Bolsonaro gegen Haddad Brasiliens Schicksalswahl

120 Millionen Brasilianer müssen sich entscheiden: Rechter Hardliner oder Kandidat der von vielen verhassten Arbeiterpartei? Die Entscheidung könnte fatale Folgen haben. Alle Fakten zur Stichwahl.
Bolsonaro-Anhänger bei einer Wahlkampfveranstaltung in Rio de Janeiro

Bolsonaro-Anhänger bei einer Wahlkampfveranstaltung in Rio de Janeiro

Foto: Leo Correa/ AP

Es war ein besorgniserregendes Statement eines Präsidentschaftskandidaten kurz vor der Wahl: Er werde das Ergebnis nur akzeptieren, wenn er selbst der Sieger sei, verkündete Jair Bolsonaro. Im Falle des rechten Hardliners wunderte diese Aussage wohl nur noch wenige - hatte er in der Vergangenheit doch schon Brasiliens Militärdiktatur verherrlicht, Säuberungen angekündigt und sich für Folter und Selbstjustiz ausgesprochen.

Tatsächlich könnte Bolsonaro mit seiner Mischung aus Hass, Härte und Hetze am Ende der demokratische Sieger der Präsidentschaftswahl in Brasilien werden: An diesem Sonntag geht er als Favorit in die Stichwahl in Lateinamerikas größtem Land. In letzten Umfragen lag er mit 54 bis 55 Prozent der Stimmen deutlich vor seinem Herausforderer Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei PT, der auf 44 bis 45 Prozent kam. Allerdings konnte Haddad zuletzt noch aufholen.

Für viele der 120 Millionen wahlberechtigten Brasilianer ist die Wahl nicht nur die wichtigste seit dem Ende der Militärdiktatur 1985, sondern auch eine der schwersten: Zum einen herrscht Angst vor der Diktatur - doch zum anderen fällt vielen die Wahl zwischen einem Vertreter der Arbeiterpartei und dem "Trump der Tropen" schwer. Weil in Brasilien die Wahlpflicht herrscht, könnte der Anteil der ungültigen Stimmen groß sein. Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Welche Themen haben den Wahlkampf bestimmt?

Brasilien leidet seit Jahren unter einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise. Millionen Brasilianer haben in der Rezession ihre Jobs verloren, das Schulsystem ist marode und ungerecht, die öffentliche Gesundheitsversorgung vielerorts schlecht. Hinzu kommt, dass die Gewalt im Land noch weiter zugenommen hat, allein im vergangenen Jahr starben mehr als 60.000 Menschen an den Folgen. Öffentliche Sicherheit und Korruption sind deshalb die Themen, die die Brasilianer bewegen. Hinzu kommen Bildung, Gesundheitsversorgung und wirtschaftlicher Aufschwung.

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Präsidentschaftswahl: Brasilien vor Rechtsruck

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Lange ging es im Wahlkampf aber vor allem um eine Frage: Darf der gleichermaßen beliebte wie verhasste Ex-Präsident Luíz Inácio Lula da Silva im Oktober noch einmal antreten? Seine Kandidatur hatte Lula aus der Gefängniszelle heraus bekannt gegeben, lange führte er in den Umfragen vor Bolsonaro. Doch im September votierte das Oberste Wahlgericht gegen die Zulassung von Lula. Haddad rückte an seine Stelle - und schlug sich gut, 29 Prozent stimmten im ersten Wahlgang am 8. Oktober für ihn.

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Wahl in Brasilien: Idole für Bolsonaro

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Seitdem hat sich Haddad von seinem Vorbild Lula gelöst. Ein wichtiger Schritt, um bei der Stichwahl Kritiker Lulas und der Arbeiterpartei PT von sich zu überzeugen. Denn viele Brasilianer sind von Partei und Ex-Präsident enttäuscht, machen sie für Korruption und Krise verantwortlich.

Bolsonaro profitiert von dieser Ablehnung: Manche würden lieber ihm ihre Stimme geben, als für die PT zu stimmen. Doch er hat auch seine ganz eigene Anhängerschaft: Vor allem bei der weißen Mittel- und Oberschicht, bei Evangelikalen, Unternehmern und Großgrundbesitzern ist Bolsonaro äußerst beliebt.

Im Video: Rassistisch und homophob - warum Bolsonaro dennoch erfolgreich ist

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Was droht unter Bolsonaro?

Bolsonaro hat klar autokratische Tendenzen, er verherrlicht und verharmlost die Militärdiktatur. Mit ihm würden rund 30 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur Generäle zurück an die Macht kommen, er will das Waffengesetz lockern und der Polizei mehr Befugnisse im Kampf gegen die Gewalt geben. Außerdem hat er ein härteres Vorgehen gegen Straftäter angekündigt und will die Strafmündigkeit senken. Auch für die Umwelt könnte ein Erfolg Bolsonaros fatal sein: Er will das Klimaabkommen von Paris aufkündigen, den Umweltschutz im Amazonasgebiet lockern und ist gegen den Ausbau von indigenen Schutzgebieten.

Wird Brasilien unter Bolsonaro zur Diktatur?

Ein Wahlsieg Bolsonaros wäre auf jeden Fall besorgniserregend und eine Bedrohung der noch jungen brasilianischen Demokratie. Doch aller Korruption und allem berechtigten Misstrauen in brasilianische Parteien, Politiker, Gerichte und Polizei zum Trotz: Bolsonaro wird nach seiner Amtsübernahme nicht gänzlich unkontrolliert regieren. In Brasilien muss der Präsident vor jeder wichtigen Abstimmung im Kongress die Regierungsmehrheit neu verhandeln; es gibt weder Fraktionszwang noch Fünfprozenthürde.

Das birgt zwar angesichts der Dutzenden Parteien, die meist im Parlament sitzen, die Gefahr, dass sich Mehrheiten erkauft werden. Allerdings ist es zugleich auch für die Opposition eine Chance, den Präsidenten zu stoppen.

Die demokratischen Institutionen im Land haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie Politiker kontrollieren können. Die Justiz ist seit Jahren dabei, den größten Korruptionsskandal "Lava Jato" (Autowäsche) aufzuarbeiten und geht dabei auch gegen Politiker vor, viele - wie eben auch Ex-Präsident Lula - sitzen Haftstrafen ab.

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