang Mai folgte dann der nächste Schritt: Jetzt dürfen Anwälte, Lastwagenfahrer, Jäger, Journalisten, Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen, Sportschützen und allgemein "Landbewohner" eine Waffe tragen. Zwar kassierte der Senat das Dekret vorläufig, aber damit ist es nicht vom Tisch. Das Parlament muss jetzt entscheiden.

Dieser "Wildwest-Erlass" könne die Gewalt weiter anheizen, warnen Kritiker wie Melina Risso vom "Instituto Igarapé", einem Thinktank zu Sicherheitsfragen in Rio de Janeiro: "Das Dekret sorgt nicht für mehr Sicherheit, sondern für mehr Blutvergießen", fürchtet Risso. Der südamerikanische Staat ist ohnehin einer der tödlichsten Orte der Welt. Allein 2017 wurden täglich 175 Morde verübt, insgesamt starben 64.000 Menschen eines unnatürlichen Todes. Nirgendwo sonst sterben außerhalb von Kriegsgebieten so viele Menschen.

"Frauenhass wird radikalisiert und legitimiert"

Vor allem aus der Sicht von Frauen sind die neuen Waffenregeln gefährlich: "Männer fühlen sich noch stärker im Recht, Gewalt anzuwenden", sagt Annette von Schönfeld von der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro. "Frauenhass wird so radikalisiert und legitimiert."

Die Frauen der Musas-Organisation in Manaus machen diese Erfahrung jeden Tag. Seit dem Erlass des Dekrets stehe die Hilfshotline kaum noch still, berichtet Floresmar Ferreira. "Die Kultur der Gewalt blüht regelrecht auf."

Deshalb organisieren Frauenverbände den Protest von Amazonien im Norden bis Rio Grande do Sul im Süden. Sie rufen zu Demonstrationen auf, sammeln Unterschriften, gehen in Kirchen, um Druck auf Abgeordnete und Senatoren auszuüben. Der Widerstand muss sich in eine "Ação popular" verwandeln, sagt die Feministin Ferreira. In eine Volksbewegung.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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