Brasilien "Scheich Lula" umgarnt die Kanzlerin

Präsident Lula da Silva lobte die Kanzlerin, Merkel ihren Gastgeber - doch die gute Laune beim Staatsbesuch in Brasilien täuscht über die Meinungsverschiedenheiten hinweg: Lula jubelt über die jüngsten Ölfunde, setzt auf bedingungsloses Wachstum, ohne Rücksicht auf Umweltfragen.

Brasília - Als erstes verlangte der Präsident nach dem SPIEGEL. Vor dem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Regierungspalast "Palacio do Planalto" in Brasília bat Brasiliens Staatschef Luis Inacío Lula da Silva um die aktuelle Ausgabe des Nachrichtenmagazins, er wollte mit seinem Gast über das SPIEGEL-Gespräch mit ihm plaudern, das diese Woche erschienen ist.

Merkel, Lula: Gute Laune beim Treffen mit Brasiliens Staatschef

Merkel, Lula: Gute Laune beim Treffen mit Brasiliens Staatschef

Foto: REUTERS

"In einigen Jahren könnt ihr mich Scheich Lula nennen", verkündete der sichtlich gut gelaunte Präsident, als er nach über einer Stunde Plausch mit Frau Merkel vor die Presse trat: Er hatte in dem Gespräch angekündigt, dass Brasilien nach den jüngsten Ölfunden demnächst in die Opec eintreten will.

Brasiliens Staatschef strotzt derzeit vor Stolz und Selbstvertrauen. Die Wirtschaft brummt, auf internationalem Parkett ist Lula ein angesehener und gefragter Gesprächspartner; jüngste Umfragewerte zeigen, dass er im Volk auch fünf Jahre nach seinem Amtsantritt äußerst beliebt ist. Nicht einmal der Rücktritt seiner Umweltministerin Marina Silva vor zwei Tagen trübte seine gute Laune, als er Angela Merkel auf der Rampe des Regierungspalasts begrüßte.

Es ist der erste offizielle Staatsbesuch eines deutschen Regierungschefs seit über sechs langen Jahren, betonte Lula mehrmals - da schwang Kritik mit. Berlin hat die Beziehungen zu Südamerikas Wirtschaftsgigant in den vergangenen Jahren nicht besonders gepflegt, die vielbeschworene strategische Partnerschaft ist im Getriebe der Routine-Diplomatie versandet.

Dass Kanzlerin Merkel nicht einmal 48 Stunden in Brasilien weilt und nur ein diplomatisches Pflichtprogramm abspult, hat die Brasilianer enttäuscht, auch wenn sie es sich nicht anmerken lassen.

Dabei hat gerade Lula ein besonderes Herz für Deutschland: Im privaten Gespräch erzählt er gern von Helmut Schmidt, der den damaligen Gewerkschaftsführer in den siebziger Jahren als weltweit erster Regierungschef empfing – eine Geste, die der Gefühlsmensch Lula nie vergessen hat.

Er erinnert gern an die Friedrich-Ebert-Stiftung, die seiner Arbeiterpartei PT bei der Gründung in den achtziger Jahren zur Seite gestanden hat ("Was machen die eigentlich heute, man hört gar nichts mehr von denen?"), und er lobt die IG Metall, die dem ehemaligen Dreher Lula bei so manchem Streik internationale Solidarität erwiesen hat.

Freundschaft und Loyalität schätzt Lula über alles. Der Rücktritt seiner langjährigen Weggefährtin Marina Silva hat ihn zwar nicht überrascht - Brasiliens Presse berichtet seit Monaten über den Frust der Öko-Ikone, die im Kabinett zuletzt weitgehend isoliert war. Aber dass er von ihrer Entscheidung im Fernsehen erfuhr, hat ihn getroffen. Silva sei wie ein flügge gewordenes Kind, bei dem die Eltern nicht wissen, ob sie es halten oder ziehen lassen soll, sagte Lula, der seine Reden gern mit Metaphern aus dem Familienleben oder dem Fußball schmückt.

