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04. Juni 2007, 15:41 Uhr

Brasilien und G 8

Lula setzt auf grünes Gold

Von , Rio de Janeiro

Wegen Abholzung und Brandrodung im Amazonasgebiet steht Brasiliens Präsident da Silva international am Pranger. Nun will er sein Land in Heiligendamm als Vorreiter in Sachen Klimaschutz präsentieren. Sein Thema: Ethanol, der Treibstoff aus Zuckerrohr.

US-Präsident George W. Bush hat an dem Stoff geschnüffelt, als er auf Staatsbesuch in Brasilien war; auch der Papst hat sich bei seinem Besuch in São Paulo schon die Vorzüge des Gebräus erklären lassen. In dieser Woche wird Brasiliens Staatschef Luiz Inácio "Lula" da Silva nun auch seine Amtskollegen beim G-8-Gipfel in Heiligendamm über die Qualitäten der Flüssigkeit belehren, die Brasilien innerhalb weniger Jahre in eine Energiesupermacht verwandeln soll: Ethanol, Treibstoff aus Zuckerrohr.

Luiz Inácio da Silva: Statt Mais und Bohnen Zuckerrohr anbauen
REUTERS

Luiz Inácio da Silva: Statt Mais und Bohnen Zuckerrohr anbauen

Seit Monaten reist Lula als Handelsvertreter in Sachen Biotreibstoff um die Welt. Brasilien ist weltweit führend bei der Produktion von Alkohol aus Zuckerrohr, neuerdings investiert die Regierung auch in die Entwicklung von Biodiesel. Über 80 Prozent aller in Brasilien gefertigten Autos werden inzwischen mit Flex-Motoren ausgeliefert, sie laufen wahlweise mit Benzin, Alkohol oder einem Gemisch aus beidem.

Der Biotreibstoff hat zwei unbestreitbare Vorteile: Er ist erneuerbar und schadstoffärmer als herkömmliches Benzin. Lula, der wegen der Abholzung und Brandrodung im Amazonasgebiet international am Pranger steht, will sein Land in Heiligendamm daher als Vorreiter in Sachen Klimaschutz präsentieren.

Früher kam der ehemalige Gewerkschaftsführer mit Programmen zur Armutsbekämpfung zu den Weltwirtschaftsgipfeln. Das Hungerbekämpfungsprogramm "Fome Zero" war das Aushängeschild seiner ersten Amtszeit. Heute redet kaum ein brasilianischer Regierungsvertreter noch von "Fome Zero". Lula tritt lieber als selbstbewußter Vertreter einer kommenden Energiesupermacht auf.

Brasilianer wittern Chance auf dem Weltmarkt

Dabei ist Treibstoff aus Alkohol in Brasilien eigentlich ein alter Hut: Die Militärregierung hatte während der Ölkrise in den siebziger Jahren das Programm "Proalcool" aufgelegt. Mit Steueranreizen versuchten sie, die Autoindustrie und die Konsumenten für den Zucker im Tank zu begeistern. Die Erfolge waren durchwachsen: Autos mit Alkoholantrieb stotterten beim Anfahren und verbrauchten mehr Treibstoff als Benziner, der Preis für den Biotreibstoff schnellte trotz gegenteiliger Versprechen in die Höhe. Bis Ende der neunziger Jahre ging der Anteil von alkoholgetriebenen Autos in Brasilien stetig zurück.

Jetzt hat die Regierung den Biotreibstoff wieder entdeckt. Die Autoindustrie, allen voran VW do Brasil, hat moderne Motoren entwickelt; der rasante Anstieg der Ölpreise hat Alkohol an den Zapfsäulen wieder wettbewerbsfähig gemacht. Vor allem aber wittern die Brasilianer eine Chance, dass ihr Alkohol zu einem Renner auf dem Weltmarkt wird.

