Wahlsieger Bolsonaro Mann der Waffen

"Ja, ich bin für die Diktatur": Brasiliens neuer Präsident inszeniert sich als Kämpfer für "Kugel, Rind und Bibel". Wer ist Jair Bolsonaro?
Jair Bolsonaro

Jair Bolsonaro

Foto: Eraldo Peres/ AP

Die Straßen von Rio de Janeiro leuchten am Sonntagabend von Feuerwerkskörpern, überall ertönen Parolen. "Präsident" rufen die Menschen, "Mythos" - sie feiern den Wahlsieg von Jair Bolsonaro.

Dabei galt Bolsonaro lange als Außenseiter, vor wenigen Jahren noch machte die politische Klasse Brasiliens einen Bogen um den Mann. Bolsonaro als Präsident - das konnte man sich nicht vorstellen. Doch am Sonntag setzte er sich in der entscheidenden Stichwahl deutlich gegen den Kandidaten der linken Arbeiterpartei, Fernando Haddad, durch (die Analyse lesen Sie hier).

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Brasilien hat gewählt: Zwischen Jubel und Fassungslosigkeit

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Zuvor war Bolsonaro mit kugelsicherer Weste und begleitet von Polizisten vor die Wahlurne getreten - es wirkte wie ein Sinnbild für den aufgeheizten Wahlkampf. Schuld daran war auch er selbst. Der Mann, der mit zweitem Namen "Messias" heißt und sich mit Aussagen wie "Gott hat mich in dieses Rennen geschickt" auch als solcher stilisiert, stachelte in den vergangenen Monaten Anhänger und Gegner gleichermaßen an.

Auch er selbst wurde Opfer dieses Wahlkampfs. Ein psychisch Kranker rammte ihm bei einer Veranstaltung ein Küchenmesser in den Bauch. Bolsonaro verlor zwei Liter Blut, musste notoperiert werden.

Wer ist der Mann, für den die Mehrheit der Brasilianer stimmte?

Bosonaro, 63, wuchs in einer Kleinstadt im Hinterland von São Paulo auf. Nach dem Schulabschluss ging er zur Armee, wurde Fallschirmjäger und Armee-Hauptmann. Bereits im Jahr 1993 schockierte er als Abgeordneter im Kongress mit der Aussage: "Ja, ich bin für die Diktatur!" Damals war die Demokratie in Brasilien erst acht Jahre alt. Bis heute schwärmt Bolsonaro für die Militärdiktatur, verklärt sie, indem er sie "Revolution" nennt. In seinem Kabinett sollen nun auch Militärangehörige vertreten sein.

Als begabter Redner oder charismatischer Typ gilt Bolsonaro nicht. Aber er hat Kanäle gefunden, über die er seine Hassbotschaften zielsicher an seine Anhänger sendet: YouTube, Facebook, Twitter. Ex-Trump-Chefstratege Stephen Bannon beriet ihn im Wahlkampf, viele nennen ihn auch den "Trump der Tropen".

Wofür steht Bolsonaro politisch?

Bolsonaros Wahlkampf war ein Mix aus rechten Parolen und Religion, sein Motto: "Bala, Boi e Bíblia" - "Kugel, Rind und Bibel". Heißt: Er gilt als Unterstützer der Agrarlobby, will das Waffenrecht liberalisieren und ist strikt gegen Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe. Das kommt vor allem bei den evangelikalen Christen gut an, die in Brasilien immer mehr an Einfluss gewinnen. Viele Pastoren engagierten sich inoffiziell als Wahlkampfhelfer.

Für Aufmerksamkeit sorgten seine schockierenden und gewaltverherrlichenden Aussagen. Sie trafen Schwule, Lesben und Transsexuelle ebenso wie politische Gegner, gegen die er "Säuberungen" ankündigte, "wie sie in der Geschichte Brasiliens noch nie vorgekommen sind". Ein andermal sagte er, sie sollten erschossen werden.

Er erklärte öffentlich, Schwarze seien sogar zum Kindermachen zu dumm. Gewaltverbrecher könne man "nicht wie menschliche Wesen behandeln, die Respekt verdienen", sagte er. Dazu kommt seine Verachtung für Frauen. Eine Frau sei dazu da, Söhne zu gebären. Einer Abgeordneten sagte Bolsonaro, sie habe es nicht verdient, vergewaltigt zu werden, "weil sie sehr hässlich ist". Und bezogen auf seine Tochter: Er habe "geschwächelt", weil er nach vier Söhnen ein Mädchen gezeugt hat.

Doch er schaffte es, sich als Kämpfer gegen zwei große Probleme Brasiliens zu inszenieren: Korruption und Sicherheit. Mehr als 60.000 Menschen starben im vergangenen Jahr durch Gewalt. Mehr als 200 Politiker und Geschäftsmänner werden der Korruption bezichtigt oder sitzen deswegen in Haft. Ex-Präsident Michel Temer soll in krude Deals verwickelt sein, Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva wurde wegen Korruption zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt.

Bolsonaro hat damit einen Nerv getroffen. Seine Methode: Law and Order. Er will das Waffenrecht liberalisieren, das Strafmündigkeitsalter herabsetzen und die Polizei zu einem härteren Vorgehen gegen Kriminelle ermutigen.

Der Antipolitiker - stimmt das?

Bolsonaro pflegt das Image des unbestechlichen Saubermanns - in der Tat, ihm wird keine Korruption angelastet. Und er verkauft sich als Gegenpol zum politischen System, spricht offen über seine Verachtung für die Politikelite.

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Allein, es stimmt nicht. Er selbst gehört der politischen Klasse an, sitzt seit Anfang der Neunzigerjahre im Kongress. Seine Söhne sind auch in der Politik - und seine engsten Mitarbeiter. In Bolsonaros fast 30-jähriger politischer Laufbahn gehörte er bereits neun Parteien an. Es gibt wohl wenige, die mehr mit dem System verbandelt sind als er.

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