Demokratie in Lateinamerika Brasilianer sind am unzufriedensten

Korrupte Politiker, hohe Arbeitslosigkeit: Nur sechs Prozent der Brasilianer sehen ihr Land auf einem guten Weg.

Proteste in São Paulo, Brasilien
AFP

Proteste in São Paulo, Brasilien


Knapp neun von zehn Brasilianern sagen: Die aktuelle politische Lage in meinem Land ist schlecht. Damit sind die Bewohner Brasiliens im Vergleich zu anderen Ländern Lateinamerikas am unzufriedensten mit der Demokratie in ihrem Staat.

In dem jährlich erstellten Latinobarómetro 2017 bewerten 87 Prozent die Situation als negativ. Nur sechs Prozent sehen das Land auf einem guten Weg. Grund sind zahllose Korruptionsskandale, auch um den brasilianischen Präsidenten Michel Temer.

Damit ist das größte Land der Region gemeinsam mit dem Krisenstaat Venezuela Schlusslicht der Umfrage - nach über 120 Toten bei Demonstrationen und der Entmachtung des Parlaments sind auch in Venezuela nur noch 13 Prozent mit der Lage zufrieden. Die höchste Zustimmung zur aktuellen Politik gibt es demnach mit 57 Prozent in Uruguay, gefolgt von Nicaragua, Ecuador und Costa Rica. Mit Blick auf den politischen und ökonomischen Fortschritt zeigten sich die Menschen in Nicaragua und Bolivien am zuversichtlichsten. Als Datengrundlage dienten rund 20.000 Interviews in 18 Ländern, die Erhebung gibt es seit 1995.

Der 76-jährige Temer hatte 2016 die Macht nach der Amtsenthebung der linken Präsidentin Dilma Rousseff übernommen. Die Zustimmung zu ihm liegt bei nur noch knapp fünf Prozent, immer wieder gibt es heftige Proteste. In einem Jahr findet die nächste Präsidentschaftswahl statt.

Temer soll jahrelang Schmiergelder kassiert haben, eine Klage wegen Korruption liegt gegen ihn vor. Brasiliens Generalstaatsanwalt Rodrigo Janot hat kürzlich eine weitere Klage gegen den Präsidenten eingereicht. Laut einer Erklärung wirft der Chefankläger dem Staatschef Behinderung der Justiz und die Führung einer kriminellen Vereinigung vor. Temer weigert sich aber bislang, zurückzutreten.

Auch gegen die beiden ehemaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff hat die Justiz Anklage erhoben. Den beiden Politikern wird die Veruntreuung von Geldern des halbstaatlichen Erdölkonzerns Petrobras vorgeworfen. Die Machenschaften hätten spätestens Mitte 2002 begonnen und bis zum 12. Mai 2016 angedauert, als Lulas Nachfolgerin Rousseff abgesetzt wurde, so die Staatsanwaltschaft.

Die weitverzweigte Petrobras-Affäre erschüttert die brasilianische Politik seit Jahren. In den Skandal sind zahlreiche Geschäftsleute und Politiker verschiedener Parteien verwickelt. Petrobras soll zu überteuerten Bedingungen Aufträge an Baukonzerne und andere Firmen vergeben haben. Diese sollen Bestechungsgelder an Politiker und Parteien gezahlt haben.

In Brasilien gibt es gerade in der Ober- und Mittelschicht viele Befürworter eines Eingreifens des Militärs, denn die Militärdiktatur von 1964 bis 1985 wird von vielen als Phase der Stabilität und ökonomisch positiven Entwicklung gesehen. Brasilien kommt derzeit nur langsam aus der tiefsten Rezession heraus, über 13 Millionen Menschen sind arbeitslos.

Allgemein spiegelt auch das Latinobarómetro 2017 starke Globalisierungsängste wider, zudem nimmt in mehreren Ländern Lateinamerikas der Einfluss rechter Populisten und evangelikaler Sekten auf die Politik stark zu.

lgr/dpa

insgesamt 3 Beiträge
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markus_copacabana 29.10.2017
1. So ein unnötiger Artikel .....
Hallo Spiegel was für ein platter, unnötiger Artikel. Nicht aktuell. Keine Tiefe. für den Spiegel nicht tragbar! zB " Brasiliens Generalstaatsanwalt Rodrigo Janot hat kürzlich eine weitere Klage gegen den Präsidenten eingereicht." Die Klage wurde nach einem langen Prozess in der letzten Woche im Parlament zurückgewiesen.
socializer 29.10.2017
2. @1 so ein Blödsinn
"unnötiger Artikel. Nicht aktuell" also bitte wie platt und unnötig ist dieser Kommentar? > Der Artikel ist vielleicht an sich nicht der nötigste in diesem Themengebiet ABER da wir leider so gut wie keine Informationen über die Lage außerhalb von Deutschland bekommen, ist dieser Artikel wieder. Leider gibt es viel zu wenig Informationen über die Lage in anderen Nationen. Wie viel wissen Sie denn schon über Brasilien oder allgemein andere Südamerikanische Länder? Sie müssten wenn dann explizit nach Informationen suchen und finden selbst dann nur unbefriedigende Ergebnisse. > Aktuell ist dieser Artikel mehr als alles andere. Ich verstehe überhaupt nicht wie Sie zu dieser Aussage kommen. Ich denke nicht das SPON gute Artikel schreibt oder allgemein der Menschheit einen Dienst erweist (eher das Gegenteil) habe mich aber dennoch nur für diesen Kommentar angemeldet.
Stäffelesrutscher 29.10.2017
3.
»Die höchste Zustimmung zur aktuellen Politik gibt es demnach mit 57 Prozent in Uruguay, gefolgt von Nicaragua, Ecuador und Costa Rica.« Vier (Mitte-)Linksregierungen vorne. Und der Oberkorrupti Temer als Schlusslicht. Ziemlich eindeutig, würde ich sagen.
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