Brasilien Wut über "Umwandlungstherapie" für Homosexuelle

Ein Richter in Brasilien ermöglicht Psychologen, Homosexualität als Krankheit zu behandeln. Die Kritik an der Entscheidung ist groß - viele fürchten dahinter den zunehmenden Einfluss Evangelikaler.

Teilnehmer der "Gay Pride Parade" in São Paulo
AFP

Teilnehmer der "Gay Pride Parade" in São Paulo

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Rozangela Justino hat eine ziemlich klare Vorstellung, wie mit Schwulen oder Lesben umzugehen ist. "Homosexualität ist eine Krankheit", sagte die evangelikale Psychologin 2009 der brasilianischen Zeitung "Folha de São Paulo". Einige Jahre später erklärte sie in einem YouTube-Video, es gebe viele Menschen, die unter ihrer Homosexualität litten und diese freiwillig aufgeben wollten.

Mit dieser Einstellung ist sie in Brasilien nicht allein - unter Konservativen, Katholiken und vor allem Evangelikalen ist die Ansicht, Homosexualität sei eine Krankheit, weitverbreitet. In Brasilien ist es Psychologen immerhin seit 1999 verboten, "Umwandlungstherapien" anzubieten. Homosexualität sei keine Krankheit und somit auch nicht behandelbar, stellte der Brasilianische Bundesrat für Psychologie (CFP) damals fest.

Zumindest auf dem Papier könnte damit eigentlich alles geklärt sein. Doch nun ist die Debatte um "Cura Gay", die "Heilung von Schwulen", neu entbrannt: Justino und andere haben sich vor Gericht gegen das Verbot ihres Berufsverbands gewehrt - und recht bekommen. Ein Bundesrichter hob die Entscheidung von 1999 auf. Zwar sei Homosexualität keine Krankheit, heißt es in dem Urteil. Psychologen dürften aber nicht daran gehindert werden, sexuelle Orientierungen und Umorientierungen zu erforschen und Behandlungen anzubieten. In der Praxis ermöglicht es diese Entscheidung Psychologen, künftig Homosexuelle, die "freiwillig" eine sexuelle Umorientierung wünschen, zu therapieren.

"Krank sind die, die diese große Absurdität glauben"

Der Widerstand gegen diesen Richterspruch ist landesweit groß. Der CFP kündigte juristische Schritte an. In den Sozialen Netzwerken machten viele ihrem Ärger Luft. "Es gibt keine Heilung für etwas, das keine Krankheit ist", so der Tenor. "Krank sind die, die diese große Absurdität glauben", schrieb die Sängerin Ivete Sangolo.

Doch es ist nicht nur diese eine Entscheidung, die liberalen Politikern, LGBT und Aktivisten in Brasilien Sorge bereitet. "Wie in verschiedenen Ländern der Welt, leidet auch Brasilien unter einer konservativen Welle", sagte David Miranda, Stadtrat von Rio de Janeiro und einer der wenigen offen schwulen Politiker des Landes, dem "Guardian".

Er ist nicht der einzige der fürchtet, dass liberale Errungenschaften wieder zurückgenommen werden könnten. Viele Brasilianer sind sehr religiös, 125 der 195 Millionen Einwohner gaben beim letzten Zensus an, katholisch zu sein - das sind 65 Prozent der Bevölkerung. Der Glaube prägt die Sexual- und Moralvorstellungen der Gesellschaft. LGBT haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, werden diskriminiert, Angriffe und Morde sind alltäglich. Bislang allerdings war die Gesetzgebung vergleichsweise liberal.

Evangelikale: Mehr Anhänger, mehr Einfluss

In den vergangenen Jahren haben sich jedoch immer mehr Menschen Evangelikalen Freikirchen und Sekten angeschlossen - beim Zensus im Jahr 2000 waren es 26 Millionen, zehn Jahre später bereits 46 Millionen. Und ihr Glaube ist oft deutlich fundamentalistischer als der katholische.

Mit der steigenden Mitgliederzahl wächst auch der Einfluss der Evangelikalen auf Politik und Gesellschaft. Evangelikale sitzen in Parlament, haben Ministerposten inne. In Rio de Janeiro ist Marcelo Crivella seit 2016 Bürgermeister, auch er: ultrakonservativ und evangelikal.

Wie groß der Einfluss ist, bekamen Künstler in Porto Alegre erst kürzlich zu spüren. Nur eine Woche vor der Entscheidung des Richters hatte die Bank Santander in der südbrasilianischen Stadt eine Ausstellung des "Queer Museums" vorzeitig beendet - die Verantwortlichen reagierten damit auf Proteste von Evangelikalen und rechten Gruppen.

In Porto Alegre kam es daraufhin zu Protesten. Für den kommenden Sonntag sind erneut Demonstrationen angekündigt. Tausende haben auf Facebook bereits ihre Teilnahme zugesagt.

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