Die US-Regierung plant, den Anteil von Alkohol im Benzin von derzeit 2,5 Prozent auf 15 Prozent im Jahr 2017 zu erhöhen, bei seinem Staatsbesuch in Brasilien im März schlossen US-Präsident Bush und Brasiliens Staatschef Lula ein Abkommen zur Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Biotreibstoffen. Die Europäische Union will bis 2020 Benzin und Diesel zehn Prozent Biokraftstoff beimischen. Das eröffnet theoretisch riesige Exportchancen für Brasilien.

Kein Land ist so gut gerüstet für den Boom bei Biotreibstoffen: Südamerikas Wirtschaftsgigant besitze die Anbaufläche, das Klima und das Know-how, um sich zu einem "grünen Saudi-Arabien" zu entwickeln, schwärmen Politiker und Agrolobby. Firmen aus den USA und Japan investieren Milliarden in Brasiliens Zuckerrohrindustrie. In den kommenden sechs Jahren wollen brasilianische Unternehmer über 70 neue Zuckerrohrfabriken errichten, das Investitionsvolumen beträgt über 14 Milliarden US-Dollar. Im vergangenen Jahr produzierte Brasilien erstmals mehr Alkohol als Zucker.

Wo Plantagenarbeiter wie Tiere gehalten werden

Doch Experten warnen vor übertriebener Euphorie. Um den Export anzukurbeln müsste Brasilien zahlreiche Hemmnisse überwinden: Die USA erheben auf brasilianisches Ethanol hohe Schutzzölle. In den USA wird Alkohol aus Mais gewonnen. Die Amerikaner können mit den billigen Produktionskosten in Brasilien nicht mithalten, auf Druck der mächtigen Lobby der Maisfarmer werden deshalb die Importe verteuert.

Auch Europa droht den Brasilianern mit Handelsbarrieren für ihr Ethanol: Ein Gesetzesprojekt der EU will den Produzentenländern Umweltauflagen verordnen. Ähnlich wie bei Tropenholz soll nur Alkohol aus ökologisch einwandfreiem Anbau importiert werden.

Umweltschützer fürchten, dass die Ausweitung der Anbaufläche für Zuckerrohr und Soja (für die Produktion von Biodiesel) den Amazonasurwald bedrohen. Auch das Naturparadies Pantanal in Mato Grosso, Südamerikas größtes Überschwemmungsgebiet, leidet: Rückstände von Pestiziden aus den Zuckerrohr- und Soja-Plantagen verseuchen die Flüsse, die das Pantanal speisen.

Lula hat wenig Sinn für Flora und Fauna

Präsident Lula hat zwar versprochen, dass nur degenerierte Böden für den Anbau von Zuckerrohr und Soja verwendet werden sollen. Aber wie die Regierung die Agroindustrie überprüfen will, hat er nicht gesagt. Umweltpolitik ist nicht Lulas Stärke: Als ehemaliger Metallgewerkschaftler hat er wenig Sinn für den Schutz von Fauna und Flora, ihm geht es vor allem um Wirtschaftswachstum.

Auch die Arbeitsbedingungen der Zuckerrohrschneider könnten sich zu einem Handelshemmnis entwickeln. Vor allem im armen Nordosten herrschen immer noch Verhältnisse wie zu Zeiten der Sklaverei. Die Arbeiter leben in einer Art Leibeigenschaft von den Usineiros, den Besitzern der Zuckermühlen. Selbst im Bundesstaat São Paulo, wo sich die modernsten Anlagen zur Ethanol-Produktion konzentrieren, hausen Arbeiter wie Tiere auf den Plantagen.

Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften drängen jetzt darauf, dass die Europäische Union nur Ethanol von Zuckerrohrfabriken importiert, die bei den Arbeitsbedingungen einen Mindeststandard einhalten. Die Brasilianer verurteilen diese Forderungen als "Protektionismus".

Präsident Lula will seine Amtskollegen in Heiligendamm nun überzeugen, dass der zu erwartende Boom bei Bio-Treibstoffen einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten könnte: Statt Mais und Bohnen sollen auch Kleinbauern zukünftig Zuckerrohr, Soja und andere Pflanzen zur Produktion von Treibstoff anbauen.

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