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Ölpest in Brasilien: Verschwörungstheorien statt Vorsorge

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Naturzerstörung in Brasilien Schuld sind immer die Umweltschützer

Erst Amazonas-Brände, nun Ölpest: Brasilien leidet unter der Profitgier, mit der Präsident Bolsonaro die Zerstörung der Natur in Kauf nimmt. Aber die Regierung macht "Ökoterroristen" für die Katastrophen verantwortlich.

Fast zwei Monate, nachdem die ersten schwarzen Ölplacken an den Stränden im Nordosten Brasiliens angeschwemmt wurden, rätseln Experten immer noch über die Ursachen des Desasters. Mehr als 200 Strände sind verdreckt; bis in den Süden des Bundesstaats Bahia zieht sich die Spur des zähen schwarzen Schlamms.

Nur so viel weiß man: Das Öl stammt von einem Schiff etwa 600 Kilometer vor der Küste. Aber von welchem? Da das Öl von Strömungen unter der Meeresoberfläche an die Strände geschwemmt wurde, konnten Satelliten seine Spur nicht zum genauen Ursprung verfolgen. Hat ein Tanker heimlich auf hoher See seine Tanks ausgewaschen? Seelenverkäufer ohne Registrierung schippern zu Dutzenden über die Weltmeere. Allein zum Zeitpunkt des Unglücks kreuzten Hunderte Schiffe in den Gewässern.

Nach den Brandrodungen im Amazonasgebiet ist die Ölpest an den Stränden bereits die zweite große Umweltkatastrophe in Brasilien in diesem Jahr. Weniger spektakuläre Ökodramen werden kaum noch wahrgenommen:

  • Ein neuer Goldrausch lockt zurzeit Zehntausende illegaler Goldsucher ins Amazonasgebiet. Selbst die rosafarbenen Flussdelfine, ein Symbol des Amazonas, sind mittlerweile mit Quecksilber verseucht, das die Goldsucher benutzen, um das Edelmetall vom Geröll zu trennen.
  • Auf den riesigen Soja- und Maisplantagen im mittleren Westen des Landes verseuchen Pestizide Luft und Wasser, die in Europa zum Teil seit Jahrzehnten verboten sind.

Für den Raubbau an der Natur ist nicht allein die Regierung des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro verantwortlich. Er ist Folge eines Entwicklungsmodells, das weitgehend auf der Ausbeutung von Bodenschätzen basiert. Aber Bolsonaro, seit einem Jahr im Amt, ermuntert die illegalen Goldsucher und Holzfäller sogar dazu, sich schadlos zu halten; die Förderung von Tiefseeöl vor der brasilianischen Küste will er ebenfalls ausbauen. Die Folgen für Mensch und Natur? Spielt der Präsident herunter. Ein Notfallplan für die Ölpest wurde erst nach mehr als 40 Tagen in Kraft gesetzt. Unterdessen verbreitet die Regierung Verschwörungstheorien.

Propagandakrieg gegen Greenpeace

Umweltminister Ricardo Salles glaubt zu wissen, wer für das Desaster verantwortlich ist: Die Umweltschützer von Greenpeace. Es sei "ein seltsamer Zufall", dass ein Greenpeace-Schiff just vor der brasilianischen Küste aufgekreuzt sei, als das Öl die Strände verschmutzte, twitterte er.

Einen Tag zuvor hatten Greenpeace-Aktivisten schwarze Farbe vor dem Regierungspalast in Brasilia verschüttet, um gegen die Umweltpolitik zu protestieren, 16 Demonstranten wurden vorübergehend festgenommen.

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Ölpest in Brasilien: Verschwörungstheorien statt Vorsorge

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Im Propagandakrieg gegen die Umweltschutzorganisationen bedient sich Brasiliens Regierung eines ganzen Arsenals an Verleumdungen und schmutzigen Tricks - immer nach dem Motto: Irgendwas wird schon hängenbleiben.

Zwar habe die Analyse der Rohölklumpen ergeben, dass sie von venezolanischen Ölfeldern stammen, verkündete der staatliche Ölkonzern Petrobras. "Das bedeutet aber nicht, dass zu irgendeinem Zeitpunkt private oder öffentliche Sektoren Venezuelas verantwortlich involviert waren", räumte der Oberbefehlshaber der brasilianischen Marine ein.

Aber herauszufinden, wer tatsächlich der Verursacher der Ölpest ist, scheint Bolsonaro und seine Leute ohnehin nicht zu interessieren. Sie inszenieren sich lieber als Opfer einer internationalen Kampagne von Kommunisten und "Ökoterroristen", wie Salles die Greenpeace-Leute nennt. Es ist ein Versuch, vom eigenen Versagen abzulenken. (Lesen Sie hier eine ausführliche Bilanz der Regierung Bolsonaro )

Horrorbilder offenbaren die Inkompetenz der Behörden

Denn die Katastrophe an den Stränden ist für das Ansehen des Präsidenten weitaus gefährlicher als der brennende Regenwald. Im Gegensatz zum Amazonas sind die paradiesischen Strände des Nordostens ein beliebtes Urlaubsziel seiner Landsleute. Hunderttausende Menschen sind von den Einnahmen aus dem Tourismus abhängig. Millionenstädte wie Recife und Salvador da Bahia sind betroffen.

Die Horrorbilder von einstigen Traumstränden, wo verzweifelte Anwohner und Fischer mit bloßen Händen den schwarzen Schlamm von Sand und Steinen kratzen, offenbaren das ganze Ausmaß der Inkompetenz der Behörden. Vielerorts gab es nicht einmal genug Gummihandschuhe für die Freiwilligen. Die Staatsanwaltschaft verkündete jetzt, dass sie die Regierung verklagen will, weil sie ihrer Schutzverpflichtung gegenüber der Bevölkerung nicht nachkomme.

Im Video: Rätselhafte Ölpest in Brasilien

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Anfang November will die Regierung die Rechte zur Ausbeutung mehrerer Ölfelder vor der Küste von Rio de Janeiro versteigern. Es geht um Vorkommen von sechs bis 15 Milliarden Barrel, die in mehr als 5000 Meter Tiefe lagern. Bolsonaro unterstellt, dass die Ölpest ein Werk von "Saboteuren" sei, die dieses "Megageschäft" torpedieren wollten.

Vielmehr ist es aber der Präsident selbst, der zum Risikofaktor für die wirtschaftliche Entwicklung wird: Von den Milliarden Dollar an Tantiemen, die der brasilianische Staat jedes Jahr von den Ölkonzernen kassiert, die vor seiner Küste fördern, fließt nicht ein Cent in Vorsorgemaßnahmen. Auf ein Unglück bei der Förderung des Tiefseeöls vor Rios Küste ist die Regierung nicht vorbereitet.

Diese Vorstellung dürfte nicht nur Umweltschützern Albträume bereiten, sondern hoffentlich auch potenziellen Investoren.

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