Massenproteste in Brasilien Präsidentin schweigt nach Krisensitzung

Hunderttausende Menschen protestieren seit zehn Tagen gegen Korruption und soziale Missstände, die Präsidentin Brasiliens berief eine Krisensitzung ein - und schwieg danach. Ihr Amtschef fürchtet Krawalle auch beim Papstbesuch zum Weltjugendtag im Juli.

Dilma Roussef: Am Dienstag noch mit Verständnis für Anliegen der Demonstranten, jetzt schweigsam
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Dilma Roussef: Am Dienstag noch mit Verständnis für Anliegen der Demonstranten, jetzt schweigsam


Brasilia - Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat sich noch nicht persönlich zu den landesweiten Ausschreitungen der vergangenen Nacht geäußert. Sie traf zwar am Freitag in Brasília Justizminister José Eduardo Cardozo und den Chef des Präsidialamts Gilberto Carvalho, um über die Proteste und die Krawalle zu sprechen. Allerdings äußerten sich weder Rousseff noch Cardozo nach dem rund zweistündigen Treffen öffentlich. Im Lauf der Woche hatte sie friedliche Proteste als legitim und "Teil der Demokratie" bezeichnet und versprochen, die "Stimme der Straße" anzuhören.

Ihr Amtschef Carvalho warnte davor, dass die Proteste möglicherweise den sogenannten Weltjugendtag der katholischen Kirche Ende Juli in Rio de Janeiro, zu dem auch Papst Franziskus erwartet wird, überschatten könnten. "Wir müssen vorbereitet sein", sagte er bei einem Treffen mit Organisatoren des Großereignisses in der Hauptstadt Brasília. Er räumte zugleich ein, dass die landesweite Protestbewegung Ausdruck weit verbreiteter Unzufriedenheit sei.

Die Demonstranten wollten "Veränderungen", sagte Carvalho, der im Rang eines Ministers steht. Die Mittelschicht verlange "neue Rechte", und das sei gut so. Mit "halben Maßnahmen" gäben sich die Leute nicht zufrieden.

In der Nacht auf Freitag hatten landesweit über eine Million Menschen gegen Korruption und soziale Missstände protestiert. Es kam in Dutzenden Städten zu Straßenschlachten und massiven Krawallen mit einem Toten und zahlreichen Verletzten. Die Demonstrationen begannen am Freitagabend (Ortszeit) erneut in vielen Städten.

Am Freitag erlag eine 51-Jährige in Belém den Folgen eines Herzinfarkts. Die Frau, die an Bluthochdruck litt, hatte nach offiziellen Angaben am Donnerstagabend am Rande der Proteste auf der Straße gearbeitet und war durch die Konfrontation zwischen Polizei und Randalierern geschockt. Am Freitag war ein 18-Jähriger in Ribeirão Preto, rund 300 Kilometer von São Paulo entfernt, von einem Auto an einer Sperre der Demonstranten überfahren und getötet worden.

cai/dpa/AFP

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carranza 21.06.2013
1. Wer soll denn das schon wieder bezahlen?
Zitat von sysopAFPHunderttausende Menschen protestieren seit einer Woche gegen Korruption und soziale Missstände, die Präsidentin Brasiliens berief eine Krisensitzung ein - und schwieg danach. Ihr Amtschef fürchtet Krawalle auch beim Papstbesuch zum Weltjugendtag im Juli. http://www.spiegel.de/politik/ausland/brasiliens-praesidentin-rousseff-schweigt-zu-massenprotesten-a-907263.html
Der Papstbesuch dürfte tüchtig Kosten produzieren. Da der Veranstalter des Weltjugendtages diese kaum aufbringen könnte wäre eine Videokonferenz eine kostensparende Alternative. Vielleicht zahlt der Papst aber auch selber für seine Reise?
werlknack 22.06.2013
2. Aufstand der Mittelschicht
Dass die Politiker diesen Massenprotest sehr ernst nehmen, zeigt das Zurücknehmen der Fahrpreiserhöhungen, die zu den Massenkundgebungen führten. Aber dieses schnell gegebene und umgehend durchgeführte Eingeständnis reicht den Menschen nicht mehr. Jetzt geht es gegen die Missstände allgemein. - Brasilien könnte der Brotkorb der Welt sein, aber die Regale sind gefüllt mit extrem teuren Produkten internationaler Konzerne. Die Lebensmittelpreise sind etwa so hoch wie in Europa, aber das Durchschnittseinkommen wesentlich niedriger. - Riesige Gas- und Ölvorkommen vor der Küste Brasiliens könnten dem gesamten Land zugute kommen, aber nur wenige profitieren. - Ein Gesetz wird durchgeboxt und Politiker können für ihre "Untaten" nicht mehr belangt werden. - Der Satz "Das ist halt Brasilien", welcher bedeutet, dass nichts ohne Bestechung und Korruption geht, wird nicht mehr akzeptiert. - Die Steuern wurden und werden erhöht, aber Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur erfahren keinerlei Verbesserungen. - In Salvador da Bahia wurde den Bürgern 300km Radfahrwege versprochen. 20km wurden davon geschaffen, aber ein Stadion dass mit 1 Milliarde Reais doppelt so teuer wurde wie geplant, wurde in 3 Jahren fertiggestellt. Die U-Bahn wurde vor 20 Jahren begonnen, aber nie fertiggestellt. Jetzt ist es endlich genug, sagen die Menschen und die Mächtigen werden es noch bereuen, die Fussballweltmeisterschaft und die Olympiade ins Land gebracht zu haben. Und zum Weltkirchentag Ende Juli werden ebenfalls Unruhen erwartet. Die Regierung zeigt sich hilf- und kopflos, denn keiner hat mit diesen Massenprotesten gerechnet. Zuerst zeigte man Verständnis für die Proteste und auch die Fussballer, mit Ausnahme von Pele, stehen aufseiten der Protestler. Noch mag man in Europa sagen "Ach ja, Brasilien... da ist das eben so", aber was hier momentan geschieht, kann jederzeit auch drüben in Europa passieren. Auch dort genügt ein kleiner Funke. Dirk van Appeldorn Rio de Janeiro
thanyarat 22.06.2013
3. Recht haben die Leute
Mit Millionären als Fußballspielern, für deren Spiele sich die allermeisten nicht einmal ein Ticket leisten können, geben sich die Leute nicht mehr zufrieden. Es ist gut, dass die Völker dieser Welt endlich aufstehen und gegen die Missstände, insbesondere gegen die Korruption, protestieren. Weiter so.
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