Lula setzt in erster Linie auf Wirtschaftswachstum

Brasiliens Umweltpolitik werde sich jedoch nicht ändern, versicherte er Kanzlerin Merkel, die er mit einem Seitenhieb auf Marina Silva als "weitere Ex-Umweltministerin" ansprach: "Sie ist mir ebenso wichtig wie Sozialpolitik".

Das bezweifeln allerdings nicht nur seine Gegner. Lulas Entwicklungskonzept lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Wirtschaftswachstum. Die Ökologen um Marina Silva hemmen in Lulas Augen den wirtschaftlichen Aufstieg: Sie sind gegen den Bau von Kraftwerken, behindern die boomende Agro-Industrie und verschleppen die Asphaltierung dringend benötigter Straßen.

Mehrmals hatte Lula seine Umweltministerin öffentlich desavouiert: Als Marina Silva unter Berufung auf Satellitenaufnahmen aus dem Amazonasgebiet warnte, dass die Abholzung im vergangenen Jahr wieder zugenommen habe, bezweifelte Lula öffentlich die Zahlen und watschte die Ministerin ab. In Wirklichkeit sei die Abholzung um knapp 60 Prozent zurückgegangen, behauptete der Präsident gestern wieder.

Angela Merkel hörte Lulas Ausführungen freundlich zu, sie lobte Brasiliens umweltfreundliche Ethanolmotoren und die Gewinnung von Treibstoff aus Zuckerrohr. Aber sie drängt auch auf Transparenz in der Ökopolitik. Daran fehlt es in dem Verwirrspiel um Abholzung und Agrarboom: Lula gibt sich nach außen als Grüner, aber im Herzen ist er ein Mann der Wirtschaft.

Das politische Urviech Lula hat es dank Marina Silva bislang geschafft, das Doppelspiel in der Ökofrage zu kaschieren. "Aber jetzt ist der Kaiser nackt", sagt der Ökologe Roberto Smeraldi. Die Deutschen werden wohl als erste spüren, woher der Wind weht: Merkel und Lula haben Zusammenarbeit bei dem neuen Plan für eine nachhaltige Entwicklung Amazoniens (Pas) vereinbart, dem wichtigsten Projekt der Regierung Lula für das Amazonasgebiet.

Lulas neue Pläne erinnern an die Siebziger Jahre

Pas wurde noch von Marina Silva entworfen, aber Lula hat das Projekt Mangabeira Unger übertragen, dem Minister für strategische Angelegenheiten. Das war eine Ohrfeige für die Ministerin und Anlass für ihren Rücktritt.

Harvard-Professor Mangabeira Unger, der erst vor wenigen Jahren aus den USA zurückgekehrt ist und Portugiesisch mit amerikanischem Akzent spricht, ist die schillerndste Figur in Lulas Kabinett. Er drängt auf eine rasche Besiedlung des Amazonasgebiets, um es vor ausländischen Invasionen zu schützen. Jüngst schwadronierte er über den Bau riesiger Pipelines, mit denen er Wasser aus dem Amazonas in die armen Gebiete des Nordostens umleiten will. Die Milliarden für das Pas sollen in erster Linie dem Aufbau von Industrien und Infrastruktur im Amazonasgebiet dienen.

Tatsächlich verbirgt sich hinter der Fassade des Intellektuellen ein knallharter Nationalist, in der wirtschaftlichen Erschließung des Amazonasgebiets sieht er Brasiliens Zukunft als wirtschaftliche und politische Supermacht. Seine Rhetorik erinnert an die siebziger Jahre, als die Militärregierung mit illusorischen Versprechungen Hunderttausende Siedler in das Amazonasgebiet lockte. Das Elend im Urwald ist zu einem großen Teil dieser verfehlten Entwicklungspolitik zuzuschreiben.

Mangabeira Unger hat durch Marina Silvas Rücktritt politisch an Gewicht gewonnen. Der Professor nimmt kein Blatt vor den Mund; über mangelnde Transparenz braucht Frau Merkel bei ihrem nächsten Besuch bestimmt nicht zu klagen.

Aber die Ideologie des neuen Amazonasstrategen dürfte so manchem Ökologen Schauer über den Rücken jagen.

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